CCRU
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Der Kritiker

Band 199 Min. Lesezeit

Das Numogramm

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Modul IV · Die Kerntheorien


Lernziel

Nach diesem Band kennst du den Aufbau des Diagramms, das im Zentrum der CCRU-Zahlenlehre steht. Du kannst seine drei Operationen selbst ausführen, die Syzygie, den Strom und das Tor, und du verstehst, warum die Neun in diesem System die Rolle spielt, die sie spielt. Vor allem begreifst du, was für ein Gegenstand hier vorliegt, denn das Numogramm ist kein Bild, das etwas darstellt, sondern eine Maschine, die etwas tut.

Darstellung

Betritt diesen Band mit einer anderen Erwartung als die vorigen. Bis hierher hast du Argumente geprüft. Nun steht ein Artefakt vor dir. Das Numogramm behauptet nichts, es funktioniert, und die einzige angemessene erste Frage lautet, wie es gebaut ist.

Das Material ist so gewöhnlich, dass die Wahl erklärungsbedürftig ist. Zehn Ziffern, null bis neun. Nichts sonst. Die CCRU nannte dieses Feld das dezimale Labyrinth und teilte es in zehn Zonen, eine je Ziffer. Eine Zone ist keine Zahl im mathematischen Sinne und kein Symbol im gewöhnlichen. Sie ist ein Ort, an dem man sich aufhalten, in den man eintreten und aus dem man austreten kann, und die ganze Konstruktion besteht darin, die Wege zwischen diesen Orten zu bestimmen. Es gibt drei solcher Wege, und alle drei folgen aus einer einzigen Rechenoperation.

Die erste Operation heißt Syzygie. Das Wort stammt aus der Astronomie und bezeichnet dort die Konstellation, in der drei Himmelskörper auf einer Linie stehen, im weiteren Sinne eine Paarung. Die Regel ist denkbar einfach. Jede Zone wird mit derjenigen gepaart, die sie zu neun ergänzt. Damit erhältst du fünf Paare, und mehr gibt es nicht. Null mit neun. Eins mit acht. Zwei mit sieben. Drei mit sechs. Vier mit fünf. Die CCRU schreibt sie mit einem doppelten Doppelpunkt, 9::0, 8::1, 7::2, 6::3, 5::4. Zehn Zonen, fünf Paare, keine Reste, keine Ausnahme. Jede Zone hat genau einen Partner, und das Feld ist restlos aufgeteilt.

Die zweite Operation heißt Strom und ergibt sich aus der ersten. Jedes Paar hat eine innere Spannung, nämlich die Differenz zwischen seinen beiden Zonen. Rechne nach. Neun minus null ergibt neun. Acht minus eins ergibt sieben. Sieben minus zwei ergibt fünf. Sechs minus drei ergibt drei. Fünf minus vier ergibt eins. Damit hast du fünf Ströme, und sie tragen die Zahlen neun, sieben, fünf, drei, eins. Sieh dir an, was hier geschehen ist. Ein Verfahren, das Paare bildet, hat die ungeraden Zahlen hervorgebracht, und zwar vollständig und ohne Wiederholung. Niemand hat das angeordnet. Es fällt aus der Regel heraus.

Die dritte Operation heißt Tor und ist die einzige, die etwas hinzunimmt. Sie arbeitet mit den Dreieckszahlen. Eine Dreieckszahl entsteht, wenn du alle Zahlen bis zu einer gegebenen aufsummierst, weil sich diese Summe als gleichschenkliges Dreieck aus Punkten legen lässt. Für die drei ist es eins plus zwei plus drei, also sechs. Für die vier zehn, für die fünf fünfzehn. Die CCRU nimmt für jede Zone deren Dreieckszahl und bildet davon die Quersumme, solange, bis eine einzelne Ziffer übrig bleibt. Das Ergebnis ist die Zone, in die das Tor führt.

Führe es aus, denn nur dann siehst du es.

Zone eins hat die Dreieckszahl eins, das Tor führt zur eins. Zone zwei hat die drei, das Tor führt zur drei. Zone drei hat die sechs, das Tor führt zur sechs. Zone vier hat die zehn, Quersumme eins, das Tor führt zur eins. Zone fünf hat die fünfzehn, Quersumme sechs. Zone sechs hat die einundzwanzig, Quersumme drei. Zone sieben hat die achtundzwanzig, Quersumme zehn, daraus eins. Zone acht hat die sechsunddreißig, Quersumme neun. Zone neun hat die fünfundvierzig, Quersumme neun. Zone null hat die null.

