CCRU
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Der Kritiker

Band 118 Min. Lesezeit

Das Kollektiv

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Modul II · Die Gruppe


Lernziel

Nach diesem Band kennst du die weiteren Köpfe der CCRU, jene Menschen, die neben Plant und Land die Gruppe trugen und die später eigenständig prägend wurden. Du weißt, wer Mark Fisher, Kodwo Eshun, Steve Goodman, Robin Mackay, Luciana Parisi und Iain Hamilton Grant waren und welche Linie jeder von ihnen in die Gegenwart zog. Damit begreifst du die CCRU als das, was sie war, ein Kollektiv, dessen Kraft im Zusammenspiel lag, und du siehst voraus, welche Fäden die späteren Wirkungsbände aufnehmen werden. Mit diesem Band schließt das Modul über die Gruppe selbst.

Darstellung

Ein Missverständnis gilt es zuerst auszuräumen. Wer die CCRU auf Nick Land verengt, verfehlt ihr Wesen. Sie war ein Kollektiv, und ihre Bedeutung ergibt sich weniger aus einem einzelnen Genie als aus der Reibung und Verstärkung vieler Stimmen. Die anti-humanistische Grundhaltung, die du kennengelernt hast, entwertet den einzelnen Autor, und die Gruppe lebte diese Haltung, indem sie kollektiv und oft anonym arbeitete. Der eigentliche Beweis für die Fruchtbarkeit dieser Arbeitsform liegt in dem, was aus ihren Mitgliedern wurde. Aus einem kleinen, halb geduldeten Kreis an einer englischen Universität gingen Denker hervor, die die Kulturtheorie, die Musik und das intellektuelle Verlagswesen der folgenden zwanzig Jahre prägten. Dieser Band stellt sie einzeln vor, doch du sollst sie zugleich als Geflecht sehen, dessen Fäden sich in der Gruppe kreuzten und danach in verschiedene Richtungen liefen.

Beginne mit Mark Fisher, denn er wurde die wohl einflussreichste Stimme, die aus der CCRU hervorging. Fisher war in den neunziger Jahren Teil der Gruppe und teilte ihre Besessenheit von Theorie, Musik und Beschleunigung. Sein eigener Weg führte ihn später zu einer Verbindung von Kulturtheorie und politischer Diagnose, die weit über den akademischen Kreis hinaus wirkte. Unter dem Namen k-punk betrieb er einen Blog, der zu einem Sammelpunkt einer ganzen Generation theoretisch interessierter Leser wurde, geschrieben in einer klaren, zugänglichen Sprache, die den halluzinatorischen Stil Lands hinter sich ließ. Sein Buch Capitalist Realism von 2009 prägte einen Begriff, der dir in Band 23 ausführlich begegnen wird, die Diagnose einer Gegenwart, die sich keine Alternative zum Kapitalismus mehr vorstellen kann. Fisher zog die politische, melancholische, gesellschaftskritische Linie aus dem Erbe der CCRU. Wo Land das Inhumane bejahte, fragte Fisher nach den menschlichen Kosten, nach Depression, Erschöpfung und der verlorenen Fähigkeit, Zukunft zu denken. Sein Tod im Jahr 2017 machte ihn für viele zur tragischen Zentralfigur dieses ganzen Milieus.

Wende dich Kodwo Eshun zu, der die Verbindung von Theorie und Musik in eine eigene Richtung trieb. Eshun interessierte sich für schwarze Musik, für Jazz, Dub, Techno und Jungle, und er las diese Musik nicht als Ausdruck von Gefühlen, sondern als eine Maschine, die Zukunft produziert. Sein Buch More Brilliant Than the Sun von 1998 entwarf einen afrofuturistischen Materialismus des Klangs, dem du in Band 21 ausführlich begegnen wirst. Eshun brachte in die CCRU die Aufmerksamkeit für den Afrofuturismus ein, für die Weise, in der die afrikanische Diaspora über ihre Musik fremde, zukünftige Subjektivitäten entwarf. Er zog damit eine Linie, die das anti-humanistische Denken der Gruppe mit der konkreten kulturellen Produktion schwarzer Musik verband. Später gründete er mit anderen das Kollektiv The Otolith Group, das im Feld der bildenden Kunst und des Films arbeitet.

