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Der Kritiker

Band 239 Min. Lesezeit

Mark Fisher

Vorlesen

Modul V · Die Wirkung


Lernziel

Nach diesem Band kennst du die Gegenbewegung zu allem, was das vierte Modul enthielt. Du weißt, was Fisher unter dem kapitalistischen Realismus verstand, warum er die Depression für eine politische Angelegenheit hielt und was seine Hauntologie mit der verlorenen Zukunft zu tun hat. Und du siehst, wie zwei Menschen aus demselben Raum dieselbe Diagnose stellten und entgegengesetzt darauf antworteten.

Darstellung

Fisher kam 1968 in Leicester zur Welt, wuchs in East Midlands auf, Vater Ingenieur, Mutter Reinigungskraft. Er gehörte zu einer Generation britischer Kinder aus Arbeiterfamilien, denen der Nachkriegsstaat einen Weg gebahnt hatte, über kostenlose Bildung, über öffentliche Bibliotheken, über einen Rundfunk, der Erwachsenenbildung betrieb und dabei mit Popmusik arbeitete. Er kam nach Warwick, promovierte dort und gehörte in den neunziger Jahren zum Kreis der CCRU. Seine Herkunft ist für sein Werk wichtiger als bei jedem anderen in diesem Lehrgang, denn was er später als historische Diagnose formulierte, ist zuerst die Beschreibung eines Wegs, den es zu seiner Zeit noch gab und danach nicht mehr.

Nach dem Ende der Gruppe fand er kein akademisches Auskommen und schrieb ab 2003 einen Blog unter dem Namen k-punk. Der Ton war ein anderer als der Lands. Klar gebaute Sätze, keine Beschwörung, keine erfundenen Quellen. Fisher schrieb über eine Fernsehserie, ein Album, ein Buch und eine politische Lage in derselben Bewegung und behandelte sie als gleichrangig. Um diesen Blog bildete sich ein Kreis von Lesern, aus dem eine ganze Gegenkultur der Theorie hervorging, geschrieben von Leuten außerhalb der Universität, für Leute außerhalb der Universität.

Aus dem Blog wuchs 2009 ein schmales Buch mit dem Titel Capitalist Realism. Es hat unter hundert Seiten und wurde zum meistgelesenen Text, den das Umfeld der CCRU hervorgebracht hat. Der Begriff, den es prägte, bezeichnet keinen Zustand der Wirtschaft, sondern einen der Vorstellungskraft. Kapitalistischer Realismus meint die Lage, in der der Kapitalismus als das einzig Mögliche erscheint und jede Alternative nicht widerlegt, sondern undenkbar ist. Fisher eröffnete das Buch mit einem Satz, den er anderen zuschrieb und dessen Herkunft er offen ließ, der Gedanke, dass sich der Untergang der Welt leichter ausmalen lässt als das Ende dieser Wirtschaftsordnung. Kinofilme führen den Zusammenbruch der Zivilisation im Dutzend vor und keiner davon eine andere Weise zu wirtschaften.

Von der Postmoderne, mit der man diese Diagnose verwechseln kann, unterscheidet sie sich in einem Punkt. Die postmoderne Lage kannte noch eine Erinnerung an das, was verschwand, und lebte von der Spannung zur eigenen Vorgeschichte. Fishers Realismus setzt dort ein, wo die Erinnerung ausfällt. Er beschreibt Menschen, für die es kein Vorher gab, denen nie eine Alternative begegnet ist und die deshalb nichts vermissen. Der Kapitalismus muss sich nicht mehr behaupten, weil er nichts mehr neben sich hat.

Was das im Alltag bedeutet, führte er an einem Begriff vor, den er die Unternehmens-Ontologie nannte. Es genügt nicht, dass Firmen wie Firmen geführt werden. Auch die Schule wird wie ein Unternehmen geführt, das Krankenhaus, die Universität, der Rundfunk, zuletzt der einzelne Mensch, der seinen Lebenslauf, seine Erscheinung und seine Beziehungen als Vermögen verwaltet. Fisher unterrichtete jahrelang an einem College und beschrieb, was er dort sah. Seine Schüler wussten genau, dass die Ordnung, in der sie standen, ihnen nichts versprach, und sie konnten sich dennoch nicht bewegen. Er nannte das reflexive Ohnmacht. Die Einsicht ist vorhanden und ändert nichts, weil sie selbst schon Teil der Erschöpfung ist.

