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Warwick
Modul II · Die Gruppe
Lernziel
Nach diesem Band verstehst du, was die CCRU als Ort und als Arbeitsform war, bevor sie eine Theorie war. Du weißt, was para-akademisch bedeutet, wie die Gruppe an der Universität Warwick entstand und sich von ihr löste, und mit welchen Praktiken sie tatsächlich arbeitete. Damit verlässt du das Reich der reinen Ideen und betrittst den konkreten Boden, auf dem sie wuchsen. Erst wenn du den Ort kennst, verstehst du, warum das Denken dieser Gruppe die Form annahm, die es annahm.
Darstellung
Bislang hast du die CCRU als ein Bündel von Ideen kennengelernt. Doch Ideen entstehen an Orten, unter Menschen, in Reibung mit Institutionen. Die eigentümliche Gestalt des CCRU-Denkens lässt sich ohne diesen Entstehungsort nicht begreifen. Er lag an der University of Warwick, einer verhältnismäßig jungen englischen Universität, gegründet in den sechziger Jahren, ohne die Last jahrhundertealter Tradition, die auf Oxford und Cambridge liegt. Gerade diese Jugend machte sie beweglich. In den frühen neunziger Jahren besaß ihr Philosophie-Department einen Ruf für kontinentale Theorie, für Deleuze, für das Denken, das im angelsächsischen Raum sonst am Rand stand. Hierher kam Sadie Plant, und um sie herum bildete sich der Kreis, aus dem die CCRU hervorging.
Der entscheidende Begriff für ihre Stellung ist para-akademisch. Die Vorsilbe para bedeutet neben, daneben, an der Seite von. Eine para-akademische Einheit arbeitet neben der Universität, nutzt deren Räume und Menschen, gehört ihr aber nicht ganz an und unterwirft sich ihren Regeln nur teilweise. Die CCRU war kein offizielles Institut mit Etat und Lehrauftrag im vollen Sinne. Sie war eine selbsternannte Einheit, halb geduldet, halb erkämpft, die sich einen Namen gab, ein Kürzel, eine Fassade der Seriosität, und unter diesem Deckmantel tat, was in keinen Lehrplan gepasst hätte. Diese Zwischenstellung war kein Mangel, sondern die Bedingung ihrer Freiheit. Genug Nähe zur Universität, um deren Ressourcen anzuzapfen, deren Bibliotheken, Seminarräume und klugen Köpfe. Genug Distanz, um sich deren Zwängen zu entziehen, dem Zwang zur nüchternen Prosa, zur belegbaren These, zur begutachteten Veröffentlichung.
Halte diese Doppelstellung fest, denn sie prägt alles Weitere. Die CCRU lebte an einer Schwelle. Sie war weder ganz drinnen noch ganz draußen. Aus dieser Schwellenlage bezog sie ihre Energie und ihren Konflikt. Denn die Beziehung zur Institution blieb gespannt. Was als geduldetes Experiment begann, geriet zunehmend in Reibung mit der Fakultät, je weiter sich die Gruppe von den akademischen Normen entfernte. Diese Reibung gehört zur Geschichte der CCRU wesentlich dazu. Sie war eine Einheit, die sich gegen den Ort definierte, an dem sie entstand, und die schließlich aus ihm herausfiel.
Nun zur Arbeitsweise, denn hier zeigt sich der Bruch mit der Universität am deutlichsten. Wie arbeitete diese Gruppe tatsächlich? Zunächst kollektiv. Die CCRU verabschiedete die Grundfigur des akademischen Betriebs, den einzelnen Autor, der seinen Namen unter seine These setzt und für sie einsteht. Stattdessen schrieb sie oft anonym oder unter erfundenen Namen, als Kollektiv, dessen einzelne Stimmen sich nicht mehr sauber trennen ließen. Texte entstanden gemeinsam, wurden weitergereicht, überschrieben, verschmolzen. Diese kollektive Anonymität war kein bloßes Verfahren, sondern Ausdruck der anti-humanistischen Grundhaltung, die du durch das ganze Fundament verfolgt hast. Wenn der einzelne Mensch nicht das Zentrum ist, sondern ein Kreuzungspunkt von Strömen, dann verliert auch der einzelne Autor seine Sonderstellung. Die Gruppe lebte die Theorie, die sie schrieb.
Ein zweiter Zug ihrer Arbeitsweise war die Intensität, mit der Theorie und Leben verschmolzen. Die CCRU betrieb Denken nicht als Beruf von neun bis fünf, sondern als eine Art Besessenheit. Ihre Mitglieder tauchten so tief in den Stoff ein, dass die Grenze zwischen dem Studium eines Gegenstands und dem Leben in ihm verschwamm. Zu den Quellen, aus denen sie schöpften, gehörte die Musik der Zeit, der Jungle und die Rave-Kultur der neunziger Jahre, die nicht nur Untersuchungsobjekt war, sondern gelebte Umgebung. Nächtelange Sitzungen, gemeinsame Rituale, die Verschmelzung von akademischem Ernst und subkultureller Praxis prägten den Ton. Diese Lebensform hatte eine Kehrseite. Die Intensität schlug bisweilen in Erschöpfung und Krise um. Die Geschichte der CCRU ist auch eine Geschichte der Zermürbung, in der einzelne Mitglieder an die Grenzen ihrer Kräfte gerieten. Die Faszination für das Davonlaufende, die du in Band 3 als Haltung kennengelernt hast, war hier gelebte Erfahrung, mit allem, was sie an Gefahr barg.
