Band 129 Min. Lesezeit
Theorie-Fiktion
Modul III · Die Methode
Lernziel
Nach diesem Band verstehst du die Schreibpraxis, die der CCRU zugrunde liegt, die Theorie-Fiktion. Du weißt, warum die Gruppe ihren Gegenstand konstruierte, statt ihn zu beschreiben, mit welchen konkreten Mitteln sie das tat und aus welcher Ahnenreihe sie schöpfte. Du begreifst die erkenntnistheoretische Behauptung dahinter, dass Fiktion die Wirklichkeit nicht verfehlt, sondern auf eigene Weise herstellt. Damit betrittst du das dritte Modul und näherst dich dem Herzstück der Gruppe, denn bei der CCRU ist die Methode schon die eigentliche These.
Darstellung
Am Ende der letzten beiden Module steht eine Beobachtung, die dir seit Band 1 begegnet ist und die nun ihren Begriff erhält. Die CCRU trennte nicht sauber zwischen Analyse und Erzählung. Vieles in ihren Texten liest sich zugleich als Behauptung über die Welt und als Stück einer erfundenen Geschichte. Diese Doppelnatur ist keine Nachlässigkeit und kein Stilfehler, sondern das Verfahren selbst. Es trägt einen Namen, Theorie-Fiktion, und dieser Band macht aus der Beobachtung ein Verständnis. Du lernst hier das Wie der Gruppe, ihre Werkstatt, bevor du im nächsten Band das Warum in seiner radikalsten Form kennenlernst.
Beginne beim Gegenbild, denn das Verfahren wird erst vor ihm scharf. Die gewöhnliche akademische Theorie ruht auf einer Voraussetzung, die so selbstverständlich ist, dass man sie selten ausspricht. Sie geht davon aus, dass es eine Welt gibt, die vorliegt, und dass die Aufgabe des Denkens darin besteht, diese Welt möglichst genau abzubilden. Der Theoretiker steht außerhalb seines Gegenstands, betrachtet ihn aus sicherer Distanz und beschreibt, was der Fall ist. Wahrheit heißt in diesem Bild Übereinstimmung zwischen der Aussage und der Wirklichkeit. Das Ideal ist der Spiegel, der treu wiedergibt, was vor ihm liegt. Die ganze Form der wissenschaftlichen Prosa dient dieser Aufgabe, die nüchterne Sprache, der Beleg, die überprüfbare These, die klare Grenze zwischen dem, was ist, und dem, was man sich bloß ausdenkt.
Die CCRU bestreitet diese Voraussetzung. Für sie beschreibt Denken die Welt nicht bloß, es greift in sie ein. Eine Fiktion ist kein bloßes Als-ob, das der Wirklichkeit äußerlich bliebe, sondern eine Kraft, die auf die Wirklichkeit zurückwirkt und an ihrer Gestalt mitarbeitet. Wo die Fiktion Welten entwirft, setzt sie etwas frei, das die vorliegende Welt verändern kann. Aus dieser Überzeugung folgt eine andere Praxis des Schreibens. Wenn Erfindung selbst eine wirkende Kraft ist, dann verliert die strenge Trennung von Analyse und Erzählung ihren Sinn. Der Theoretiker muss dann nicht beschreiben, was ist, er kann konstruieren, was wirken soll. Genau das meint Theorie-Fiktion. Sie ist das Denken, das aufhört, ein Spiegel sein zu wollen, und beginnt, eine Maschine zu sein, die Wirklichkeit produziert.
Betrachte nun die konkreten Mittel, denn an ihnen wird das Abstrakte greifbar. Das erste Mittel ist die erfundene Quelle. Die CCRU verwies in ihren Texten auf Bücher, Dokumente und Forscher, die es nicht gab, und behandelte sie mit dem vollen Ernst wissenschaftlicher Zitation. Fußnoten führten in ein Archiv, das die Gruppe selbst erdacht hatte. Diese Praxis verkehrt die Funktion des Belegs. Wo der Beleg in der Wissenschaft die Aussage an eine vorliegende Wirklichkeit bindet, bindet der erfundene Beleg sie an eine erdachte, und indem er das mit voller Ernsthaftigkeit tut, verleiht er dem Erdachten das Gewicht des Wirklichen. Das zweite Mittel ist die Persona, der erfundene Autor. Die Gruppe sprach durch Figuren, die als Urheber ihrer eigenen Theorien auftraten. Die bekannteste ist Professor Daniel Barker, ein erdachter Wissenschaftler, dem die CCRU eine Biografie, eine Vergangenheit und eine Lehre andichtete, die Geotraumatik, die dir in Band 20 wiederbegegnet. Barker ist kein Pseudonym im gewöhnlichen Sinn, hinter dem sich ein wirklicher Autor verbirgt, sondern eine eigenständige Figur, durch die die Gruppe denkt. Das dritte Mittel ist die kollektive Anonymität, die du in Band 8 schon als Arbeitsform kennengelernt hast. Indem die CCRU als namenloses Kollektiv schrieb, entzog sie ihren Texten den einzelnen verantwortlichen Autor und gab ihnen den Charakter eines Fundes, eines Materials, das aus keiner bestimmten Feder stammt.
