CCRU
Ansicht

Schriftgröße

Design

Schriftart

Der Kritiker

Band 218 Min. Lesezeit

Afrofuturismus

Vorlesen

Modul IV · Die Kerntheorien


Lernziel

Nach diesem Band kennst du Kodwo Eshuns Theorie der Klangfiktion und die Umkehrung, auf der sie beruht. Du weißt, warum er sich weigerte, schwarze Musik als Ausdruck von Erfahrung zu lesen, und was er stattdessen in ihr fand. Und du kennst die Frage, die dieser Band in den Lehrgang bringt, nämlich wer den Anti-Humanismus aus welchen Gründen braucht.

Darstellung

Den Begriff Afrofuturismus prägte 1993 der amerikanische Kulturkritiker Mark Dery in einem Essay, der von einer Verwunderung ausging. So wenige schwarze Amerikaner schrieben Science-Fiction, obwohl die Geschichte der afrikanischen Diaspora selbst wie ein Stoff dieses Genres aussah. Menschen wurden entführt, über einen Ozean verschleppt, ihrer Namen und Sprachen beraubt und in eine Welt gesetzt, deren Regeln ihnen niemand erklärte. Dery befragte dazu Schriftsteller und Musikkritiker und fand seine Antwort in der Musik, in einer Linie von Sun Ra über George Clinton bis zum Detroiter Techno, in der die Zukunft eine Rolle spielte, die im Rest der amerikanischen Kultur unbesetzt war.

Fünf Jahre später erschien das Buch, das aus dieser Beobachtung eine Theorie machte. Kodwo Eshun veröffentlichte 1998 More Brilliant Than the Sun mit dem Untertitel Adventures in Sonic Fiction, und er trat darin gegen zwei Gegner zugleich an. Der erste war die Musikkritik, die schwarze Musik seit Jahrzehnten als Ausdruck las. In dieser Lesart erzählt der Blues vom Leiden, der Jazz von der Suche nach Freiheit, der Soul von der Gemeinschaft. Musik gilt hier als Spiegel einer Erfahrung, und der Kritiker als jemand, der herausliest, was ohnehin schon da war. Eshun nannte diese Erwartung eine Last. Der schwarze Musiker steht unter dem Zwang, seine Gruppe zu vertreten und deren Wirklichkeit hörbar zu machen, und was er tatsächlich baut, verschwindet hinter dem, was man in ihm erkennen will.

Der zweite Gegner lag in derselben Erwartung, an ihrem oberen Ende. Wer Musik als Ausdruck liest, sucht darin nach Authentizität, nach dem Echten, nach der ungebrochenen Stimme. Eshun interessierte sich für das Gegenteil, für alles, was die Stimme verfremdet, zerlegt, durch Geräte schickt. Für Vocoder, Hall, Echo, Verzerrung, für den beschleunigten Breakbeat und den Bass, der unterhalb des Hörens sitzt. Diese Mittel gelten der Ausdruckstheorie als Verfälschung, als Schleier über dem Eigentlichen. In seiner Optik sind sie die Sache selbst, und was hinter ihnen liegen soll, existiert nicht.

An die Stelle des Ausdrucks setzte er einen Begriff, den er der Science-Fiction entlieh. Sonic Fiction, Klangfiktion, bezeichnet Musik, die keine Wirklichkeit abbildet, sondern eine entwirft. Sie berichtet nicht von einer Gegenwart, sie baut Welten, die noch nicht bestehen, und sie tut es nicht in Worten, sondern in Klang. Wer sie hört, betritt diese Welten für die Dauer eines Stücks und kommt verändert heraus. Du erkennst die Bewegung aus Band 12 wieder, allerdings verschoben. Die CCRU schrieb Theorie, die konstruiert statt zu beschreiben. Eshun behauptet, dass die Musiker, über die er schreibt, dieses Verfahren längst betreiben, seit Jahrzehnten, ohne je einen theoretischen Begriff dafür gebraucht zu haben.

