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Kybernetik II
Modul I · Das Fundament
Lernziel
Nach diesem Band verstehst du die Umkehrung, aus der die CCRU ihr ganzes Denken gewann: die positive Rückkopplung. Du weißt, wie ein System sich selbst verstärkt statt sich zu stabilisieren, was Prozesse fern vom Gleichgewicht auszeichnet und warum Ordnung aus Instabilität entstehen kann. Damit besitzt du das physikalische und begriffliche Werkzeug, mit dem die Gruppe später Kapital, Technik und Begehren als davonlaufende Maschinen beschreiben wird.
Darstellung
Am Ende des vorigen Bandes stand die negative Rückkopplung, die jede Abweichung dämpft. Kehre nun das Vorzeichen um. Eine positive Rückkopplung verstärkt die Abweichung, statt ihr entgegenzuwirken. Das Ergebnis eines Schrittes vergrößert den Ausschlag des nächsten. Der Kreis schließt sich auch hier, doch er beruhigt nicht, er treibt an. Kleine Anfänge wachsen zu großen Wirkungen, und diese Wirkungen speisen ihre eigene Ursache. Das System entfernt sich immer weiter von seinem Ausgangszustand, ohne dass ein Sollwert es zurückholt.
Die vertrauten Bilder dafür stammen aus dem Alltag. Ein Mikrofon vor seinem eigenen Lautsprecher erzeugt einen Ton, der lauter und lauter wird, bis er kreischt. Das Mikrofon nimmt den Klang auf, der Lautsprecher gibt ihn verstärkt zurück, das Mikrofon nimmt diese Verstärkung erneut auf. Jede Runde hebt den Pegel. Dasselbe Muster steckt im Schneeball, der zur Lawine wird, im Gerücht, das sich durch die Aufregung, die es auslöst, weiter aufbläht, in der Panik an der Börse, in der jeder Verkauf den Preissturz vertieft, der neue Verkäufe auslöst. In all diesen Fällen ist die Abweichung kein Fehler, den das System korrigiert, sondern der Treibstoff, von dem es sich nährt.
Halte den entscheidenden Unterschied fest. Die negative Rückkopplung dient der Erhaltung. Sie hält ein System bei sich selbst. Die positive Rückkopplung dient der Steigerung. Sie treibt ein System über sich selbst hinaus. Das eine stabilisiert, das andere eskaliert. Die klassische Kybernetik betrachtete positive Rückkopplung vor allem als Gefahr, als das, was ein System zerstört, wenn die Kontrolle versagt. Genau hier setzt die Umwertung an, die für die CCRU zentral wird. Was die Ingenieurstradition als Störfall fürchtete, wird zum eigentlichen Gegenstand des Interesses. Nicht das System, das sich hält, sondern das System, das davonläuft.
Um diese Umwertung theoretisch zu unterfüttern, griff die Gruppe auf eine zweite Quelle zurück, auf die Thermodynamik fern vom Gleichgewicht. Ihr wichtigster Name ist Ilya Prigogine, ein Chemiker und Nobelpreisträger. Prigogine untersuchte Systeme, die weit von ihrem Gleichgewicht entfernt gehalten werden, weil ständig Energie durch sie hindurchfließt. Solche Systeme verhalten sich anders als die geschlossenen Systeme der klassischen Physik. Wo das klassische System zur Unordnung zerfällt, kann das offene System fern vom Gleichgewicht spontan neue Ordnung hervorbringen. Prigogine nannte diese Gebilde dissipative Strukturen.
Der Begriff verdient einen Moment. Dissipation heißt Zerstreuung, das Verströmen von Energie. Eine dissipative Struktur ist eine Ordnung, die gerade dadurch besteht, dass sie fortwährend Energie verbraucht und abgibt. Sie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ein anschauliches Beispiel ist der Wirbel im abfließenden Wasser. Er hat eine klare Form, doch diese Form ist nichts Festes. Sie besteht nur, solange Wasser hindurchfließt. Hörst du den Fluss auf, verschwindet der Wirbel. Die Ordnung lebt von der Bewegung, nicht von der Ruhe. Ein anderes Beispiel sind bestimmte chemische Reaktionen, die von selbst rhythmische Muster oder Farbwechsel ausbilden, obwohl niemand sie von außen taktet. Aus der Turbulenz entsteht Struktur.
Für die CCRU lag hierin eine folgenreiche Verschiebung des Weltbildes. Die klassische Kybernetik las Ordnung als Widerstand gegen den Zerfall, als Insel der Stabilität im Strom der Entropie. Prigogines Perspektive kehrt das Verhältnis um. Ordnung entsteht nicht gegen die Turbulenz, sondern aus ihr. Sie ist kein Damm gegen den Fluss, sondern ein Muster im Fluss selbst. Das Ferne vom Gleichgewicht ist nicht der Ausnahmezustand, sondern der Ort, an dem Neues geboren wird. Instabilität wird schöpferisch.