Diese Mittel greifen ineinander und ergeben zusammen ein Geflecht, in dem sich der Leser nie mehr sicher fühlen kann, ob er eine Analyse oder eine Erzählung vor sich hat. Genau diese Unsicherheit ist beabsichtigt. Sie versetzt den Leser in einen Zustand, in dem die Grenze zwischen Wissen und Erfindung nicht mehr trägt, und öffnet ihn damit für die eigentliche Behauptung der Gruppe, dass diese Grenze ohnehin durchlässiger ist, als das gewöhnliche Denken zugibt.
Ordne das Verfahren nun in seine Ahnenreihe ein, denn die CCRU hat es nicht erfunden, sondern aus einer literarischen Tradition übernommen und zugespitzt. Der erste Ahne ist Jorge Luis Borges, der argentinische Schriftsteller, dessen Erzählungen von erfundenen Büchern, erdachten Enzyklopädien und ganzen fiktiven Welten handeln, die in die wirkliche einzusickern beginnen. Seine Erzählung von einem erfundenen Planeten, dessen Beschreibung sich langsam in der Wirklichkeit ausbreitet, ist eine Urszene des Gedankens, dass eine hinreichend ausgearbeitete Fiktion real zu werden vermag. Der zweite Ahne ist H. P. Lovecraft, den du aus Band 7 kennst. Sein erfundenes Buch, das verbotene Werk voller kosmischer Schrecken, ist mit einem so dichten Apparat aus Verweisen und Zitaten umgeben, dass manche Leser es für ein wirkliches historisches Dokument hielten. Lovecraft lieferte das Muster der erfundenen Quelle, die durch ihre gelehrte Umgebung den Anschein des Echten gewinnt. Der dritte Ahne ist der Cyberpunk, Gibson und Philip K. Dick, deren Erzählungen die Grenze zwischen Wirklichkeit und Simulation als Thema behandeln und damit die CCRU in ihrem eigenen Verfahren bestärkten.
Halte an dieser Stelle einen wichtigen Unterschied fest, damit du zwei Begriffe des Lehrgangs nicht verwechselst. Theorie-Fiktion bezeichnet das Verfahren, die Schreibpraxis, das Wie. Der Begriff, der die Behauptung dahinter trägt, das Warum, ist Hyperstition, und ihm sind die beiden folgenden Bände gewidmet. Theorie-Fiktion ist das Handwerk, Hyperstition die These über die Wirkkraft des so Erschaffenen. Beide gehören eng zusammen, und doch musst du sie trennen. Das Verfahren könntest du auch betreiben, ohne an seine Wirkung zu glauben, als bloßes Spiel. Die CCRU aber betrieb es, weil sie an die Wirkung glaubte, und diese Verbindung von Handwerk und Glaube macht ihren Ernst aus.
Ein Einwand liegt nahe und verdient eine ehrliche Antwort. Ist das alles am Ende nur eine Ausrede, ein Freibrief, unter dem sich jede beliebige Behauptung als tiefsinnige Fiktion tarnen lässt? Die Gefahr ist wirklich, und sie ist der Preis des Verfahrens. Eine Theorie-Fiktion entzieht sich der gewöhnlichen Prüfung, denn man kann sie nicht widerlegen wie eine sachliche Aussage. Sie will nicht wahr im Sinne der Übereinstimmung sein, sondern wirksam. Damit verschiebt sich der Maßstab von der Richtigkeit zur Wirkung, und dieser Maßstab ist schwerer zu handhaben. Die CCRU nahm diese Unschärfe in Kauf, weil sie überzeugt war, dass die wichtigsten Kräfte der Kultur ohnehin nach dieser Logik arbeiten, dass Geld, Glaube und Zukunft nicht Abbilder einer vorliegenden Wirklichkeit sind, sondern Fiktionen, die Wirklichkeit erzeugen. Ob dieser Einsatz aufgeht, ist die entscheidende Frage, die der nächste Band am wichtigsten Beispiel prüft, am Kapital selbst.