Ein zweiter Befund richtet sich gegen eine geläufige Erzählung. Der Markt sollte die Bürokratie abschaffen und hat sie vermehrt. Wo Leistung nicht mehr an der Sache gemessen wird, sondern an ihrer Darstellung, entsteht ein Apparat aus Berichten, Kennzahlen, Prüfungen und Zielvereinbarungen, der mehr Zeit verschlingt als die Arbeit, die er misst. Fisher hatte dafür einen bitteren Ausdruck übrig, den man kaum übersetzen kann, und er meinte damit eine Planwirtschaft, die sich am Bild ihrer Ergebnisse orientiert statt an diesen selbst. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet oder in einer Organisation, die Audits kennt, erkennt die Beschreibung ohne weitere Erläuterung.

Der Teil des Buchs, der am weitesten wirkte, handelt von der Depression. In Großbritannien war psychisches Leiden in den Jahren, in denen Fisher schrieb, die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit, und die Antwort darauf lautete durchweg individuell. Ein Ungleichgewicht im Gehirn, eine Frage der Chemie, allenfalls eine Folge der Kindheit. Fisher hielt dagegen, dass eine Gesellschaft, die jeden zum Unternehmer seiner selbst erklärt, jedes Scheitern automatisch privatisiert. Wer scheitert, hat sich falsch aufgestellt. Er sprach von der Privatisierung des Stress und meinte damit einen Vorgang, in dem eine gesellschaftliche Zumutung in ein persönliches Versagen umgebucht wird. Seine Forderung war nicht, das Leiden politisch zu erklären und die Behandlung abzuschaffen, sondern die Frage zuzulassen, warum so viele auf dieselbe Weise erkranken.

Der zweite Strang seines Werks trägt den Namen Hauntologie und kommt aus einem Wortspiel Derridas, der 1993 über die Gespenster von Marx schrieb und den Begriff auf ein Sein legte, das nicht anwesend ist und dennoch wirkt. Fisher machte daraus eine Beschreibung der Gegenwartsmusik. Ihm fiel auf, dass die Popmusik der zweitausender Jahre nicht mehr klang wie etwas Neues, sondern wie Zitat, Wiederaufnahme, Rückgriff. Ein Stück aus dem Jahr 2005 hätte man von einem Stück aus dem Jahr 1995 kaum unterscheiden können, während zwischen 1965 und 1975 Welten lagen. Die Musik, die ihn interessierte, machte diesen Umstand hörbar. Burial arbeitet mit Rauschen, Knistern und Bruchstücken von Stimmen, die klingen wie eine Aufnahme von etwas, das man nicht mehr erreicht. Das ist bei Fisher keine Stimmungsfrage. Diese Musik trauert um eine Zukunft, die einmal versprochen war und nie eingetroffen ist.

Welche Zukunft er meinte, sagte er deutlich. Die britische Nachkriegsordnung hatte eine Richtung, in der Bildung öffentlich war, Wohnraum gebaut wurde, der Rundfunk experimentierte und ein Kind aus Leicester ein Doktorat erreichen konnte, ohne verschuldet zu sein. Diese Richtung ist abgebrochen worden, und was folgte, war keine andere Zukunft, sondern das Ende von Zukunft überhaupt. Den Ausdruck von der langsamen Abschaffung des Kommenden übernahm er von Franco Berardi und machte ihn zum Kern seines zweiten Buchs, das 2014 erschien.

Damit ist die Stelle erreicht, auf die Band 14 vorausgewiesen hat. Fisher und Land teilen die Diagnose. Es gibt kein Außen, das Kapital hat keine Grenze, an der es endet, es integriert seine Kritik und lebt von ihr. Diesen Befund haben beide im selben Raum in Warwick gelernt, und keiner von beiden hat ihn je zurückgenommen. Die Antwort trennt sie vollständig. Land findet in der Grenzenlosigkeit einen Grund zur Faszination und geht mit. Fisher findet darin einen Verlust und weigert sich, ihn zu akzeptieren, ohne behaupten zu können, dass die Weigerung etwas bewirkt. Er hat Land nie verworfen und in einem Text von 2012 ausdrücklich festgehalten, dass die linke Antwort auf dieses Denken bislang nichts taugt. Es fehlt ihr an Kälte, an Reichweite, an Bereitschaft, dem eigenen Gegner das Gewicht zuzugestehen, das er hat.

