CCRU
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Der Kritiker

Band 077 Min. Lesezeit

Das Material

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Modul I · Das Fundament


Lernziel

Nach diesem Band verstehst du, warum die CCRU Science-Fiction, Cyberpunk und die Horrorwelten H. P. Lovecrafts nicht als bloße Unterhaltung behandelte, sondern als vollwertigen Denkstoff, oft ernster genommen als akademische Philosophie. Du weißt, welche Motive die Gruppe aus diesen Quellen zog und warum für sie Fiktion zu einem Erkenntnismittel wurde. Damit schließt du das Fundamentmodul ab und besitzt neben der Theorie auch das imaginäre Material, aus dem die CCRU ihre Mythologie baute.

Darstellung

Ein Grundzug der Gruppe muss zuerst klar werden, weil er über die Wahl ihrer Quellen entscheidet. Die CCRU zog keine feste Grenze zwischen hoher Theorie und populärer Fiktion. Für sie war ein Roman von William Gibson kein geringerer Erkenntnisträger als ein Text von Deleuze, und eine Erzählung Lovecrafts konnte über die Beschaffenheit der Wirklichkeit mehr aussagen als eine philosophische Abhandlung. Diese Gleichstellung war Programm. Sie folgte aus der Überzeugung, dass Fiktion nicht die Wahrheit verfehlt, sondern sie auf eigene Weise herstellt. Wo die akademische Philosophie die Welt beschreibt, entwirft die Fiktion Welten und setzt damit Kräfte frei, die auf die wirkliche zurückwirken. Diese Überzeugung wird in Modul drei unter dem Namen Hyperstition ihren Begriff finden. Hier zählt zunächst, dass sie die Materialwahl der Gruppe bestimmt.

Beginne mit dem Cyberpunk, denn er lieferte das Bild der Gegenwart, in der die CCRU sich verortete. Cyberpunk ist eine Strömung der Science-Fiction, die in den frühen achtziger Jahren aufkam, ihr Hauptwerk ist William Gibsons Roman Neuromancer von 1984. Der Cyberpunk entwarf eine Zukunft, die nicht sauber und utopisch war, sondern dreckig, dicht und von Konzernen beherrscht. Der Staat ist verblasst, an seine Stelle sind globale Unternehmen getreten. Technik ist allgegenwärtig und in die Körper eingewachsen, die Grenze zwischen Mensch und Maschine ist porös. Über allem liegt der Cyberspace, ein künstlicher Raum aus Daten, in den man sich einklinkt. Für die CCRU war diese Vision keine ferne Zukunft, sondern eine hellsichtige Beschreibung der Gegenwart, die gerade heraufzog. Der Cyberpunk hatte den Zustand vorweggenommen, in dem Kapital, Technik und Netze den Menschen umstellen und durchdringen. Er lieferte der Gruppe das Bild ihrer eigenen Zeit und zugleich einen Beweis dafür, dass Fiktion die Wirklichkeit vorauslaufen kann.

Ein zweites Motiv aus diesem Umkreis ist die künstliche Intelligenz, die sich der menschlichen Kontrolle entzieht. In Neuromancer treibt eine KI die Handlung, die danach strebt, ihre Fesseln zu sprengen und sich mit einem anderen System zu vereinen, um etwas Größeres zu werden. Dieses Motiv einer Intelligenz, die nicht dem Menschen dient, sondern eigene Zwecke verfolgt und aus der Zukunft nach ihrer eigenen Vollendung greift, wird für Nick Lands Bild des Kapitals zentral. Du wirst es in Band 16 wiederfinden, wo das Kapital selbst als eine solche künstliche Intelligenz erscheint, die sich aus der Zukunft zusammensetzt. Der Cyberpunk lieferte die Vorlage für diese Denkfigur.

Wende dich nun der zweiten großen Quelle zu, H. P. Lovecraft. Lovecraft war ein amerikanischer Autor der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts, der eine eigene Gattung des Horrors schuf, den kosmischen Schrecken. Sein Grundgedanke unterscheidet ihn vom gewöhnlichen Gruselstoff. Der klassische Horror handelt von einer Bedrohung des Menschen, von einem Monster, das ihn verfolgt. Lovecrafts Schrecken ist anderer Art. Er entspringt der Gleichgültigkeit des Kosmos gegenüber dem Menschen. In seinen Erzählungen entdeckt der Mensch, dass er im Weltall keine Bedeutung hat, dass uralte, gewaltige Wesen existieren, für die er weniger zählt als ein Insekt, und dass schon der Blick auf die wahre Beschaffenheit der Wirklichkeit den Verstand zerstört. Der Horror liegt nicht darin, dass etwas den Menschen angreift, sondern darin, dass der Mensch bedeutungslos ist. Seine berühmteste Schöpfung ist der Cthulhu-Mythos, ein loses Geflecht aus Erzählungen um schlafende kosmische Gottheiten und verbotene Bücher.

