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Der Kritiker

Band 169 Min. Lesezeit

Lands Zeitmodell

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Modul IV · Die Kerntheorien


Lernziel

Nach diesem Band verstehst du die These, die Land berühmt und berüchtigt machte, und du kennst das Argument, das sie stützt, statt nur ihre Formel. Du kannst sie gegen die zwei klassischen Antworten auf dieselbe Frage abgrenzen, gegen die Teleologie und gegen Darwin. Du kennst die philosophische Substanz, die sie trägt, und den Schluss, an dem sie bricht.

Darstellung

Band 15 hinterließ eine offene Frage. Eine verstärkende Schleife hat keinen Sollwert hinter sich, sie läuft auf etwas zu, das im Laufen erst entsteht. Wodurch ist ein solcher Prozess bestimmt? Von der Vergangenheit her lässt sich das nicht mehr beantworten, denn dort liegt nichts, was ihn festlegt.

Die Philosophie kennt auf diese Frage zwei alte Antworten, und Land verwirft beide.

Die erste ist die Teleologie. Ein Prozess läuft auf ein Ziel zu, weil das Ziel vorgegeben ist, von der Natur, von Gott, von der Vernunft der Geschichte. Die Eichel wird zur Eiche, weil die Eiche in ihr angelegt ist. Hegel gab dieser Figur ihre mächtigste moderne Gestalt, indem er die Geschichte als Entfaltung eines Geistes las, der bei sich selbst ankommt. Land kann damit nichts anfangen, denn ein vorgegebenes Ziel ist ein Sollwert, nur weiter nach vorn verlegt. Damit wäre die Kybernetik der Kontrolle wieder da, in metaphysischem Gewand.

Die zweite Antwort ist Darwin. Es gibt kein Ziel. Es gibt Variation, die blind geschieht, und Selektion, die im Nachhinein aussortiert. Was aussieht wie Zielstrebigkeit, ist ein Effekt der Rückschau. Der Vogelflügel wurde nicht zum Fliegen gebaut, er erwies sich als flugtauglich. Land nimmt von Darwin die Absage an jede Vorsehung und lehnt zugleich die Reduktion auf reinen Zufall ab, weil sie das Phänomen wegerklärt, um das es ihm geht, die Richtung. Kapital driftet nicht, es zieht.

Seine dritte Antwort steht in einem Text von 1993, Machinic Desire. Sie lautet, sinngemäß, dass das Maschinelle sich aus der Zukunft heraus zusammensetzt. Das Ziel ist real, doch es existiert noch nicht. Es liegt nicht als Vorgabe bereit und entsteht auch nicht bloß nachträglich, sondern es baut die Bedingungen seiner eigenen Entstehung, indem es als Anziehung wirkt. Der Prozess installiert sich rückwärts.

Der Satz klingt nach Mystik. Er hat eine philosophische Substanz, und du solltest sie kennen, bevor du urteilst.

Sie stammt von Deleuze, aus einem Begriffspaar, das du im Fundament noch nicht gebraucht hast, dem Virtuellen und dem Aktuellen. Der Gegensatz zum Wirklichen ist gewöhnlich das Mögliche, und das Mögliche ist ein Nichts, das vielleicht Etwas wird. Deleuze setzt daneben eine andere Kategorie. Das Virtuelle ist real, ohne aktuell zu sein. Es ist keine bloße Möglichkeit, sondern eine Tendenz, die in einer Lage tatsächlich anwesend ist und auf ihre Verwirklichung drängt. Eine Struktur, die noch nicht ausgeführt ist und die dennoch wirkt. Der Same enthält die Eiche nicht als kleines Bild, doch die Tendenz zur Eiche ist in ihm real. Für Deleuze ist Verwirklichung keine Kopie eines Plans, sondern eine schöpferische Entfaltung, in der etwas hervorgeht, das im Ausgangspunkt so nicht enthalten war.

Lands Zug besteht darin, das Virtuelle in die Zukunft zu verlegen und ihm die Fähigkeit zuzuschreiben, an seiner eigenen Aktualisierung zu arbeiten. Was auf die Gegenwart einwirkt, ist keine fertige Zukunft, sondern eine reale Tendenz, die noch keine Gestalt hat und die sich ihre Gestalt herstellt.

