CCRU
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Der Kritiker

Band 097 Min. Lesezeit

Sadie Plant

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Modul II · Die Gruppe


Lernziel

Nach diesem Band verstehst du die Denkerin, die der CCRU ihren ersten Impuls gab. Du weißt, was ihr Cyberfeminismus behauptete, warum sie den digitalen Umbruch als eine weibliche Angelegenheit deutete und welche eigenständige These sie über die Verwandtschaft von Frau, Weben und Maschine entwickelte. Zugleich begreifst du, warum ihr Weggang die entscheidende Wende der Gruppe markiert. Damit hältst du den Anfang der CCRU in der Hand, bevor er in Band 10 in seine dunklere Fortsetzung kippt.

Darstellung

Sadie Plant ist die Gründerfigur, und doch wird sie in der Erinnerung an die CCRU oft von Nick Land überschattet. Das ist eine Ungerechtigkeit, die du korrigieren solltest, denn ohne Plant gäbe es die Gruppe nicht, und ihr Denken hat einen eigenen Ton, der sich vom späteren deutlich unterscheidet. Sie war die treibende Kraft der ersten Phase, diejenige, die den institutionellen Rahmen schuf und die intellektuelle Richtung vorgab. Ihr Werk ist heller, hoffnungsvoller, politischer als das, was nach ihr kam. Wo Land ins Abgründige zog, sah Plant in derselben technischen Umwälzung eine Chance der Befreiung.

Ihr Feld war der Cyberfeminismus. Der Begriff verbindet zwei Bewegungen der frühen neunziger Jahre, den Feminismus und die Euphorie über die entstehende digitale Welt. Cyberfeminismus ist die Überzeugung, dass die digitale Revolution und die Emanzipation der Frau innerlich zusammengehören, dass das neue technische Zeitalter die alten Ordnungen zwischen den Geschlechtern aufbrechen und Frauen einen Weg ins Offene bahnen könnte. In einer Zeit, in der das Internet noch jung war und mit utopischer Hoffnung besetzt, war dies eine naheliegende und zugleich kühne Verbindung. Plant gab ihr eine theoretische Tiefe, die über den bloßen Optimismus hinausging.

Ihr Hauptwerk trägt den Titel Zeros and Ones und erschien 1997. Der Titel verweist auf den Binärcode, die Nullen und Einsen, aus denen alle digitale Information besteht. Plant las diese beiden Ziffern zugleich als Zeichen des Geschlechts. Die Eins, aufrecht und einzeln, steht in der überlieferten Symbolik für das Männliche, für das Eine, das Ganze, das Selbst. Die Null, offen und leer, galt der Tradition als das Weibliche, als das Nichts, die Abwesenheit, das bloße Fehlen. Die abendländische Ordnung hat die Frau seit jeher als das Andere des Mannes gedacht, als Mangel, als das, was ihm fehlt. Du erkennst hier die Denkfigur des Mangels wieder, die dir bei Deleuze und Guattari begegnet ist, nun angewandt auf das Geschlecht.

Plants Zug besteht darin, diese Wertung umzukehren. Die Null ist nicht das bloße Nichts, sondern die Bedingung des ganzen Systems. Ohne die Null gibt es keinen Binärcode, keine digitale Welt, keine Rechenmaschine. Was die Tradition als Leere abwertete, erweist sich als die eigentliche Grundlage. Das vermeintlich Weibliche, das Offene, das scheinbar Abwesende, trägt die neue technische Wirklichkeit. Aus der Position des Mangels wird die Position der Ermöglichung. Diese Umwertung ist Plants eigenständiger Beitrag, und sie folgt derselben Bewegung, die du im Fundament immer wieder gesehen hast, die Umkehrung des Vorzeichens, die aus einem vermeintlichen Defizit eine produktive Kraft macht.

Ein zweiter Gedanke vertieft diese These und gibt ihr historische Substanz. Plant verband die Frau mit der Maschine über eine überraschende Brücke, das Weben. Sie erinnerte daran, dass das Weben seit jeher als weibliche Tätigkeit galt und dass der Webstuhl die erste programmierbare Maschine der Geschichte war. Der mechanische Webstuhl mit seinen Lochkarten, die das Muster steuerten, gilt als Vorläufer des Computers. Die Lochkarte, die dem Webstuhl sagt, welche Fäden er heben soll, ist die Ahnin der Lochkarte, die später die Rechenmaschine steuerte. In dieser Linie sah Plant eine verborgene Geschichte, in der das Weibliche und das Maschinelle von Anfang an verflochten sind. Die Frau steht nicht außerhalb der Technikgeschichte, sondern an ihrem Ursprung.

Plant führte diese Verbindung weiter zu einer historischen Figur, die ihr zum Kronzeugen wurde, Ada Lovelace. Lovelace, eine englische Mathematikerin des neunzehnten Jahrhunderts, arbeitete an einer frühen mechanischen Rechenmaschine und schrieb Anweisungen, die viele als das erste Computerprogramm der Geschichte betrachten. Für Plant war Lovelace der Beweis ihrer These. An der Wiege des Computers stand eine Frau. Das Programmieren, diese scheinbar männliche Domäne, hatte einen weiblichen Ursprung. Aus solchen Fäden webte Plant eine Gegengeschichte der Technik, in der das Weibliche nicht das Ausgeschlossene ist, sondern das Verdrängte, das nun mit dem digitalen Zeitalter wieder an die Oberfläche tritt.