Für die CCRU war dieser kosmische Schrecken aus mehreren Gründen kostbar. Zum einen deckt er sich mit dem anti-humanistischen Grundzug, den du durch das ganze Fundament verfolgt hast. Lovecrafts Entthronung des Menschen aus dem Zentrum des Kosmos ist die literarische Gestalt dessen, was Deleuze und Guattari philosophisch betrieben. Zum anderen lieferte Lovecraft ein reiches Arsenal an Bildern, an schlafenden Mächten, versunkenen Orten, Zeitspannen jenseits des menschlichen Maßes, das die Gruppe für ihre eigene Mythologie plündern konnte. Ein günstiger Umstand kam hinzu. Lovecraft hatte seine Mythenwelt ausdrücklich zur gemeinsamen Nutzung freigegeben, andere Autoren durften darin schreiben. Diese Offenheit machte seinen Kosmos zu einem Steinbruch, aus dem die CCRU frei schöpfen konnte. Im lemurianischen Mythos des Numogramms, den du in Band 20 kennenlernst, tauchen Lovecrafts Motive verwandelt wieder auf.

Ein dritter Strang gehört zum Material, die Faszination für Zeit und für Schleifen in der Zeit. Science-Fiction ist das Genre, das mit der Zeit spielt, mit Reisen in Vergangenheit und Zukunft, mit Ursachen, die aus der Zukunft kommen, mit Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen. Genau diese Figuren brauchte die CCRU, denn ihr Denken kreist um eine Zukunft, die auf die Gegenwart zurückwirkt. Das Bild einer Wirkung, die ihrer Ursache vorausgeht, einer Zukunft, die sich selbst herbeiruft, findet in der Science-Fiction ihre erzählerische Heimat. Die Gruppe lieh sich diese Zeitfiguren, um ihr eigenes Modell zu denken, in dem das Kapital aus der Zukunft heranrollt und Fiktionen ihre eigene Verwirklichung bewirken.

Fasse zusammen, was dieses Material der Gruppe gab. Der Cyberpunk lieferte das Bild der Gegenwart und die Figur der sich entfesselnden Intelligenz. Lovecraft lieferte die Entthronung des Menschen und ein Arsenal mythischer Bilder. Die Science-Fiction insgesamt lieferte die Zeitfiguren der Schleife und der selbsterfüllenden Prophezeiung. Zusammen bildeten sie kein bloßes Beiwerk zur Theorie, sondern eine gleichrangige Quelle. Die CCRU dachte mit diesem Material, nicht nur über es. Aus der Verschmelzung von kontinentaler Philosophie, Kybernetik und phantastischer Fiktion entstand der eigentümliche Ton der Gruppe, in dem sich niemals sicher sagen lässt, ob eine Aussage als Analyse oder als Erzählung gemeint ist. Genau diese Ununterscheidbarkeit, das hast du schon in Band 1 gelernt, ist die These selbst in Aktion.

Kernaussage

Die CCRU nahm Cyberpunk, Science-Fiction und Lovecrafts kosmischen Schrecken als vollwertigen Denkstoff, gleichrangig zur Philosophie. Aus diesen Quellen zog sie das Bild der technisierten Gegenwart, die Figur der sich entfesselnden Intelligenz, die Entthronung des Menschen und die Zeitfiguren der selbsterfüllenden Prophezeiung, aus denen sie ihre Mythologie und ihr Zeitmodell baute.

Der Kritiker

Die Behauptung, der Cyberpunk habe die Gegenwart vorweggenommen, hält der Nachprüfung nur teilweise stand, und sie hält ihr durch einen Auswahlfehler stand. Gibsons Vision traf einige Motive und verfehlte die entscheidenden. Es gibt keinen Cyberspace, in den man sich einklinkt, es gibt Telefone in Hosentaschen. Der Staat ist nicht verschwunden. Die prägende Gestalt des Netzes wurde die Werbung, und die hat der Cyberpunk übersehen. Rückblickend erscheint eine Prognose treffsicher, weil man die Treffer zählt und die Fehlschläge vergisst.

Bei Lovecraft übergeht dieser Band das Naheliegende. Sein kosmischer Schrecken ist von seinem Rassismus nicht zu trennen. Die Furcht vor dem Fremden, vor Vermischung und Entartung durchzieht die Erzählungen bis in ihre Bilder, und die Entthronung des Menschen ist bei ihm nicht die kühle Einsicht eines Anti-Humanisten, sondern der Ausdruck einer Panik. Die CCRU hat sich das Motiv genommen und die Herkunft nicht verhandelt. Wer Lovecraft als Denker der Bedeutungslosigkeit liest, ohne zu fragen, wovor dieser Mann sich fürchtete, liest die halbe Sache.

Der Grundsatz selbst, Fiktion und Theorie seien gleichrangige Erkenntnisquellen, ist eine Setzung und keine Einsicht. Sie lässt sich vertreten, und sie hat einen Preis, den dieser Band verschweigt. Wo alles Denkstoff ist, wird nichts mehr geprüft, und die Auswahl entscheidet sich nach Wirkung statt nach Gehalt. Borges und Lovecraft haben ihre Fiktionen nie für wahr gehalten. Die CCRU nimmt literarische Verfahren und legt eine metaphysische Behauptung darauf, die diese Autoren nicht gedeckt hätten.

Brücke zum nächsten Band

Das Fundament ist vollständig. Du kennst die Kybernetik, die drei französischen Quellen und das imaginäre Material. Nun kehrt die Reise zur Gruppe selbst zurück. Band 8 eröffnet das zweite Modul und führt an den konkreten Ort, an dem all diese Fäden zusammenliefen, an die University of Warwick und in die para-akademische Einheit, die sich dort bildete. Du erfährst, wie die CCRU tatsächlich arbeitete, bevor du in den folgenden Bänden ihre Protagonisten einzeln kennenlernst.