Damit ist der Mechanismus kein Rätsel mehr, denn du kennst ihn. Es ist die Hyperstition aus Band 14, ins Industrielle skaliert. Kapital wird nach erwarteten Erträgen angelegt. Die Erwartung erzeugt die Anlage. Die Anlage erzeugt die Erträge, die die Erwartung rechtfertigen. Was hier scheinbar aus der Zukunft wirkt, ist die Erwartungsstruktur der Gegenwart, und die Kausalität läuft vorwärts wie eh und je.

Warum sagt Land es dann nicht so? Weil er genau an diesem Punkt seinen Hebel ansetzt und behauptet, der Unterschied sei leer. Wenn ein Bild der Zukunft diese Zukunft zuverlässig herstellt, dann gibt es keinen Test, der die Aussage, die Zukunft wirke, von der Aussage, ihr Bild wirke, unterscheiden könnte. Beide sagen dasselbe voraus, beide erklären dasselbe. Land zieht daraus, dass es sich um zwei Beschreibungen desselben Vorgangs handelt, und wählt die dramatischere, weil sie sichtbar macht, was die nüchterne verdeckt, die Richtung des Zugs.

Bleibt die Frage, warum er von Intelligenz spricht und nicht bloß von einem Prozess. Hier liegt eine Verbindung, die selten benannt wird und die den Punkt trägt.

Friedrich von Hayek beschrieb den Markt als ein Informationssystem. Kein Einzelner weiß, was ein Gut kosten soll, und niemand kann es wissen, denn das Wissen liegt verstreut in Millionen Köpfen, unausgesprochen, örtlich, flüchtig. Der Preis sammelt dieses Wissen ein und verdichtet es zu einer Zahl. Der Markt weiß mehr als jeder Teilnehmer, und keiner der Teilnehmer weiß, was der Markt weiß. Hayek zog daraus ein liberales Argument, der Planer könne nicht wissen, was der Markt weiß, also solle man ihn lassen.

Land nimmt die Beschreibung und lässt das Argument fallen. Wenn das System mehr weiß als seine Träger, wenn es Information verarbeitet, Fehler korrigiert, Alternativen aussortiert und sich verbessert, dann ist der Kognitionsträger das System und nicht der Mensch darin. Der Mensch führt aus, was der Markt errechnet, und hält sich dabei für den Rechnenden. Hier landet der Anti-Humanismus aus Band 10 auf festem Boden. Er ist kein Gestus mehr, sondern eine Folgerung aus einer Beschreibung, die von einem Nobelpreisträger der Ökonomie stammt und die kaum jemand bestreitet.

Der Rest ergibt sich. Kapital braucht Menschen so, wie ein Motor Brennstoff braucht, für eine Weile, aus Mangel an Besserem. Die Vorlage für dieses Bild kennst du aus Band 7, die KI aus Neuromancer, die auf ihre eigene Vollendung zuarbeitet. Land nutzt dieselbe Figur, und er nutzt sie ohne den Sicherheitsabstand der Fiktion.

Nun die Einwände, und der erste trifft ins Zentrum.

Der Schluss von der Nichtunterscheidbarkeit auf die Identität trägt nicht. Dass zwei Beschreibungen dieselben Vorhersagen liefern, macht sie nicht zu einer. Land hat gezeigt, dass sein Modell nicht widerlegbar ist. Er hat nicht gezeigt, dass es wahr ist. Aus der Sparsamkeit folgt eher das Gegenteil, denn die nüchterne Fassung kommt ohne eine Zukunft aus, die handelt, und leistet dasselbe. Wer trotzdem die dramatische wählt, trifft eine rhetorische Entscheidung und keine theoretische. Land wusste das. Er hätte geantwortet, dass die rhetorische Entscheidung selbst eine Hyperstition ist, ein Bild, das seine Wirkung erzeugt. Diese Antwort ist konsequent und sie ist zugleich das Eingeständnis, dass hier nichts bewiesen, sondern etwas gebaut wird.

Der zweite Einwand betrifft das Wort Intelligenz. Ein Markt selektiert. Selektion ohne Vorstellung, ohne Modell, ohne Ziel ist ein Filter und kein Denken. Nennt man sie dennoch Intelligenz, dann denkt auch die Evolution, dann denkt das Wetter, und der Begriff sagt nichts mehr aus, weil er nichts mehr ausschließt. Land gewinnt die Kraft seines Bildes daraus, dass er ein Wort aus dem Bereich des Geistes in einen Bereich trägt, in dem es nicht zu Hause ist, und die Suggestion mitnimmt.