Die Tore tragen die Namen ihrer Dreieckszahl, und deshalb findest du in den Texten der Gruppe Bezeichnungen wie Tor fünfundvierzig oder Tor sechsunddreißig. Betrachte nun, wohin die Tore führen. Zur eins, zur drei, zur sechs, zur neun, zur null. Zehn Zonen besitzen ein Tor, und diese zehn Tore münden in fünf Ziele. Das Diagramm zieht sich zusammen. Wege, die weit auseinanderliegen, laufen an denselben Orten wieder ein, und aus einem gleichmäßigen Feld wird eine Landschaft mit Senken.

Damit stehen die drei Wege, und du solltest ihre Verschiedenheit bemerken. Die Syzygie ist eine Bindung, sie verknüpft zwei Zonen dauerhaft und symmetrisch. Der Strom ist eine Bewegung, er hat eine Stärke und läuft zwischen den Gebundenen. Das Tor ist ein Sprung, es führt aus einer Zone hinaus in eine andere, ohne Rücksicht auf die Paarung. Bindung, Bewegung, Sprung. Aus zehn Ziffern und zwei Rechenregeln entsteht ein Netz mit drei Arten von Kanten.

Nun zur Neun, denn sie regiert das ganze Gebilde und ihre Herrschaft hat einen Grund. Im Zehnersystem verhält sich die Neun eigenartig. Nimm irgendeine Zahl, bilde ihre Quersumme, wiederhole das, bis eine Ziffer übrig bleibt. Diese Ziffer ändert sich nicht, wenn du zur Ausgangszahl ein Vielfaches von neun addierst. Multipliziere irgendetwas mit neun und die Quersumme des Ergebnisses ist wieder neun. Achtzehn ergibt neun, siebenundzwanzig ergibt neun, zweiundsiebzig ergibt neun. Die Neun verschluckt alles, was sie berührt. Sie ist im Zehnersystem der Ort, an dem die Zahlen sich schließen, der Punkt, an dem der Kreis zurück auf sich selbst trifft. Genau deshalb steht sie im Numogramm an der Stelle, an der andere Systeme ihr höchstes Prinzip aufstellen. Die Syzygie ergänzt zu neun, die Tore rechnen modulo neun, und das ganze Labyrinth ist um diese eine Eigenschaft herum gebaut.

Die Ahnen dieses Verfahrens sind bekannt und die CCRU verbarg sie nie. Die Gematrie der Kabbala ordnet Buchstaben Zahlen zu und liest aus Zahlengleichheit eine verborgene Verwandtschaft der Wörter. Das I Ging erzeugt aus binären Linien vierundsechzig Zeichen und liest daraus Lagen. Beide Systeme behandeln Zahlen als Substanz statt als Werkzeug, beide erzeugen Bedeutung durch Kombinatorik. Die CCRU übernimmt dieses Verfahren und entkleidet es seiner Herkunft. Kein Gott steht dahinter, keine Offenbarung, keine Tradition. Was bleibt, ist die reine Mechanik, ein Okkultismus ohne Jenseits.

Über dieses Grundgerüst legte die Gruppe eine weitere Schicht, die dieser Band nur benennt und die der nächste behandelt. Die Zonen erhielten Namen. Jeder Zone wurde ein Wesen zugeordnet, und die Gesamtheit dieser Wesen bildete eine Ordnung, die die CCRU als Pandämonium bezeichnete. Dazu kam eine Zeitfigur, die Barker-Spirale, benannt nach der erfundenen Person, deren Lehre Band 20 vorstellt. Sie legt über das Diagramm einen Weg, der die Zonen nicht als Landkarte durchläuft, sondern als Chronologie, und macht aus dem Ortsplan eine Uhr.

Damit steht die Frage, worauf das alles hinausläuft, und sie hat eine Antwort, die diesen Band mit den vorigen verbindet. Das Numogramm ist kein Bild, das eine vorhandene Wirklichkeit abbildet. Es ist ein Ding, das man benutzt. Man tritt hinein, wählt eine Zone, rechnet, gelangt woandershin. Es erzeugt Verbindungen, wo keine waren, und es erzeugt sie zwangsläufig, denn die Regeln lassen keine Wahl. Genau hier greift die Erkenntnistheorie aus Band 12. Wo die akademische Theorie ein Spiegel sein will, ist dieses Diagramm eine Maschine. Es beschreibt nichts und produziert etwas. Die CCRU hat ihre Behauptung über die Natur des Denkens nicht bloß aufgestellt, sie hat einen Gegenstand gebaut, an dem sich diese Behauptung ausführen lässt.