Steve Goodman steht Eshun nahe, doch er ging einen Schritt weiter, indem er die Theorie nicht nur schrieb, sondern in der Musik selbst praktizierte. Unter dem Namen Kode9 wurde er zum Produzenten und DJ, und er gründete das Plattenlabel Hyperdub, das die Bass-Musik der folgenden Jahre entscheidend prägte, vom Dubstep bis zu verwandten Formen. Zugleich blieb er Theoretiker. Sein Buch Sonic Warfare von 2010 entwickelt eine Ontologie der Vibration, eine Theorie darüber, wie Klang unterhalb der Bedeutung auf Körper und Affekt wirkt, der du in Band 22 begegnen wirst. Goodman verkörpert wie kein anderer die Verschmelzung von Theorie und Praxis, die für die CCRU kennzeichnend war. Bei ihm ist der Gedanke nicht vom Klang getrennt, sondern beide sind Aspekte desselben Tuns. Er dachte, indem er Musik machte, und er machte Musik, indem er dachte.

Robin Mackay zog eine andere, ebenso folgenreiche Linie, die des Vermittlers und Baumeisters. Mackay wurde zum Herausgeber und Verleger, der dem Denken der CCRU und ihrem Umfeld eine dauerhafte Infrastruktur gab. Er gründete den Verlag Urbanomic und das Journal Collapse, die zu zentralen Plattformen einer neuen, spekulativen Theorie wurden. Ihm verdankt sich die Sammlung von Lands frühen Texten in dem Band Fanged Noumena, den du in Band 10 kennengelernt hast. Mackays Bedeutung liegt darin, dass er das Flüchtige, Verstreute der CCRU in feste Form goss, in Bücher, Zeitschriften, Übersetzungen. Ohne diese verlegerische Arbeit wäre vieles verloren gegangen oder unzugänglich geblieben. Er ist derjenige, der aus der zerstreuten Bewegung ein lesbares Werk machte, ein Punkt, der in Band 24 unter dem Stichwort der Infrastruktur wiederkehrt.

Luciana Parisi und Iain Hamilton Grant vervollständigen den Kreis, jede und jeder mit einer eigenen theoretischen Linie. Parisi entwickelte ein Denken an der Schnittstelle von Technik, Biologie und abstrakter Struktur, das später um Fragen der Berechnung, der Algorithmen und der künstlichen Intelligenz kreiste. Sie zog die Linie der CCRU in die Theorie der Computation hinein, in die Frage, wie das Rechnen selbst die Wirklichkeit formt. Iain Hamilton Grant wandte sich der Philosophie im engeren Sinne zu und wurde zu einer wichtigen Stimme in einer Strömung, die dir in Band 24 begegnet, dem Spekulativen Realismus, der die Frage nach der Wirklichkeit jenseits des menschlichen Zugriffs neu stellte. Beide zeigen, dass die CCRU kein geschlossenes Dogma war, sondern ein Ausgangspunkt, von dem aus sich Denkwege in ganz verschiedene Felder verzweigten.

Tritt nun einen Schritt zurück und betrachte das Geflecht als Ganzes. Aus einem einzigen kleinen Kreis liefen mehrere kräftige Linien in die Gegenwart. Die politische und kulturkritische Linie über Fisher. Die musikalische und afrofuturistische Linie über Eshun und Goodman. Die verlegerische und infrastrukturelle Linie über Mackay. Die philosophische Linie über Grant und die Linie der Computation über Parisi. Diese Fächerung ist selbst ein Argument. Sie zeigt, dass die CCRU weniger eine feste Lehre hinterließ als eine Denkweise, eine Art, Theorie und kulturelle Produktion zu verschränken, die sich in viele Gestalten übersetzen ließ. Die Gruppe war fruchtbar gerade dadurch, dass sie sich zerstreute. Du erinnerst dich an den Gedanken aus Band 8, dass eine Bewegung, die von Entfesselung lebt, ihre Kraft nicht im Bestehen, sondern im Zerstreuen entfaltet. Der Werdegang dieser Menschen ist der Beleg dafür.

