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Akzelerationismus
Modul IV · Die Kerntheorien
Lernziel
Nach diesem Band kennst du die Geschichte eines Wortes, das die Sache, die es bezeichnet, erst hervorgebracht hat. Du weißt, wer den Begriff prägte und gegen wen, wie aus einer Fremdzuschreibung ein Bekenntnis wurde und wie die Bewegung sich in gegnerische Lager teilte. Du kennst die drei Missverständnisse, die ihn heute umstellen, und du erkennst die Pointe, die diesen Band vom bloßen Begriffsbericht unterscheidet.
Darstellung
Die CCRU hat das Wort nie benutzt. In keinem Text der Warwicker Jahre steht es. Land hat sich in seiner produktivsten Zeit nie als Akzelerationist bezeichnet, aus dem einfachen Grund, dass es den Ausdruck nicht gab. Er ist jünger als die Gruppe, die er bezeichnet, und er stammt von jemandem, der gegen sie schrieb.
Benjamin Noys, ein englischer Theoretiker mit marxistischem Hintergrund, prägte ihn 2010 in seinem Buch The Persistence of the Negative. Er suchte einen Namen für eine Denkfigur, die ihm in der französischen Theorie der siebziger Jahre auffiel und die er für eine Sackgasse hielt. Deleuze und Guattari mit ihrer Provokation aus Band 5, Lyotard mit seiner Lust an der Auflösung aus Band 6, dazu Baudrillard in einer frühen Phase. Diese Denker teilten nach Noys eine Bewegung. Sie antworteten auf die Übermacht des Kapitals damit, dass sie sich in dessen auflösende Kraft hineinwarfen, statt ihr eine eigene entgegenzusetzen. Noys nannte das Akzelerationismus und meinte es als Diagnose eines Fehlers. Sein Vorwurf lautete, dass hier aus politischer Ohnmacht eine Tugend gemacht werde, dass die Feier der Beschleunigung eine Kompensationsfantasie sei, in der die eigene Handlungsunfähigkeit als Einsicht auftritt.
Beachte die Lage. Ein Kritiker erfindet einen Namen für eine Position, die niemand innehatte, die kein Programm besaß, keine Anhänger, keine Selbstbezeichnung. Der Name war eine Zuschreibung von außen und ein Vorwurf.
Was danach geschah, ist der eigentliche Gegenstand dieses Bandes. Der Vorwurf wurde angenommen. Menschen, die bis dahin keine gemeinsame Sache hatten, erkannten sich in dem Wort wieder und griffen danach. Ein Kampfbegriff kippte in ein Bekenntnis, und binnen weniger Jahre existierte, was zuvor nur als Anklage bestanden hatte. Der Akzelerationismus entstand aus seiner Kritik.
Mit dem Namen kam die Rückwärtssuche. Sobald ein Begriff existiert, findet man seine Ahnen, und die Ahnenreihe wuchs schnell. Marx rückte ins Zentrum, denn er hatte 1848 in einer Rede über den Freihandel etwas gesagt, das nun neu klang. Er sprach sich für den Freihandel aus, ausdrücklich nicht, weil er ihn für gut hielt, sondern weil er die gesellschaftlichen Widersprüche zuspitze und damit die Umwälzung vorantreibe. Dazu kam das sogenannte Maschinenfragment aus den Grundrissen, in dem Marx beschreibt, wie das Kapital selbst das Wissen und die Automation hervorbringt, die es überflüssig machen könnten. Beide Stellen ergeben zusammen eine Figur, in der die Kraft, die man überwinden will, den Weg zu ihrer Überwindung selbst baut. Was zuvor Randnotizen waren, wurde zum Gründungsdokument einer Tradition, die es vorher nicht gab. Der Kanon entstand nach dem Namen.