Und die Konstruktion tut, was ein gelungenes Artefakt tut. Sie zieht Leute an. Seit dreißig Jahren rechnen Menschen an diesem Diagramm weiter, bauen Erweiterungen, streiten über Zuordnungen, entdecken Symmetrien, die niemand hineingelegt hat. Es hat sich verselbständigt und wächst ohne seine Erbauer. Ob das ein Beleg für irgendeine These ist, entscheidet der Kritiker. Als Fakt steht es fest.

Kernaussage

Das Numogramm ordnet die Ziffern null bis neun zu zehn Zonen und verbindet sie durch drei Operationen. Die Syzygie paart jede Zone mit ihrer Ergänzung zu neun und erzeugt fünf Paare. Der Strom misst die Differenz innerhalb eines Paares und bringt dabei vollständig die ungeraden Zahlen hervor. Das Tor führt über die Quersumme der Dreieckszahl aus einer Zone hinaus, wobei zehn Tore in nur fünf Ziele münden. Die Neun regiert das System, weil sie im Zehnersystem alles verschluckt, was sie berührt. Das Diagramm bildet nichts ab, es ist eine Maschine, die Verbindungen erzeugt.

Der Kritiker

Die Basis zehn ist eine Konvention und sie hat einen anatomischen Grund. Menschen haben zehn Finger, deshalb zählen sie in Zehnerschritten, und deshalb besitzt die Neun ihre verschluckende Eigenschaft. Diese Eigenschaft ist kein Zug der Zahlen, sondern ein Artefakt der Notation. In der Basis acht käme sie der Sieben zu, in der Basis sechzehn der Fünfzehn, im Zwölfersystem der Elf. Die gesamte Kosmologie des Numogramms ruht damit auf einem Zufall der Handanatomie. Ein anti-humanistisches System, das den Menschen als vorübergehende Stufe abschreiben will, hat sein Fundament in dessen Fingern. Diese Ironie ist zu schön, um übergangen zu werden, und sie ist zugleich der schärfste Einwand, den man erheben kann.

Der zweite Einwand betrifft die Musterbildung selbst. Jedes hinreichend reiche Zahlensystem produziert Symmetrien, wenn man lange genug rechnet, und die Freude, die man dabei empfindet, ist eine Eigenschaft des Rechnenden und keine des Gerechneten. Dass die Ströme genau die ungeraden Zahlen ergeben, ist elegant und folgt trivial daraus, dass die Differenz zweier Zahlen, die zu einer ungeraden Summe ergänzen, ungerade sein muss. Es ist kein Fund, es ist eine Umformung. Du hast dieses Phänomen in Band 13 bereits kennengelernt, unter dem Namen Verdichter von Zufällen, und die CCRU wusste, was sie tat. Sie hat den Bestätigungsfehler nicht übersehen, sie hat ihn zum Werkzeug gemacht. Das ist konsequent und es macht das Ergebnis um keinen Deut belastbarer.

Was bleibt, ist etwas anderes als eine Erkenntnis, und es ist nicht wenig. Das Numogramm ist die reinste Demonstration des ganzen CCRU-Verfahrens, weil hier nichts mehr zu widerlegen ist. Es gibt keine Behauptung, die falsch sein könnte, nur eine Konstruktion, die läuft oder nicht läuft. Sie läuft. Menschen betreten sie, rechnen, finden Muster, bauen weiter, und ein Gebilde, das eine kleine Gruppe in den Neunzigern erfand, hat seine Erbauer überlebt und vermehrt sich ohne sie. Als Argument ist das wertlos. Als Vorführung dessen, was eine gut gebaute Fiktion vermag, ist es das stärkste Stück, das die Gruppe hinterlassen hat. Wer die CCRU als Kunst betrachtet, steht hier vor ihrem Hauptwerk.

Brücke zum nächsten Band

Das Gerüst steht, die Bewohner fehlen. Um dieses Diagramm errichtete die CCRU eine ausgedehnte Mythologie, mit einem versunkenen Kontinent, einem Krieg in der Zeit und einem erfundenen Wissenschaftler namens Daniel Barker, dessen Lehre von der Geotraumatik die Erde als traumatisierten Körper und die Geologie als dessen Nervensystem liest. Band 20 betritt diese Zone. Dort wird sichtbar, wozu das Numogramm gebaut wurde, denn der Mythos ist der Ort, an dem die Gruppe ihre eigene These über die Wirkkraft von Fiktionen einem Versuch unterzog.