Ein dritter Zug war die Praxis der Fiktion. Die CCRU schrieb keine gewöhnlichen Aufsätze. Sie erfand Figuren, Archive, ganze Mythologien und behandelte sie, als wären sie wirklich. Sie legte sich Personae zu, sprach durch erfundene Autoren, baute ein Geflecht aus Verweisen auf Texte, die es nicht gab. Diese Praxis ist der Kern dessen, was du in Modul drei als Theorie-Fiktion und Hyperstition genauer studieren wirst. Hier genügt, dass du sie als Arbeitsweise erkennst. Das Erfinden war für die CCRU kein Schmuck, den sie einer Analyse hinzufügte, sondern die Methode selbst. Sie dachte, indem sie fabulierte. Ein akademisches Department konnte eine solche Praxis auf Dauer nicht beherbergen, denn sie widersprach dem Grundvertrag der Wissenschaft, der Trennung von Wahrheit und Erfindung.
Verbinde diese drei Züge, die kollektive Anonymität, die Verschmelzung von Theorie und Leben, die Praxis der Fiktion, und du erkennst, warum die CCRU aus der Universität herausfallen musste. Sie war kein widerspenstiges Institut, das sich mit besseren Argumenten hätte halten lassen. Sie war eine andere Art von Gebilde, das die Form der Universität von innen sprengte. Um die Jahrtausendwende löste sich die Bindung an Warwick. Die Gruppe existierte noch eine Weile fort, verstreute sich, verlagerte ihre Aktivität in andere Kanäle, in frühe Websites, in Publikationen jenseits des akademischen Betriebs. Der Ort, der sie hervorgebracht hatte, war zu eng geworden.
Ein letzter Gedanke ordnet diesen Band in den größeren Bogen ein. Die para-akademische Stellung der CCRU ist mehr als eine biografische Fußnote. Sie ist selbst ein Stück ihrer Theorie. Eine Gruppe, die das Denken als davonlaufenden, sich selbst verstärkenden Prozess begriff, konnte nicht in den stabilisierenden Strukturen einer Institution zu Hause sein. Ihre Organisationsform spiegelte ihren Gegenstand. So wie das Kapital in ihrem Bild die alten Ordnungen deterritorialisiert, so deterritorialisierte die CCRU die akademische Ordnung, aus der sie kam. Sie war die gelebte Anwendung ihrer eigenen Begriffe. Genau darin liegt der Grund, warum ihre Wirkung erst nach ihrer Auflösung voll einsetzte, ein Punkt, den du in Band 1 schon als Merkwürdigkeit notiert hast und der nun seinen Sinn gewinnt. Eine Bewegung, die von Entfesselung lebt, entfaltet ihre Kraft nicht im Bestehen, sondern im Zerstreuen.
Kernaussage
Die CCRU war eine para-akademische Einheit an der University of Warwick, die deren Ressourcen nutzte und sich zugleich deren Regeln entzog. Ihre Arbeitsweise aus kollektiver Anonymität, der Verschmelzung von Theorie und Leben und der Praxis der Fiktion sprengte die Form der Universität von innen. Ihre Organisationsform spiegelte ihren Gegenstand, das davonlaufende System, weshalb sie aus der Institution herausfallen musste.
Der Kritiker
Ein erheblicher Teil dieser Erzählung stammt von der Gruppe selbst, und sie hatte ein Interesse daran. Die Inszenierung als Außenseiter gehörte zu ihrem Verfahren. Tatsächlich saß die CCRU an einer Universität, nutzte deren Bibliotheken, deren Gehälter und deren Namen, und ihre Mitglieder waren Doktoranden und Dozenten mit regulären Laufbahnen. Wer sich als vertrieben beschreibt, während er Institutsräume belegt, betreibt Selbstmythologisierung. Die Randstellung war real und sie war zugleich ein Kostüm.
Die Deutung, die Organisationsform habe den Gegenstand gespiegelt, ist elegant und beweist nichts. Sie lässt sich auf jede zerfallene Gruppe anwenden. Eine Theorie, die im eigenen Scheitern ihre Bestätigung findet, hat sich gegen jede Widerlegung immunisiert, und du wirst dieser Denkbewegung in Band 13 unter dem Namen Hyperstition systematisch begegnen. Hier tritt sie zum ersten Mal auf, und es lohnt, sie als das zu erkennen, was sie ist, eine rhetorische Figur.
Am schwersten wiegt, was die Erzählung von der Intensität verklärt. Menschen sind in diesem Milieu ernsthaft zu Schaden gekommen. Erschöpfung, Zusammenbrüche, abgebrochene Laufbahnen, in einem Fall ein Leben, das früh endete, wovon Band 11 spricht. Eine Darstellung, die daraus einen Beleg für die Ernsthaftigkeit des Denkens macht, dreht Kosten in Kredit um. Die Kehrseite gehört nicht als Preis in die Bilanz, sie ist der Einwand.
Brücke zum nächsten Band
Der Ort ist umrissen, die Arbeitsform verstanden. Nun treten die Menschen einzeln hervor. Am Anfang stand eine Frau, deren Cyberfeminismus der Gruppe den ersten Impuls gab und deren Weggang die entscheidende Wende einleitete. Band 9 wendet sich Sadie Plant zu, ihrem Denken und ihrer Rolle als Gründerin, bevor Band 10 zeigt, wie Nick Land nach ihrem Fortgang das Projekt in eine dunklere Richtung riss.