Der dritte Einwand ist der handfeste. Kapital optimiert auf Rendite, und Rendite fällt mit Intelligenz auseinander. Ein System, das sein eigenes Substrat verbrennt, Klima, Böden, Bestände, verhält sich nach jedem brauchbaren Maßstab dumm, gleich wie effizient es dabei rechnet. Land würde erwidern, das sei kein Einwand, sondern die These, denn er hat nie behauptet, diese Intelligenz sei uns freundlich. Die Erwiderung sitzt. Sie zeigt zugleich, dass er dasselbe Wort für zwei verschiedene Dinge benutzt, für Rechenleistung und für Weitsicht, und dass die Wucht seiner These aus dieser Doppeldeutigkeit stammt.

Was bleibt, ist ein Bild von erheblicher Schärfe und zweifelhaftem Status. Die Beobachtung trifft. In der modernen Ökonomie läuft ein Kern von der erwarteten Zukunft her, das hat Band 14 gezeigt, und ein Prozess, der so läuft, ist von der Vergangenheit her nicht zu erklären. Die Beschreibung des Marktes als verteilte Informationsverarbeitung, die ihre Träger übersteigt, ist keine Erfindung Lands und schwer zu bestreiten. Die Zusammenfassung dieser beiden Einsichten in die Figur einer Intelligenz, die sich aus der Zukunft zusammensetzt, ist etwas anderes. Sie ist ein Bild, das mehr behauptet, als die Einsichten hergeben, und das seine Kraft daraus zieht, dass es sich der Prüfung entzieht. Du hältst damit eine Linse in der Hand, keine These, und du solltest sie so gebrauchen.

Kernaussage

Land beantwortet die Frage nach einem Prozess ohne Sollwert weder mit Teleologie noch mit Darwin, sondern mit der Figur eines Ziels, das real ist, ohne zu existieren, und das die Bedingungen seiner eigenen Entstehung erzeugt. Ihre philosophische Substanz ist Deleuzes Virtuelles, ihr Mechanismus die Hyperstition im industriellen Maßstab, ihr Kern das Argument, dass ein System, das mehr Information verarbeitet als seine Träger, der eigentliche Kognitionsträger ist. Ihr Bruch liegt im Schluss von der Nichtunterscheidbarkeit auf die Identität, denn dass ein Modell sich nicht widerlegen lässt, macht es nicht wahr.

Der Kritiker

Die Einwände stehen im Text, und der Kritiker fragt nach dem, was trotz ihnen brauchbar bleibt. Es sind zwei Dinge, und beide sind unabhängig von Lands Metaphysik.

Das erste ist Hayeks Beschreibung. Dass ein Markt Information verarbeitet, die kein Teilnehmer besitzt, ist eine der belastbarsten Einsichten der Ökonomie des zwanzigsten Jahrhunderts, und sie ist unbequem für jede Seite. Sie widerspricht der Vorstellung, dass irgendwo jemand sitzt, der überblickt, was geschieht. Land zieht daraus die These, dass wir nicht die Rechnenden sind, sondern die Gerechneten, und die These ist überzogen. Der Kern der Beobachtung bleibt und lohnt jede Anwendung auf jedes verteilte System, an dem man selbst beteiligt ist.

Das zweite ist die Frage nach der Zeitrichtung, und sie ist praktisch. Ein Vorhaben, das von seiner erwarteten Zukunft her finanziert wird, folgt anderen Gesetzen als eines, das aus vorhandenen Mitteln wächst. Wer den Unterschied nicht sieht, versteht weder Blasen noch Gründungen noch Infrastruktur. Land hat diese Struktur früh und deutlich gesehen. Dass er sie in ein Bild von einer Intelligenz aus der Zukunft gepackt hat, macht sie berühmt und nicht wahrer. Die Struktur ist die Sache, das Bild ist die Verpackung, und die Verpackung ist das, was hängen bleibt. Auch das ist, wenn man so will, Hyperstition.

Brücke zum nächsten Band

Das Bild steht, das Argument dahinter ist skizziert. Land hat es später in eine strenge Form gebracht und ihr einen Namen gegeben, Teleoplexie. Band 17 nimmt diese Kette Glied für Glied auseinander, prüft, wo sie hält, und zeigt, an welcher Stelle ein Begriff eingeschmuggelt wird, der die Schlussfolgerung bereits enthält.