Sein Kanon reicht von Sun Ra, der behauptete, vom Saturn zu stammen und die Erde bloß zu besuchen, über George Clinton und dessen Raumschiff, das mitten in der Bühnenshow landete, über Lee Perrys Jamaika und die elektrische Phase von Miles Davis bis in den Detroiter Techno und den Londoner Jungle der neunziger Jahre. Was diese Musiker verbindet, ist die Weigerung, ihre Herkunft als Programm zu behandeln, und die Bereitschaft, sich eine andere zu geben.

Der Fall, an dem seine These am dichtesten wird, kommt aus Detroit. Zwei Musiker, die unter dem Namen Drexciya auftraten und deren Identität sie jahrelang verbargen, erfanden zu ihren Platten eine Vorgeschichte. Auf den Sklavenschiffen über den Atlantik wurden schwangere Frauen über Bord geworfen. Ihre ungeborenen Kinder, so die Erzählung, starben nicht, sondern lernten unter Wasser zu atmen, und aus ihnen wuchs auf dem Grund des Ozeans eine Zivilisation, die dort bis heute besteht. Die Platten liefern die Landkarten, die Wellenberichte, die Meldungen dieser Welt.

Halte fest, woraus dieser Mythos gebaut ist. Der Ausgangspunkt ist keine Erfindung. Menschen wurden von Sklavenschiffen geworfen, es geschah in großer Zahl, und die Zahlen stehen in den Versicherungsakten der Zeit. Was Drexciya hinzufügt, ist eine Fortsetzung dieser Tatsache in eine Richtung, in der sie nicht endet. Wo der historische Bericht eine Auslöschung verzeichnet, setzt der Mythos ein Fortleben. Das ist keine Verharmlosung, denn die Gewalt bleibt in der Erzählung stehen, sie ist ihr Ursprung. Verändert wird nur, was danach kommt.

Damit ist die Umkehrung erreicht, um die es Eshun geht, und sie betrifft das Zentrum dieses Lehrgangs. Die humanistische Antwort auf die Sklaverei lautet, dass hier Menschen wie Sachen behandelt wurden, und sie fordert die Anerkennung, die man ihnen verweigerte. Eshun hält diese Forderung für eine Sackgasse und begründet es mit der Geschichte selbst. Wer über Jahrhunderte hinweg als Ware geführt, verkauft, versichert und abgeschrieben wurde, hat kein Verhältnis zum Begriff des Menschen, das sich durch nachträgliche Aufnahme reparieren ließe. Der Humanismus war zur selben Zeit in derselben Welt gültig, in der die Schiffe fuhren, und beides hat einander nicht gestört. Ein Angebot, das über vierhundert Jahre nicht eingelöst wurde, ist als Angebot uninteressant geworden.

Was er stattdessen vorschlägt, findet er bei seinen Musikern vor. Sun Ra behauptet nicht, dass man ihn als Menschen anerkennen möge. Er behauptet, vom Saturn zu kommen. Drexciya bittet nicht um Aufnahme in die Menschheit, sondern beschreibt eine Bevölkerung unter Wasser, die keine braucht. Die Figur des Aliens ist in dieser Musik keine Metapher für Fremdheitsgefühle, sondern eine Position, die man einnimmt, weil sie mehr Bewegungsfreiheit bietet als die Bittstellung. Und die Entführung durch technisch überlegene Wesen, die die Science-Fiction als Angstfantasie kennt, ist in dieser Geschichte kein Bild, sondern eine Sache, die stattgefunden hat.

Hier trennt sich der Anti-Humanismus dieses Bandes von dem der Bände 10 und 16. Bei Land ist er eine Entscheidung. Ein europäischer Philosoph, dem der Humanismus offenstand, wies ihn aus intellektuellen Gründen zurück und fand die Zurückweisung interessant. Bei Eshun ist er ein Befund. Für die Menschen, über die er schreibt, war der Humanismus nie eine verfügbare Option, deren Ablehnung eine Wahl gewesen wäre. Die beiden Positionen klingen ähnlich und haben nichts miteinander zu tun. Die eine ist ein Luxus, die andere eine Bilanz.

Eshuns Sprache folgt seinem Gegenstand. Er erfindet Begriffe im Dutzend, presst sie in Wortverbindungen zusammen, verweigert die Erklärung und schreibt in einem Ton, der schneller läuft, als das Verstehen mitkommt. Wer sein Buch nach Thesen absucht, findet wenige. Es ist gebaut, um denselben Effekt zu erzeugen, den es beschreibt, und in dieser Hinsicht steht es Lands Prosa näher, als die inhaltliche Distanz zwischen beiden vermuten lässt.

