CCRU
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Der Kritiker

Band 047 Min. Lesezeit

Deleuze und Guattari I

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Modul I · Das Fundament


Lernziel

Nach diesem Band verstehst du den Begriff der Wunschmaschine und die Umwälzung, die Deleuze und Guattari mit dem Anti-Ödipus vollzogen. Du weißt, warum sie das Begehren nicht als Mangel, sondern als produktive Kraft fassten, und was es bedeutet, das Unbewusste als Fabrik statt als Bühne zu denken. Damit besitzt du die zweite große Quelle der CCRU, denn hier stammt die Sprache her, in der die Gruppe Begehren, Produktion und Fluss zusammendachte.

Darstellung

Zwei Namen, ein Werk. Gilles Deleuze war Philosoph, Félix Guattari war Psychoanalytiker und politischer Aktivist. 1972 veröffentlichten sie gemeinsam den Anti-Ödipus, den ersten Band eines Werks mit dem Untertitel Kapitalismus und Schizophrenie. Das Buch erschien wenige Jahre nach den Aufständen des Mai 1968 in Frankreich und atmet deren Geist. Es ist ein Angriff auf zwei Autoritäten zugleich, auf die Psychoanalyse Freudscher Prägung und auf die Ordnungen, die das Begehren einhegen. Der Ton ist wild, überbordend, absichtlich schwer. Für dich zählt zunächst nur der begriffliche Kern, den ich aus diesem Dickicht herauslöse.

Beginne beim Gegner, denn die Provokation des Buches wird erst vor ihm scharf. Die klassische Psychoanalyse denkt das Begehren vom Mangel her. Man begehrt, was man nicht hat. Das Verlangen ist ein Loch, das nach Füllung schreit, eine Leere, die auf ein fehlendes Objekt zeigt. In diesem Bild ist Begehren immer negativ bestimmt, immer als Abwesenheit von etwas. Freud band dieses Verlangen zudem an eine feste Bühne, an die Familie und ihr Urdrama, den Ödipuskomplex. Das Kind begehrt den einen Elternteil, fürchtet den anderen, und aus diesem Dreieck aus Vater, Mutter, Kind leitet die Psychoanalyse die Struktur des Unbewussten ab. Alles Begehren wird auf dieses familiäre Muster zurückgeführt und darin gedeutet.

Gegen beides setzen Deleuze und Guattari ihre Umkehrung. Begehren ist kein Mangel, sondern Produktion. Es fehlt ihm nichts, es stellt her. Das Verlangen zeigt nicht auf ein abwesendes Objekt, es erzeugt Verbindungen, Ströme, Wirklichkeit. Dieser Satz ist der Angelpunkt des ganzen Buches. Wo Freud eine Leere sah, sehen sie eine Fabrik. Das Unbewusste ist keine Bühne, auf der ein altes Familiendrama immer neu aufgeführt wird. Es ist eine Werkstatt, in der ohne Unterlass produziert wird. Deleuze und Guattari sagen ausdrücklich, das Unbewusste sei kein Theater, sondern eine Fabrik. Merke dir dieses Bild, denn es trägt alles Weitere.

Aus dieser Fabrik stammt der zentrale Begriff, die Wunschmaschine. Das Wort verbindet zwei Sphären, die das abendländische Denken gewöhnlich trennt, das Begehren und die Maschine, das Lebendige und das Mechanische, das Innere und das Technische. Genau diese Trennung wollen die Autoren aufheben. Für sie ist das Begehren maschinell verfasst, und Maschinen sind nicht die kalten Gegenspieler des Lebens, sondern dessen eigene Bauform. Eine Wunschmaschine ist alles, was einen Fluss anzapft und ihn weiterleitet. Der Mund ist eine Maschine, die den Fluss der Nahrung unterbricht und aufnimmt. Die Brust ist eine Maschine, die einen Milchfluss erzeugt. Auge, Hand, Organ, aber auch Werkzeug, Institution, Stadt, alles lässt sich als solche Maschine lesen. Eine Wunschmaschine koppelt sich stets an eine andere, sie nimmt deren Ausstoß auf und gibt ihren eigenen weiter. So entsteht ein endloses Netz aus Verbindungen, in dem Ströme laufen und Maschinen sie schneiden.

Zwei Züge dieser Konzeption sind für die CCRU entscheidend. Der erste ist der anti-humanistische Zug. Wenn das Begehren maschinell ist, dann steht nicht mehr der einzelne Mensch mit seiner Innerlichkeit im Zentrum. Der Mensch erscheint selbst als Verbund von Maschinen, als Kreuzungspunkt von Strömen, die durch ihn hindurchlaufen und über ihn hinausreichen. Das Subjekt ist kein Ursprung mehr, sondern ein Effekt. Diese Entthronung des Menschen wird die CCRU aufnehmen und weitertreiben. Der zweite Zug ist die Nähe von Begehren und Produktion überhaupt. Indem Deleuze und Guattari das Verlangen als produktive Kraft fassen, rücken sie es in die Nähe der ökonomischen Produktion. Begehren und Wirtschaft sind keine getrennten Reiche. Dasselbe Prinzip des Produzierens, des Fließens und Koppelns durchzieht beide. Aus dieser Nachbarschaft wird im nächsten Band die Verbindung zum Kapitalismus erwachsen.

