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Der Kritiker

Band 228 Min. Lesezeit

Sonic Warfare

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Modul IV · Die Kerntheorien


Lernziel

Nach diesem Band kennst du Steve Goodmans Theorie des Klangs und ihren Ausgangspunkt unterhalb der Bedeutung. Du weißt, was er Unsound nennt, warum Bass in seiner Optik kein Hörereignis ist und wie er die Beschallung im Club mit der Beschallung im Verhör in einen Rahmen bringt. Damit schließt das Modul der Kerntheorien mit dem einzigen Fall, in dem sich das Denken der Gruppe an etwas messen lässt, das man nachprüfen kann.

Darstellung

Goodman kam aus Glasgow, promovierte in Warwick und gehörte zum Kreis der CCRU. Anders als die übrigen blieb er nicht beim Schreiben. Er produziert seit den späten neunziger Jahren unter dem Namen Kode9, gründete 2004 das Label Hyperdub und veröffentlichte darauf die Platten, die den Londoner Bass der folgenden Jahre prägten, darunter Burials zweites Album, das weit über die Szene hinaus gehört wurde. Sein Buch Sonic Warfare erschien 2010 bei MIT Press, elf Jahre nach dem Ende der Gruppe, und trägt den Untertitel Sound, Affect, and the Ecology of Fear.

Der Ausgangspunkt ist ein Vorwurf an die Klangtheorie. Sie handelt vom Hören, vom Verstehen, von der Bedeutung, die ein Klang trägt. Dabei setzt sie voraus, was zu untersuchen wäre, nämlich dass Klang etwas ist, das an ein Ohr geht und dort ausgelegt wird. Goodman setzt tiefer an. Was tatsächlich geschieht, ist eine Schwingung, die einen Körper erreicht und ihn in Bewegung versetzt, und das Ohr ist an diesem Vorgang beteiligt, ohne ihn zu erschöpfen. Er nennt diesen Ansatz eine Ontologie der Vibration und meint damit, dass Schwingung nicht eine Eigenschaft von Dingen ist, sondern deren Grundzustand. Was wie ein fester Körper aussieht, ist ein Rhythmus, der langsam genug läuft, um als Ding durchzugehen.

Aus dieser Verschiebung folgt der zweite Begriff, und Goodman prägte ihn selbst. Unsound bezeichnet das, was in einem Klangereignis nicht gehört wird. Das reicht von den Frequenzen unterhalb und oberhalb der menschlichen Wahrnehmung über die Schwingungen, die der Körper spürt statt hört, bis zu den Klangformen, die noch nicht existieren und sich in den vorhandenen bereits abzeichnen. Das Wort trägt beide Bedeutungen absichtlich. Es meint das Unhörbare und das Ungewordene, und die Verbindung der beiden ist die These. Ein Klang, der noch nicht zu hören ist, arbeitet bereits an der Gegenwart. Du erkennst die Zeitfigur aus Band 16, verlegt in ein Feld, in dem sie sich messen lässt.

Bass ist der Ort, an dem die Theorie greifbar wird, und die Physik gibt ihr recht. Ein Ton unterhalb von etwa achtzig Hertz erreicht den Menschen nicht über das Ohr allein. Er trifft die Brust, den Bauch, die Knochen. Wer vor einem Sound System steht, hört den Bass nicht bloß, er wird von ihm bewegt, und diese Bewegung geschieht, bevor irgendeine Deutung einsetzt. Die Kultur, in der das entwickelt wurde, kennt keine Theorie und braucht keine. Die Sound Systems Jamaikas, die Anlagen mit übergroßen Bassschränken bauten, arbeiteten seit den fünfziger Jahren daran, den Klang in Körper zu bringen. Über die Auswanderung nach London gelangte das Verfahren nach England, wanderte durch Dub, Jungle, Garage und Dubstep und liegt der Musik zugrunde, die Goodman selbst produziert. Er schreibt über eine Praxis, in der er steht.

Das philosophische Gerüst dahinter kommt aus dem Begriff des Affekts, wie ihn Spinoza fasste und wie ihn Deleuze und Guattari weiterreichten. Affekt ist darin kein Gefühl, sondern das Vermögen eines Körpers, zu affizieren und affiziert zu werden. Er sitzt vor der Empfindung und vor dem Bewusstsein. Ein Körper wird verändert, und erst danach weiß jemand, wie es ihm dabei geht. Goodman zieht daraus die Folgerung, dass Klang auf einer Ebene wirkt, die der Deutung vorausliegt, und dass jede Analyse, die bei der Bedeutung ansetzt, zu spät kommt.

Die Beispiele, mit denen er sein Buch eröffnet, sind der Grund für dessen Titel. Über Gaza flogen israelische Maschinen im Tiefflug und erzeugten Überschallknalle, ohne eine Bombe abzuwerfen. In britischen Einkaufszonen wurden Geräte installiert, die einen hohen Ton aussenden, den nur jüngere Ohren wahrnehmen, um Jugendliche zu vertreiben. In amerikanischen Gefangenenlagern wurde Musik in Dauerschleife und großer Lautstärke eingesetzt, um Häftlinge zu zermürben. Bei der Belagerung der Nuntiatur in Panama 1989 beschallte das amerikanische Militär das Gebäude, in dem Noriega Zuflucht gesucht hatte, tagelang mit Rockmusik. Dazu kommen die Schallkanonen, die seit den 2000er Jahren zur Räumung von Versammlungen gebaut werden.