Das entscheidende Ereignis folgte 2013. Alex Williams und Nick Srnicek veröffentlichten ein Manifest für eine akzelerationistische Politik, kurz und in Thesen geschrieben. Ihr Ausgangspunkt war eine Diagnose der Linken, die sie für vernichtend hielten. Die Linke habe sich in Lokalismus, Protest und Verweigerung eingerichtet, in eine Politik des Nein, die nichts baut. Sie verteidige Reste und entwerfe keine Zukunft. Dagegen setzten sie die Forderung, die Errungenschaften des Kapitalismus zu übernehmen und gegen ihn zu wenden, Technik, Automation, Planung, Infrastruktur. Der Kapitalismus fessle die Produktivkräfte, die er hervorgebracht habe, und die Aufgabe bestehe darin, sie zu befreien. Aus diesem Manifest erwuchs zwei Jahre später ein Buch, das die Linie ausbaute, mit dem Ruf nach Vollautomation und einem bedingungslosen Grundeinkommen.
Damit war die Spaltung da. Der linke Akzelerationismus will den Prozess übernehmen und lenken. Er hält die Beschleunigung für ein Vermögen, das im Kapitalismus gefangen sitzt und das eine andere Gesellschaft besser gebrauchen könnte. Sein Ton ist gestalterisch, sein Verb lautet bauen. Der rechte Akzelerationismus, für den Land steht, hält diese Hoffnung für einen Denkfehler und antwortet mit dem Einwand, den du aus Band 17 kennst. Wer lenken will, steht nicht außerhalb dessen, was er lenken will. Sein Ton ist beschreibend, sein Verb lautet feststellen.
Robin Mackay und Armen Avanessian gaben 2014 bei Urbanomic den Reader heraus, der beide Seiten zwischen zwei Buchdeckel brachte und die Ahnenreihe von Marx bis zur Gegenwart versammelte. Der Band ist ein Gründungsdokument eigener Art, denn er machte die Tradition sichtbar, indem er sie herstellte. Wer den Reader liest, sieht eine Linie, die vor dem Reader nicht existierte.
Eine dritte Position bildete sich um 2017 heraus und trägt den Namen unbedingter Akzelerationismus. Sie streicht die Frage nach dem Wollen ganz. Weder übernehmen noch bejahen, denn beides setzt ein Subjekt voraus, das eine Wahl hätte. Der Prozess läuft, und die Positionen, die man zu ihm einnimmt, sind selbst Produkte des Prozesses. Diese Fassung ist die konsequenteste und zugleich die stillste, denn sie hat nichts zu fordern.
Nun die drei Missverständnisse, denn sie stehen zwischen dir und dem Begriff.
Das erste heißt, je schlimmer, desto besser. Akzelerationismus wird oft mit der alten linken Vorstellung verwechselt, man müsse das Elend vertiefen, damit die Massen sich endlich erheben. Diese Figur hat mit der Sache nichts zu tun. Sie setzt auf Verelendung, der Akzelerationismus setzt auf Entwicklung. Sie will Leiden, um eine Reaktion auszulösen, hier geht es um die Steigerung von Vermögen, um Technik, Produktivität, Abstraktion. Wer das eine für das andere hält, liest eine Theorie der Zuspitzung als Aufruf zur Grausamkeit.
Das zweite heißt Geschwindigkeit. Das Wort legt nahe, es gehe um Tempo, um schneller statt langsamer. Williams und Srnicek haben diesen Punkt selbst geklärt, indem sie beide Begriffe trennten. Geschwindigkeit ist Bewegung innerhalb eines gegebenen Rahmens, schneller fahren auf derselben Straße. Beschleunigung meint die Erzeugung neuer Rahmen, neuer Vermögen, neuer Räume. Das eine ist Hast, das andere Entfaltung. Noys' Wortwahl hat hier eine Fährte gelegt, die in die Irre führt, denn sie schiebt ein Bild von Eile vor eine Theorie der Intensität.