Halte den Charakter dieses Denkens fest, denn er unterscheidet sich wesentlich von dem, was folgt. Plants Cyberfeminismus ist im Kern eine Befreiungstheorie. Er sieht in der technischen Umwälzung eine emanzipatorische Kraft, eine Chance, alte Herrschaftsverhältnisse aufzulösen. Die Grundstimmung ist bejahend, zugewandt, auf eine offene Zukunft gerichtet. Zugleich teilt Plant mit der späteren CCRU wesentliche Züge, das Interesse an Selbstorganisation und Rückkopplung, die Faszination für die Auflösung fester Identitäten, die Nähe zu Deleuze und Guattari. Sie steht mit einem Fuß im hellen Cyberoptimismus der neunziger Jahre und mit dem anderen bereits in dem dunkleren, maschinischen Denken, das die Gruppe später prägen wird. Sie ist das Scharnier zwischen beiden.

Nun zur Wende, denn hier liegt der biografische Angelpunkt der ganzen Geschichte. Plant verließ die akademische Welt und die CCRU gegen Ende der neunziger Jahre. Die Gründe waren vielfältig und teils persönlich, teils lag in der zunehmenden Reibung mit der Institution und in der eigenen Entwicklung. Mit ihrem Weggang verschob sich das Schwergewicht der Gruppe zu Nick Land. Was als cyberfeministisches, emanzipatorisches Projekt begonnen hatte, nahm eine andere Färbung an, wurde radikaler, düsterer, weniger auf Befreiung als auf Entfesselung gerichtet. Der helle Ton wich einem abgründigen. Diese Verschiebung ist nicht bloß ein Personalwechsel, sondern ein Wechsel des ganzen Vorzeichens der Gruppe. Die CCRU, die in die Theoriegeschichte einging, ist überwiegend die CCRU nach Plant, die Land-CCRU. Doch ihr Fundament, ihre erste Sprache, ihr institutionelles Dasein verdankt sie der Gründerin.

Ein letzter Gedanke wahrt die Gerechtigkeit gegenüber Plant. Ihr Werk ist eigenständig und steht auch ohne die spätere CCRU. Zeros and Ones ist ein einflussreiches Buch des Cyberfeminismus, das eine ganze Denkrichtung mitbegründete. Plant selbst distanzierte sich später von manchem, was aus der Gruppe wurde, und ging ihren eigenen Weg. Es wäre ein Fehler, sie nur als Vorspiel zu Land zu lesen. Sie ist eine Denkerin mit eigener These, eigenem Ton, eigenem Beitrag. Dass die Erinnerung sie oft in den Schatten stellt, sagt mehr über die Faszination des Abgründigen aus als über das Gewicht ihres Werks.

Kernaussage

Sadie Plant gründete die CCRU und gab ihr mit dem Cyberfeminismus den ersten Impuls. In Zeros and Ones deutete sie die digitale Revolution als weibliche Angelegenheit, kehrte die Abwertung des Weiblichen als Mangel in eine Position der Ermöglichung um und verband Frau, Weben und Maschine zu einer Gegengeschichte der Technik. Ihr Denken ist eine helle Befreiungstheorie, und ihr Weggang markiert die Wende, an der die Gruppe ihre dunklere Gestalt annahm.

Der Kritiker

Die Deutung der Null als weibliches Zeichen ist eine symbolische Lesart und keine Analyse. Sie funktioniert, weil die abendländische Symbolik reich genug ist, um jede gewünschte Zuordnung zu belegen. Man könnte mit gleicher Berechtigung die Eins als weiblich lesen, als das Aufrechte, das Gebärende, das Eine, aus dem alles kommt, und die Deutung wäre ebenso stimmig und ebenso beliebig. Wo jede Zuordnung sich begründen lässt, begründet keine etwas. Der Binärcode kennt zudem keine Null und keine Eins, er kennt zwei unterscheidbare Zustände, und deren Ziffernnamen sind eine Konvention der Notation.

Die Lovelace-Erzählung ist historisch umstritten. Wieviel von den fraglichen Notizen auf sie zurückgeht und wieviel auf Babbage, ist seit Jahrzehnten Gegenstand einer Auseinandersetzung, in der beide Seiten mehr behaupten, als die Quellen hergeben. Der Titel des ersten Programmierers der Geschichte ist eine Zuschreibung des zwanzigsten Jahrhunderts, keine Tatsache des neunzehnten. Plant nutzt eine Figur, die als Symbol taugt und als Beleg nicht.

Am schwersten wiegt der Befund der Zeit. Der Cyberfeminismus setzte auf eine Technik, die die Geschlechterordnung auflösen sollte, und die Wette ist verloren. Das Netz hat die Ordnung nicht aufgelöst, es hat sie verstärkt, es hat neue Formen der Belästigung hervorgebracht, und die Branche, die es baut, ist heute männlicher als der Durchschnitt der Wirtschaft. Diese Enttäuschung entwertet Plants Buch nicht, doch sie stellt seine Grundannahme in Frage. Und sie wirft ein Licht auf Land, das man ungern anerkennt. Der helle und der dunkle Zweig teilen dieselbe Voraussetzung, dass die Technik das entscheidende Subjekt der Geschichte sei. Plant hoffte darauf, Land setzte darauf. Beide könnten sich in derselben Sache getäuscht haben.

Brücke zum nächsten Band

Mit Plants Fortgang übernahm der Mann, dessen Name heute untrennbar mit der CCRU verbunden ist. Nick Land trieb das Denken der Gruppe ins Äußerste, in einen Stil und eine Radikalität, die faszinierten und verstörten. Band 10 wendet sich ihm zu, seiner Wende, seinem Stil und seiner Radikalisierung, und legt damit das Zentrum frei, um das die späteren Theoriebände kreisen.