Goodman behandelt diese Fälle und die Tanzfläche im selben Rahmen, und darin liegt die Zumutung des Buchs. Beide arbeiten am Körper, beide setzen unterhalb der Bedeutung an, beide erzeugen einen Zustand, den niemand beschlossen hat. Der Unterschied liegt im Zweck und in der Richtung, nicht in der Technik. Wer im Club steht und wer im Verhörraum sitzt, wird von derselben Physik erfasst. Goodman weigert sich, diesen Befund moralisch aufzulösen, und die Weigerung ist dieselbe, die dir in Band 3 als Haltung der Gruppe begegnet ist. Er will das Feld beschreiben, auf dem beides stattfindet, bevor jemand Partei ergreift.

Von Burroughs übernimmt er die Vorstellung, dass etwas sich durch Ansteckung fortpflanzt, und wendet sie auf die Musik an. Ein Refrain, der sich festsetzt und im Kopf weiterläuft, ohne dass man ihn gerufen hätte, ist in dieser Optik kein Zufall, sondern eine Struktur, die darauf gebaut ist. Die Werbung hat das Verfahren industrialisiert. Jingles, Klanglogos, die durchkomponierte Beschallung von Verkaufsräumen, das alles arbeitet mit Schwingungen, die Menschen in Zustände versetzen, in denen sie länger bleiben und mehr kaufen. Goodman führt diese Praxis und die Schallkanone in derselben Linie, weil beide dieselbe Ebene bedienen.

Auch die andere Seite gehört zu seinem Bild. Die Sound Systems, aus denen seine Musik kommt, benutzen dieselben Mittel und stellen etwas her, das keiner der Beteiligten allein herstellen könnte. Ein Raum voller Menschen, die von derselben Frequenz bewegt werden, ist ein Körper mit vielen Gliedern, und dieser Zustand hat eine eigene Geschichte, die von Jamaika über London bis in die Lagerhallen der Rave-Jahre reicht. Für Goodman ist das kein Gegenbild zur Waffe, sondern derselbe Apparat unter anderem Vorzeichen.

Der Titel meint deshalb kein Programm und keine Anklage. Sonic Warfare bezeichnet ein Feld, auf dem seit langem gearbeitet wird, von Militärs, von Firmen, von Musikern, und Goodmans Anspruch besteht darin, es als ein einziges zu beschreiben. Wer die Frequenz beherrscht, greift auf einer Ebene ein, gegen die Argumente nichts ausrichten, und diese Ebene wird von allen bedient, die etwas mit Körpern vorhaben.

Kernaussage

Steve Goodman setzt in Sonic Warfare unterhalb der Bedeutung an und beschreibt Klang als Schwingung, die Körper bewegt, bevor jemand versteht. Sein Begriff Unsound umfasst das Unhörbare und das Ungewordene zugleich, und Bass ist der Fall, an dem sich beides zeigt, weil er taktil wirkt statt auditiv. Beschallung im Club und Beschallung im Verhör führt er im selben Rahmen, weil sie auf derselben Ebene arbeiten und sich im Zweck unterscheiden, nicht in der Technik.

Der Kritiker

Die Weigerung, die Ambivalenz aufzulösen, kostet hier mehr als in den früheren Bänden. Zwischen einer Lawine und einem Bankensturm zu vergleichen ist folgenlos. Folter und Tanzfläche in einem Rahmen zu behandeln, verwandelt eine Frage nach Recht und Unrecht in eine Frage nach Frequenzen, und der Rahmen selbst trifft damit bereits eine Entscheidung. Goodman weiß das und hält daran fest, weil ihn die Ebene interessiert, auf der beides geschieht. Wer wissen will, was ein Mensch aushalten muss, den man tagelang beschallt, findet in diesem Buch die Physik und nicht den Menschen.

Der zweite Einwand betrifft die Reichweite der Ontologie. Dass alles Schwingung sei, ist entweder eine physikalische Trivialität oder eine metaphysische Behauptung, und Goodman nutzt beide Bedeutungen abwechselnd. Aus der Tatsache, dass Materie sich als Schwingung beschreiben lässt, folgt nichts über Musik, Affekt oder Politik. Das Wort trägt die Verbindung, und die Verbindung wird nicht gezeigt.

Was von diesem Band bleibt, ist der solideste Ertrag des ganzen Moduls, und er braucht weder die Ontologie noch die CCRU. Affekt kommt vor Bedeutung, und dieser Satz ist prüfbar. Ein Bass unter achtzig Hertz erreicht den Brustkorb, das ist Physik. Ein Ton, den nur Jugendliche hören, vertreibt Jugendliche, das ist gemessen. Die Konsequenz reicht weit über die Musik hinaus, denn sie gilt überall, wo Menschen in Zustände versetzt werden, bevor sie urteilen können. Wer Räume baut, Oberflächen gestaltet oder Marken führt, arbeitet auf dieser Ebene, ob er will oder nicht, und die Frage ist allein, ob er weiß, was er tut.

Bemerkenswert bleibt zuletzt eine Bilanz, die Goodman selbst nirgends zieht. Hyperdub hat mehr Menschen erreicht als sämtliche Texte der CCRU zusammen, und das Label kam ohne eine einzige These aus. Wenn die Behauptung dieses Lehrgangs stimmt, dass sich eine Sache an ihrer Wirkung misst und nicht an ihrer Richtigkeit, dann ist nicht Sonic Warfare Goodmans Beweisstück. Es sind die Platten.

Brücke zum nächsten Band

Damit endet das Modul der Kerntheorien, und der Lehrgang wendet sich der Wirkung zu, die nach dem Ende der Gruppe einsetzte. Band 23 gehört Mark Fisher, der aus demselben Kreis kam und den entgegengesetzten Weg nahm. Wo Land das Inhumane bejahte, fragte Fisher nach dem, was es kostet, und mit Capitalist Realism prägte er den Begriff, der die Diagnose einer Gegenwart trägt, die sich keine Alternative mehr vorstellen kann. Dort kehrt alles zurück, was dieser Lehrgang bislang beiseitegelassen hat.