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Der Kritiker

Band 148 Min. Lesezeit

Hyperstition II

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Modul III · Die Methode


Lernziel

Nach diesem Band kennst du den Fall, auf den die CCRU alles setzt. Du kannst zeigen, an welchen vier Stellen Geld und Kredit nach der Logik der Hyperstition arbeiten, und du kennst den empirischen Befund, der diese Behauptung stützt, ohne von der Gruppe zu stammen. Du grenzt Lands Lesart gegen Marx und gegen Soros ab und kennst den Einwand, an dem sie sich bricht. Damit ist der Begriff geprüft statt bloß erklärt.

Darstellung

Die Behauptung ist maximal. Kapital ist nicht eine Hyperstition neben anderen, es ist der Musterfall, an dem sich der Begriff bewährt oder erledigt. Gelingt der Nachweis, dann ist Hyperstition keine literarische Eigenart einer Warwicker Randgruppe, sondern eine Aussage über die Bauart der Gegenwart. Misslingt er, bleibt ein hübscher Gedanke ohne Gewicht.

Beginne beim Kredit, denn dort liegt der Mechanismus offen. Ein Kredit ist ein Anspruch auf etwas, das nicht existiert. Die Bank vergibt Geld für eine Fabrik, die noch nicht steht, gegen Erträge, die noch niemand erwirtschaftet hat. Das Geld selbst entsteht dabei aus nichts. Eine Bank verleiht keine vorhandenen Einlagen weiter, sie schreibt den Betrag ins Konto und schafft ihn damit. Die Buchung ist der Vorgang. Was hier geschieht, hat die exakte Form aus dem letzten Band. Eine Erwartung über eine Zukunft erzeugt die Mittel, mit denen diese Zukunft gebaut wird, und die gebaute Zukunft rechtfertigt die Erwartung im Nachhinein. Die Fabrik steht, weil jemand glaubte, dass sie stehen würde. Der Glaube kam zuerst, das Geld entstand aus ihm, die Sache folgte.

Das Geld selbst ist der zweite Fall und der reinere. Ein Schein hat keinen Wert. Er hat Wert, weil alle darauf rechnen, dass die anderen darauf rechnen. Die Deckung ist nicht Gold, sondern die wechselseitige Erwartung. Wer diesen Satz für eine Zuspitzung hält, betrachte den Bankensturm, den du aus Merton kennst. Er ist der Moment, in dem die Erwartung kippt und mit ihr die Sache. Nichts an der Bank hat sich geändert außer dem, was man ihr zutraut, und genau das war ihre Substanz. Die Hyperstition zeigt sich am deutlichsten dort, wo sie versagt.

Der dritte Fall ist die Bewertung. Der Kurs eines Unternehmens bemisst nicht, was es besitzt, sondern was man ihm zutraut. Das wäre harmlos, wenn die Bewertung folgenlos bliebe. Sie bleibt es nicht. Ein hoch bewertetes Unternehmen bekommt billiges Kapital, kauft damit die besten Leute, kauft Konkurrenten, kauft Zeit, und wächst dadurch tatsächlich in seine Bewertung hinein. Die Erwartung finanziert ihre eigene Erfüllung. Der Kreis ist geschlossen, und er läuft in beide Richtungen. Wem man nichts zutraut, dem fehlt das Kapital, mit dem er widerlegen könnte, dass man ihm nichts zutraut.

Der vierte Fall ist der explizite. Zentralbanken betreiben seit Jahrzehnten eine Praxis, die den Namen forward guidance trägt. Sie sagen an, was sie künftig zu tun gedenken, und diese Ansage wirkt, bevor irgendetwas getan wurde. Wer glaubt, die Zinsen blieben niedrig, handelt heute so, als wären sie es, und macht damit die angesagte Lage zur wirklichen. Hier ist die Hyperstition kein verborgener Mechanismus mehr, sondern ein Instrument, bedient von Institutionen, die genau wissen, was sie tun. Sie sprechen eine Zukunft aus, um sie herzustellen.