Ein letzter Gedanke ordnet dieses Modul in den Bogen des Lehrgangs ein. Du hast nun den Ort der CCRU gesehen, ihre para-akademische Stellung, ihre Gründerin, ihr Zentrum und ihren Kreis. Damit ist die Frage nach dem Wer und dem Wo beantwortet. Was noch aussteht, ist das Was und das Wie, die Methode und die Theorien selbst. Bemerkenswert ist, dass die meisten der hier genannten Namen ihre eigentliche Wirkung erst nach der Auflösung der Gruppe entfalteten. Die CCRU als Institution zerfiel, doch als Netzwerk von Menschen und Ideen wirkte sie weiter und tut es bis heute. Genau diese Nachwirkung wird das fünfte Modul behandeln. Zuvor aber musst du verstehen, worin das Denken bestand, das diese Menschen verband, und das führt dich zum Herzstück des Ganzen, zur Methode der Theorie-Fiktion und zum Begriff der Hyperstition.

Kernaussage

Die CCRU war ein Kollektiv, dessen Kraft im Zusammenspiel vieler Stimmen lag. Aus ihrem Kreis gingen Mark Fisher mit seiner politischen Kulturkritik, Kodwo Eshun und Steve Goodman mit ihrer Theorie und Praxis des Klangs, Robin Mackay mit seiner verlegerischen Infrastruktur sowie Luciana Parisi und Iain Hamilton Grant mit ihren philosophischen Linien hervor. Die Gruppe hinterließ weniger eine feste Lehre als eine Denkweise, die sich fruchtbar in viele Felder verzweigte, und entfaltete ihre Wirkung vor allem nach ihrer Auflösung.

Der Kritiker

Die Fächerung als Beweis der Fruchtbarkeit zu lesen, ist eine Rückwärtserzählung. Sie macht die CCRU zum Ursprung von Werken, die diese Menschen möglicherweise auch ohne sie geschrieben hätten. Kluge Leute, die in ihren Zwanzigern gemeinsam an einem Ort waren, werden später oft zu etwas. Ob die Gruppe die Ursache war oder bloß die Gelegenheit, an der sie sich trafen, lässt sich nicht entscheiden, und die Erzählung entscheidet es stillschweigend zugunsten der Gruppe.

Die Darstellung glättet zudem einen Bruch, der zum Bild gehört. Fisher hat sich von Lands Position deutlich abgesetzt und dessen Bejahung des Inhumanen zurückgewiesen. Diese Fächerung ist keine harmonische Verzweigung eines gemeinsamen Impulses, sondern zu einem Teil eine Absetzbewegung. Menschen haben sich hier voneinander entfernt, und einige haben ihre Zeit in der Gruppe später mit erheblicher Distanz betrachtet. Ein Text, der aus dem Auseinandergehen ein Aufblühen macht, unterschlägt den Streit.

Der Satz, eine Bewegung entfalte ihre Kraft im Zerstreuen, ist rhetorisch gelungen und sachlich leer. Er lässt sich nicht widerlegen, denn bestünde die Gruppe fort, wäre das ein Beleg für ihre Stärke, und da sie zerfiel, ist auch das einer. Solche Sätze fühlen sich nach Einsicht an und schließen keine einzige Möglichkeit aus. Band 13 wird zeigen, dass dies kein Zufall ist, sondern die Bauart des ganzen Denkens.

Brücke zum nächsten Band

Ort, Gründerin, Zentrum und Kreis sind nun bekannt. Damit endet das Modul über die Gruppe, und die Reise dringt zum Kern ihres Denkens vor. Das dritte Modul behandelt die Methode, die zugleich schon die eigentliche These ist. Band 12 beginnt mit der Theorie-Fiktion und zeigt, warum die CCRU nicht beschrieb, sondern konstruierte, warum sie Quellen erfand und durch Personae sprach. Von dort führt der Weg zum zentralen Eigenbegriff der Gruppe, der Hyperstition, in der sich Methode und Gegenstand vollends verschränken.