Ein letzter Gedanke führt über die CCRU hinaus und zeigt, dass das Verfahren mehr war als eine Marotte der Gruppe. Aus der Theorie-Fiktion wurde eine eigene Gattung des Denkens, die bis heute betrieben wird. Ihr reifstes Werk ist ein Buch von Reza Negarestani aus dem Jahr 2008, das eine philosophische Abhandlung mit einer Horrorerzählung verschmilzt und dabei die Mittel der erfundenen Quelle und des erdachten Archivs zu einer geschlossenen Form ausbaut. Diesem Werk ist Band 25 gewidmet. Es beweist, dass die Theorie-Fiktion kein bloßer Kunstgriff einer kleinen Gruppe blieb, sondern eine ernstzunehmende Weise, Gedanken zu entwickeln, die anders nicht zu haben sind. Was die CCRU als para-akademisches Experiment begann, wurde zu einem Werkzeug, das andere aufnahmen und weiterführten.
Kernaussage
Theorie-Fiktion ist die Schreibpraxis der CCRU, die das Denken vom Anspruch löst, ein Spiegel der vorliegenden Welt zu sein, und es als eine Kraft begreift, die Wirklichkeit hervorbringt. Mit erfundenen Quellen, erdachten Personae wie Professor Barker und kollektiver Anonymität verwischt sie die Grenze zwischen Analyse und Erzählung. Sie ist das Verfahren, dessen dahinterliegende Behauptung über die Wirkkraft von Fiktionen den Namen Hyperstition trägt.
Der Kritiker
Der Band nimmt seinen eigenen Einwand vorweg und entschärft ihn dabei. Die Frage, ob hier ein Freibrief ausgestellt wird, verlangt eine schärfere Antwort als den Hinweis, das sei eben der Preis. Denn der Preis ist hoch. Wer den Maßstab von der Richtigkeit auf die Wirkung verschiebt, hat kein Kriterium mehr, um eine Theorie-Fiktion von einer Lüge zu unterscheiden. Beide erfinden, beide wirken, beide messen sich am Erfolg. Die Differenz liegt allein in der Absicht des Verfassers, und Absichten prüft niemand.
Die Ahnenreihe trägt zudem weniger, als der Band behauptet. Borges hat nie geglaubt, dass seine erfundenen Bücher wirklich würden, er hat einen Gedanken über die Macht der Fiktion erzählt, und die Erzählung ist eine Erzählung. Lovecraft hat sein verbotenes Buch als Requisite gebaut und über die Leichtgläubigkeit derer, die es suchten, gespottet. Die CCRU nimmt von beiden das Verfahren und legt eine metaphysische Behauptung darauf, die keiner von beiden gedeckt hätte. Aus einem literarischen Kunstgriff wird eine These über die Verfassung der Welt, und der Weg von dort nach hier wird nirgends begründet.
Was bleibt, ist beträchtlich und liegt woanders, als der Band vermutet. Die Praxis funktioniert, das ist der Punkt. Sie erzeugt Texte, die haften bleiben, die weitergetragen werden, die andere zum Weiterbauen bringen. Als Erkenntnisverfahren ist sie ungedeckt. Als Bauweise für Ideen, die sich fortpflanzen, ist sie den nüchternen Formen überlegen, und dieser Lehrgang ist ein Beleg dafür. Du liest ihn, weil die Sache ansteckend ist, und nicht, weil sie bewiesen wäre.
Brücke zum nächsten Band
Das Handwerk ist verstanden, nun folgt der Glaube, der es trägt. Band 13 wendet sich der Hyperstition zu, dem Eigenbegriff der CCRU und ihrem theoretischen Kern. Er erklärt den Mechanismus der Fiktion, die sich selbst verwirklicht, und zeigt, wie eine Erzählung als Schaltkreis zwischen dem Erdachten und dem Realen wirken kann. Damit dringst du zum eigentlichen Herzstück des Denkens der Gruppe vor, auf das alles Bisherige zulief.