Nach der CCRU gründete Eshun mit Anjalika Sagar The Otolith Group, ein Kollektiv, das im Film und in der bildenden Kunst arbeitet und 2010 für den Turner Prize nominiert wurde. 2003 kam er in einem Aufsatz auf den Afrofuturismus zurück und verschob dabei seinen eigenen Ansatz. Zukunft, so seine Überlegung dort, ist inzwischen ein Geschäft. Konzerne, Beratungen und Regierungen produzieren Prognosen im Akkord, und diese Prognosen richten die Gegenwart aus. Wer unter solchen Bedingungen Zukunft entwirft, arbeitet in einem besetzten Feld und muss zuerst fragen, wem die vorhandenen Zukünfte gehören.

Kernaussage

Kodwo Eshun weigerte sich in More Brilliant Than the Sun, schwarze Musik als Ausdruck von Erfahrung zu lesen, und beschrieb sie stattdessen als Klangfiktion, die Welten entwirft, statt vorhandene abzubilden. Sein Kanon von Sun Ra über George Clinton bis Drexciya und Jungle zeigt Musiker, die sich eine andere Herkunft geben, statt um Anerkennung zu bitten. Sein Anti-Humanismus unterscheidet sich von Lands darin, dass er kein Entschluss ist, sondern eine Bilanz, gezogen von Menschen, denen der Humanismus über vierhundert Jahre hinweg nicht offenstand.

Der Kritiker

Die Verabschiedung der Ausdruckstheorie hat einen Preis, und Eshun hat ihn später selbst benannt. Detroit ist die Stadt, in der die Autoindustrie gebaut wurde und aus der sie verschwand, und der Techno, der dort entstand, kam aus leeren Fabriken und leeren Häusern. Wer in dieser Musik nur die Maschine hört und die Verhältnisse als Hintergrundrauschen abtut, überhört, wovon sie handelt. Die Ausdruckstheorie war zu eng und sie war nicht falsch. Eshuns Korrektur von 2003, in der die Machtfrage nach der Zukunft zurückkehrt, liest sich wie eine stillschweigende Rücknahme.

Sein Stil trägt dasselbe Problem wie der Lands. Ein Buch, das schneller läuft als das Verstehen, erzeugt Zustimmung, die es nicht begründet hat, und es macht den Einwand zur Begriffsstutzigkeit. Wer bei Eshun nach der Stelle sucht, an der eine These geprüft wird, sucht lange. Er schreibt Klangfiktion über Klangfiktion, und diese Konsequenz ist elegant und immunisiert.

Was von diesem Band trotzdem bleibt, ist der schärfste Beitrag, den das Umfeld der CCRU hervorgebracht hat, und er kommt nicht aus der Theorie. Sun Ra, Clinton und Drexciya haben ihre Position nicht aus Deleuze bezogen. Sie haben sie gebaut, weil sie sie brauchten, und Eshun hat sie beschrieben. Damit steht die Frage im Raum, die dem Lehrgang bis hierher gefehlt hat. Wer den Menschen zurückweist, sollte sagen, ob er je als einer galt. Land wies eine Stellung zurück, die ihm gehörte. Die Musiker, über die Eshun schreibt, wiesen eine zurück, die man ihnen vorenthalten hatte. Zwei Bewegungen mit demselben Wort und ungleicher Deckung, und die schwächere von beiden ist die berühmtere.

Brücke zum nächsten Band

Eshun blieb Schreibender. Sein engster Weggefährte im Umfeld der Gruppe ging weiter und machte die Musik selbst. Band 22 wendet sich Steve Goodman zu, der unter dem Namen Kode9 produziert, das Label Hyperdub gründete und in Sonic Warfare eine Theorie entwickelte, die Klang unterhalb der Bedeutung ansetzt, dort, wo Schwingung auf Körper trifft. Mit ihm schließt das vierte Modul, und der Lehrgang wendet sich der Wirkung zu, die nach der Auflösung der Gruppe einsetzte.