Ein dritter Begriff gehört hierher, weil er die Wunschmaschine ergänzt und du ihn später wiederfindest, der Körper ohne Organe. Der Ausdruck klingt rätselhaft und ist es teils mit Absicht. Gemeint ist kein anatomischer Körper, sondern eine Ebene, auf der die Maschinen sich verteilen. Stelle ihn dir als die unstrukturierte Fläche vor, auf der noch keine festen Organe, keine festen Funktionen zugewiesen sind. Wo die Wunschmaschinen unaufhörlich koppeln und schneiden, bildet der Körper ohne Organe den Gegenpol, eine Fläche der reinen Möglichkeit, auf der sich die Intensitäten verteilen, bevor sie in feste Ordnungen erstarren. Für den Moment genügt dir, dass die Autoren neben der produktiven Maschine auch eine Ebene des Noch-nicht-Festgelegten denken, ein Reservoir des Ungeformten. Der Begriff wird dir in der Zahlenkosmologie des Numogramms in verwandelter Gestalt wiederbegegnen.

Fasse die Bewegung dieses Bandes zusammen. Deleuze und Guattari lösen das Begehren aus dem Gefängnis des Mangels und der Familie. Sie machen aus dem Verlangen eine produktive, maschinelle Kraft, die Ströme erzeugt und Verbindungen knüpft. Das Unbewusste wird zur Fabrik, der Mensch zum Kreuzungspunkt von Maschinen, das Begehren zum Nachbarn der ökonomischen Produktion. Diese drei Verschiebungen sind das Erbe, das die CCRU antrat. Sie übernahm die Sprache der Ströme und Maschinen, die Entthronung des Subjekts und die enge Nachbarschaft von Verlangen und Ökonomie. Was bei Deleuze und Guattari noch eine Kritik an Freud und eine Feier des produktiven Begehrens war, wird die Gruppe in eine Theorie des Kapitals verwandeln, das selbst als gewaltige Wunschmaschine läuft.

Kernaussage

Deleuze und Guattari fassen im Anti-Ödipus das Begehren nicht als Mangel, sondern als Produktion. Ihre Wunschmaschine verbindet Verlangen und Maschine, macht aus dem Unbewussten eine Fabrik und aus dem Menschen einen Kreuzungspunkt von Strömen. Damit lieferten sie der CCRU die Sprache, in der Begehren und Ökonomie als ein einziges produktives Geschehen erscheinen.

Der Kritiker

Diese Darstellung nimmt aus einem sehr großen Buch heraus, was die CCRU daraus genommen hat, und lässt liegen, was sie liegen ließ. Der Anti-Ödipus ist zu seiner Zeit vor allem als Eingriff in die Psychiatrie und in die Politik nach 1968 gelesen worden. Guattari arbeitete jahrzehntelang in einer psychiatrischen Klinik, und die Wunschmaschine war für ihn kein kosmisches Prinzip, sondern ein Werkzeug in der Behandlung von Menschen. Das Buch mündet in ein Verfahren, die Schizoanalyse, das hier vollständig fehlt. Wer nur die Maschine mitnimmt und die Praxis zurücklässt, hält ein Ornament in der Hand.

Der Preis dieser Auswahl zeigt sich am Begriff selbst. Deleuze und Guattari betonen, dass die Wunschmaschine keine Metapher ist, dass sie das Maschinelle wörtlich meinen. Diese Behauptung lässt sich schwer prüfen und leicht behaupten. Sie ist eine Setzung, die den Text vor dem Einwand schützt, er verwechsele ein Bild mit einer Sache.

Ein dritter Punkt betrifft die Anschlussfähigkeit an die CCRU. Deleuze und Guattari haben ihr Denken nie als Bejahung des Kapitals verstanden. Beide standen politisch links, beide arbeiteten an konkreten Auseinandersetzungen mit. Dass Land aus ihrer Wunschmaschine eine Theorie des Kapitals als eigenständiger Kraft entwickelt, ist eine Aneignung gegen die erklärte Absicht der Autoren. Ob eine solche Aneignung legitim ist, hängt davon ab, ob man dem Werk oder dem Willen des Autors folgt. Die CCRU hat diese Frage nie gestellt.

Brücke zum nächsten Band

Die Wunschmaschine produziert Ströme, doch etwas geschieht mit diesen Strömen, sobald der Kapitalismus sie ergreift. Deleuze und Guattari beschreiben, wie das Kapital feste Ordnungen auflöst und Ströme freisetzt, und prägen dafür den Begriff der Deterritorialisierung. Band 5 folgt dieser Bewegung und zeigt, warum der Kapitalismus in ihrem Denken eine zweischneidige, entfesselnde Kraft ist. Dort öffnet sich der Übergang von der Philosophie des Begehrens zur Theorie des Kapitals, an dem die CCRU ansetzen wird.