Nun der Punkt, an dem die Sache über eine bloße Analogie hinausgeht. Der Wissenschaftssoziologe Donald MacKenzie untersuchte, was geschah, als 1973 die Formel von Black und Scholes zur Bewertung von Optionen erschien. Zunächst passten die Marktpreise nicht zum Modell. Dann begannen Händler, das Modell zu benutzen, und binnen weniger Jahre glichen sich die Preise ihm an. Das Modell hatte den Markt nicht abgebildet, es hatte ihn nach seinem Bild geformt. MacKenzie fasste den Befund in den Titel seiner Studie, eine Maschine, keine Kamera. Der Vorgang ist deshalb bedeutsam, weil er von außen kommt. Hier bestätigt kein CCRU-Text die CCRU, sondern eine nüchterne empirische Untersuchung findet in der Finanzwelt genau die Struktur, die die Gruppe behauptet. Die Theorie des Marktes ist ein Teil des Marktes, und sie verändert ihn in Richtung ihrer eigenen Annahmen.

Zwei Abgrenzungen halten den Begriff sauber.

George Soros beschrieb aus der Praxis heraus, was er Reflexivität nannte. Die Erwartungen der Marktteilnehmer verändern die Grundlagen, über die sie Erwartungen bilden, deshalb gibt es kein stabiles Gleichgewicht, sondern Blasen und Zusammenbrüche. Der Mechanismus ist der der Hyperstition. Der Unterschied liegt im Zweck. Soros diagnostiziert eine Fehlerquelle, um sie auszunutzen und um vor ihr zu warnen, sein Rahmen bleibt der eines Marktes, der eigentlich anders sein sollte. Für die CCRU ist genau diese Struktur nicht der Defekt des Marktes, sondern sein Betrieb. Du kennst diese Drehung. Sie ist dieselbe wie bei Wiener und Land, dieselbe wie bei Merton. Was der eine als Störung notiert, nimmt der andere als Gegenstand.

Marx ist der ältere und schwierigere Nachbar. Sein Warenfetisch beschreibt, wie gesellschaftliche Verhältnisse als Eigenschaften von Dingen erscheinen, wie der Wert wie eine Natureigenschaft der Ware wirkt, obwohl er aus Arbeit stammt. Auch hier erzeugt ein Schein reale Wirkungen. Doch Marx will entlarven. Hinter dem Schein liegt bei ihm eine Wahrheit, die Produktion, die Arbeit, und die Aufgabe der Kritik besteht darin, sie freizulegen. Die CCRU verweigert diese Bewegung. Es gibt kein Dahinter, das man freilegen könnte, weil die Fiktion nicht über einer Wirklichkeit liegt, sondern Wirklichkeit produziert. Damit fällt die Kritik als Verfahren aus, denn sie hat nichts mehr, worauf sie zurückgehen könnte. Land hat diese Konsequenz gezogen und begrüßt. Fisher, dem Band 23 gehört, hat sie gezogen und darunter gelitten. Dieselbe Einsicht, zwei Leben.

Damit steht Lands Zuspitzung. Wenn Kapital eine Fiktion ist, die sich selbst herstellt, dann ist es kein Ding, kein Bestand, kein Vermögen, sondern ein Prozess, der aus der Erwartung seiner eigenen Zukunft besteht. Es ist die Hyperstition, die alle anderen finanziert, denn welche Fiktion sich verwirklicht, entscheidet sich daran, ob Kapital auf sie setzt. Und weil dieser Prozess nicht von der Vergangenheit her läuft, sondern von der erwarteten Zukunft her, hat er eine Zeitrichtung, die dem gewöhnlichen Bild von Ursache und Wirkung zuwiderläuft. Genau an dieser Stelle geht der Begriff der Hyperstition in Lands Zeitmodell über, und die Bände 16 und 17 werden zeigen, was er daraus macht.

Der Einwand ist ernst und lässt sich nicht wegargumentieren. Geld hält nicht durch Glauben allein. Hinter dem Schein steht ein Staat, ein Gewaltmonopol, ein Recht, eine Steuerpflicht, die dich zwingt, in genau dieser Währung zu zahlen. Ein Kredit ist einklagbar, eine Sicherheit verwertbar, ein Schuldner pfändbar. Wer Kapital als Fiktion beschreibt, unterschlägt den Zwang, der die Fiktion trägt, und die Produktion, die sie einlöst. Die Fabrik steht nicht, weil jemand glaubte, sondern weil Menschen sie gebaut haben. Die Hyperstition-Lesart erklärt, warum das Geld floss, und schweigt darüber, wer die Steine schleppte. Dazu kommt die Zirkularität aus dem letzten Band, hier in ihrer schärfsten Form. Welche Fiktionen setzen sich durch? Jene, hinter denen Kapital steht. Und was ist Kapital? Die Fiktion, die entscheidet, welche Fiktionen sich durchsetzen. Der Satz dreht sich um sich selbst. Er ist deshalb nicht falsch, aber er erklärt nichts, er beschreibt einen Kreisel.