Sein letztes Vorhaben blieb unvollendet. Unter dem Titel Acid Communism sammelte er Material über die späten sechziger Jahre, über eine Zeit, in der die Vorstellung, dass Bewusstsein und Gesellschaft sich zugleich verändern lassen, kurz eine Wirklichkeit hatte. Der Text existiert als Einleitung und als Notizen. Fisher starb im Januar 2017 im Alter von achtundvierzig Jahren an den Folgen einer Depression, an der er sein Leben lang litt und über die er öffentlich geschrieben hatte.

Der Kritiker

Der Begriff, mit dem das Buch berühmt wurde, hat die Bauart, die dieser Lehrgang inzwischen kennt. Nennt man eine Alternative, so lautet die Antwort, sie sei bereits einverleibt. Nennt man keine, gilt das als Beleg für die These. Beides bestätigt, nichts widerspricht. Der kapitalistische Realismus ist damit gebaut wie Hyperstition, und Fisher, der von denselben Leuten gelernt hat wie Land, wusste das vermutlich.

Der zweite Einwand betrifft die Hauntologie und wiegt schwerer. Ein Mann, der in den siebziger Jahren jung war, findet die Musik seiner Jugend besser als die der Gegenwart und erklärt diesen Befund zur Epochendiagnose. Diese Beschreibung ist unfair und sie lässt sich nicht vollständig entkräften. Die Behauptung, zwischen 1965 und 1975 sei mehr geschehen als zwischen 1995 und 2005, hängt daran, welche Musik man zählt, und wer den Grime und die Bass-Musik derselben Jahre einbezieht, kommt zu einem anderen Ergebnis, wie Band 22 gezeigt hat. Auffällig bleibt zudem, wessen Zukunft hier verloren ging. Es ist die eines weißen britischen Aufsteigers, dem der Nachkriegsstaat eine Tür geöffnet hatte, und sie war für viele andere im selben Land nie offen. Fisher hat diesen Einwand gekannt und ihm keine Antwort gegeben.

Was bleibt, ist der stärkste Ertrag, den dieser Lehrgang bisher verzeichnet, und er kommt aus dem Teil des Buchs, der am wenigsten Theorie enthält. Die Beobachtung, dass eine Gesellschaft, die jedem die Verantwortung für sein Ergebnis zuweist, jedes Leiden zu einem persönlichen Defekt erklärt, ist prüfbar und geprüft worden. Sie erklärt nicht alle Depression, sie erklärt einen Teil, und dieser Teil war zuvor unsichtbar. Dasselbe gilt für die Bürokratie der Kennzahlen. Wer eine Organisation führt und dabei bemerkt, wie viel Arbeit in die Darstellung von Arbeit fließt, hat den Befund vor sich, und er braucht dafür keinen Marxismus. Fisher hat gesehen, was die Leute um ihn herum aushielten, und er hat es benannt, während seine Umgebung darüber philosophierte, dass es den Menschen ohnehin nicht mehr gibt.

Sein Tod gehört nicht in diese Bilanz. Was Band 10 über Lands Zusammenbruch festhielt, gilt hier ebenso und mit größerer Dringlichkeit, weil die Versuchung größer ist. Eine Depression ist keine Fußnote zu einer Theorie und kein Beweis für sie. Sie ist eine Krankheit, an der ein Mensch gestorben ist, der über sie geschrieben hatte, und daraus einen Schluss über die Richtigkeit seines Denkens zu ziehen, hieße genau das zu tun, was er der Umgebung vorwarf, das Politische ins Private zu buchen und dann umgekehrt.

Kernaussage

Mark Fisher beschrieb mit dem kapitalistischen Realismus eine Lage, in der der Kapitalismus als alternativlos erscheint, weil die Vorstellungskraft für ein Anderes fehlt. Seine Unternehmens-Ontologie zeigt, wie jede Einrichtung und zuletzt der Einzelne nach der Form der Firma geführt wird, seine These zur Depression bucht ein privatisiertes Leiden zurück ins Politische, und seine Hauntologie beschreibt eine Kultur, die um eine Zukunft trauert, die abgebrochen wurde. Er teilte Lands Diagnose vollständig und zog die entgegengesetzte Konsequenz.

Brücke zum nächsten Band

Fisher schrieb, Land dachte, doch die Texte beider hätten sich verstreut, wäre nicht jemand gewesen, der sie sammelte, herausgab und in Umlauf brachte. Band 24 wendet sich Robin Mackay zu und dem Verlag Urbanomic, dazu der philosophischen Strömung, die aus demselben Umfeld hervorging und den Namen Spekulativer Realismus trägt. Es geht dort um die unscheinbarste und wirksamste Form der Nachwirkung, die Verwandlung eines flüchtigen Milieus in Infrastruktur.