Verbinde nun die beiden Fäden. Aus der Kybernetik nahm die Gruppe die positive Rückkopplung, den Mechanismus der Selbstverstärkung. Aus der Thermodynamik nahm sie die dissipativen Strukturen, die Idee einer Ordnung, die von Durchfluss und Steigerung lebt. Zusammen ergeben sie ein Bild, das der klassischen Kybernetik entgegengesetzt ist. Ein System muss nicht zum Gleichgewicht zurückstreben, um zu bestehen. Es kann sich gerade im Davonlaufen erhalten und sogar komplexer werden. Steigerung ist dann kein Weg in den Zusammenbruch, sondern ein eigener Modus von Existenz.
Genau dieses Bild übertrug die CCRU auf die Kultur. Wenn Kapital, Technik und Begehren als Systeme positiver Rückkopplung wirken, dann suchen sie kein Gleichgewicht, sondern beschleunigen sich selbst. Sie sind dissipative Strukturen im großen Maßstab, Ordnungen, die von ihrer eigenen Eskalation leben. Die Frage der klassischen Kybernetik lautete, wie ein System stabil bleibt. Die Frage der CCRU lautet, wohin ein System läuft, das seine eigene Instabilität zum Antrieb macht. Aus dieser zweiten Frage wird das gesamte spätere Denken erwachsen.
Ein Wort zur Wertung ist nötig, damit du die Ambivalenz spürst, die diesen Stoff durchzieht. Ein sich selbst verstärkender Prozess kann befreien oder zerstören, und oft ist beides ununterscheidbar. Dieselbe Lawine, die eine erstarrte Ordnung wegreißt, begräbt, was in ihrem Weg liegt. Die CCRU, besonders in ihrer Land-Phase, weigerte sich, diese Ambivalenz vorschnell aufzulösen. Sie hielt an der Faszination für das Davonlaufende fest, auch wo es bedrohlich wurde. Dieses Nichtauflösen ist kein Versäumnis, sondern eine Haltung. Merke sie dir, denn sie wird in den Bänden über Land und den Akzelerationismus zur eigentlichen Provokation.
Kernaussage
Positive Rückkopplung verstärkt Abweichungen und treibt ein System über sich hinaus, statt es zu stabilisieren. Zusammen mit Prigogines dissipativen Strukturen, in denen Ordnung aus dem Zustand fern vom Gleichgewicht entsteht, lieferte sie der CCRU das Modell einer Kultur, die von ihrer eigenen Eskalation lebt.
Der Kritiker
Der entscheidende Schritt dieses Bandes ist zugleich der ungesichertste, und er geschieht in einem einzigen Satz. Das Bild wird auf die Kultur übertragen. Was zuvor über Wirbel, Reaktionen und Mikrofone gesagt wurde, gilt plötzlich für Kapital, Technik und Begehren. Diese Übertragung ist eine Analogie und keine Ableitung. Aus dem Umstand, dass zwei Vorgänge sich ähnlich beschreiben lassen, folgt nicht, dass sie derselben Gesetzmäßigkeit gehorchen. Physikalische Modelle in die Gesellschaftstheorie zu importieren hat eine lange Geschichte, und sie ist überwiegend eine Geschichte des Kurzschlusses.
Prigogine trägt zudem weniger, als hier angedeutet wird, und Band 15 wird darauf zurückkommen. Seine dissipativen Strukturen sind stabile Muster, die sich fern vom Gleichgewicht halten, nicht davonlaufende Systeme. Der Wirbel besteht, statt zu eskalieren. Was ihn ermöglicht, ist die Verschränkung verstärkender und dämpfender Rückkopplung, also gerade nicht die reine Steigerung. Prigogine ist ein Denker der Ordnung. Die CCRU nimmt seine Rhetorik und lässt seine Mechanik zurück.
Bleibt die Weigerung, die Ambivalenz aufzulösen, die dieser Band als Haltung ausgibt. Sie lässt sich in zwei Richtungen lesen. Als intellektuelle Redlichkeit, die sich einem Phänomen stellt, ohne es vorschnell moralisch zu sortieren. Oder als Ausflucht, die sich der Frage entzieht, was ein Prozess anrichtet, indem sie die Frage für unfein erklärt. Der Lehrgang wird beide Lesarten bis zum Schluss offenhalten müssen, denn die CCRU selbst hat sie nie getrennt.
Brücke zum nächsten Band
Das physikalische Fundament steht. Doch die CCRU war keine Naturwissenschaft, sondern eine Denkschule der kontinentalen Philosophie. Bevor die Rückkopplung auf Kapital und Begehren treffen kann, brauchst du die zweite große Quelle: Deleuze und Guattari. Band 4 führt in ihren Anti-Ödipus ein und in den Begriff der Wunschmaschine, mit dem sie das Begehren selbst als produktive, maschinelle Kraft neu bestimmten. Dort verlässt du die Physik und betrittst die Philosophie, aus der die Gruppe ihre Sprache nahm.