Was bleibt, ist ein halber Sieg, und man sollte ihn als solchen nehmen. Die CCRU zeigt an vier Stellen und mit MacKenzie einen Beleg von außen, dass ein Kern der modernen Ökonomie tatsächlich nach der Logik der sich selbst herstellenden Fiktion arbeitet, und zwar nicht am Rand, sondern im Zentrum, bei Geld, Kredit, Bewertung und Geldpolitik. Das ist mehr, als der gewöhnliche Verstand zugibt. Zugleich beweist sie nicht, dass Kapital nichts anderes wäre, und die Behauptung, es sei die Hyperstition schlechthin, ist selbst eher eine Beschwörung als ein Befund. Was du damit in der Hand hältst, ist kein Beweis, sondern eine Linse. Sie zeigt etwas, das andere Linsen nicht zeigen, und sie zeigt es auf Kosten dessen, was sie ausblendet.

Kernaussage

Kredit, Fiatgeld, Bewertung und forward guidance arbeiten nachweislich nach der Logik der Hyperstition, indem eine Erwartung über die Zukunft die Mittel erzeugt, mit denen diese Zukunft gebaut wird. MacKenzies Befund zum Black-Scholes-Modell bestätigt die Struktur von außen. Land zieht daraus, dass Kapital kein Bestand ist, sondern ein Prozess, der von seiner erwarteten Zukunft her läuft, doch der Begriff unterschlägt Zwang und Produktion und dreht sich in der Frage, welche Fiktionen sich durchsetzen, um sich selbst.

Der Kritiker

Auch dieser Band führt seine Einwände mit, und der Kritiker bestimmt daher die Reichweite dessen, was übrig bleibt.

Der stärkste Teil stammt nicht von der CCRU. MacKenzies Untersuchung ist eine gewöhnliche wissenschaftssoziologische Arbeit, geschrieben von jemandem, der von Hyperstition nie gehört hatte, und sie kommt zu einem Befund, den man ohne jede Metaphysik formulieren kann. Modelle wirken auf das ein, was sie modellieren, sobald genug Leute sie benutzen. Das ist eine solide Einsicht, sie ist unabhängig belegt, und sie braucht die CCRU nicht. Wer das Werkzeug will, kann es hier abholen und den Rest stehenlassen.

Was die CCRU hinzufügt, ist die Ausdehnung auf alles. Aus vier Stellen, an denen der Mechanismus nachweisbar läuft, wird die Behauptung über die Verfassung des Kapitals überhaupt. Diese Ausdehnung ist der Sprung, und sie ist nicht gedeckt. Der brauchbare Ertrag ist trotzdem erheblich, und er lässt sich in einem Satz mitnehmen. In jedem Feld, das von Erwartung lebt, ist die Frage nach dem Erzählten keine weiche Frage, sondern die harte. Wer eine Bewertung, eine Marke, ein Vorhaben oder eine Technologie beurteilt, ohne zu fragen, welche Geschichte über ihre Zukunft im Umlauf ist, hat den Gegenstand nicht erfasst. Dafür braucht es Land nicht, und Land hat es früher gesehen als die meisten.

Brücke zum nächsten Band

Damit ist das dritte Modul geschlossen und die Methode geprüft. Das vierte beginnt dort, wo Fundament und Methode zusammenlaufen. Band 15 kehrt zu dem Text zurück, in dem Land und Plant 1994 den Begriff cyberpositive prägten, und zeigt, wie aus Wieners Steuerungswissenschaft eine Eskalationsmaschine wurde. Von dort führt der Weg in drei Schritten zum Kern, zum Zeitmodell, zur Teleoplexie und zum Akzelerationismus.