Das dritte heißt Programm. Die Frage, ob man beschleunigen solle, klingt nach einer Entscheidung, über die sich abstimmen ließe. Für Land ist sie sinnlos. Er beschreibt, was läuft, und die Frage nach dem Sollen setzt einen Standpunkt außerhalb voraus, den es seiner Ansicht nach nicht gibt. Für Williams und Srnicek ist die Frage dagegen genau der Punkt, denn ihr ganzes Manifest ist ein Sollen. An dieser Stelle wird sichtbar, dass der Begriff keine Position bezeichnet, sondern ein Feld, in dem sich Gegner tummeln. Ein linker und ein rechter Akzelerationist teilen eine Beobachtung und sonst nichts.
Eine vierte Verschiebung kam später und ist heute die folgenreichste. Seit etwa 2019 wird das Wort in ganz anderen Zusammenhängen gebraucht, in gewaltbereiten rechtsextremen Milieus, wo es das Herbeiführen eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs bezeichnet. Mit der Theorielinie dieses Bandes hat diese Verwendung inhaltlich nichts gemein, sie teilt allein das Wort. Wer heute den Ausdruck sucht, findet zuerst diese Bedeutung. Ein Begriff, der als Vorwurf begann, ist damit ein zweites Mal von außen besetzt worden.
Damit steht die Pointe, auf die alles zuläuft. Betrachte, was hier geschehen ist. Ein Kritiker erfindet ein Wort für eine Sache, die es nicht gibt. Das Wort tritt in Umlauf. Menschen glauben daran, erkennen sich darin, handeln danach, gründen Zeitschriften, schreiben Manifeste, stellen einen Kanon zusammen. Und am Ende existiert die Sache. Die Fiktion hat sich verwirklicht, indem sie geglaubt wurde. Der Begriff Akzelerationismus ist eine Hyperstition, und zwar die am besten dokumentierte, die dieser Lehrgang zu bieten hat. Er belegt die These der CCRU an der CCRU selbst. Was in Band 13 als Mechanismus beschrieben wurde und in Band 14 am Kapital geprüft, hat sich an der Theorie vollzogen, die diesen Mechanismus behauptet. Land hat diese Ironie gesehen und genossen, denn sie ist kein Zufall, sondern das Verfahren in Reinform. Ein Name reichte, um eine Bewegung aus dem Nichts zu holen.
Kernaussage
Akzelerationismus ist ein Wort, das 2010 von Benjamin Noys als Vorwurf gegen eine Denkfigur der französischen Theorie geprägt wurde und das die Bewegung, die es bezeichnete, erst hervorbrachte. Aus der Fremdzuschreibung wurde ein Bekenntnis, danach ein Kanon von Marx an, danach eine Spaltung in eine linke Fassung, die den Prozess übernehmen will, und eine rechte, die ihn beschreibt. Der Begriff meint keine Geschwindigkeit, keine Verelendung und keine gemeinsame Position, sondern ein Feld voller Gegner. Seine Entstehung ist der bestdokumentierte Fall einer Hyperstition, den die CCRU-Geschichte kennt.
Der Kritiker
Die Reichweite des Begriffs ist geringer, als sein Ruhm nahelegt. Er benennt keine Theorie, sondern eine Familienähnlichkeit, und Familienähnlichkeiten taugen zur Verständigung, nicht zur Analyse. Wer sagt, jemand sei Akzelerationist, hat nichts gesagt, solange nicht die Fassung dazukommt.
Noys' ursprünglicher Einwand ist durch die Karriere des Wortes nicht erledigt. Er lautete, hier werde Ohnmacht in Einsicht umgemünzt, und diese Diagnose trifft die rechte Fassung härter, als deren Anhänger zugeben. Eine Theorie, die feststellt, dass alles ohnehin läuft und dass kein Außen existiert, ist bequem, denn sie entlastet von jeder Frage nach dem Tun. Die Behauptung, es gebe kein Außen, ist zudem die strittige Prämisse und wird in Band 17 wie hier als Voraussetzung gesetzt statt gezeigt. Institutionen sind vom Kapital finanziert, das ist wahr. Daraus folgt, dass sie nicht unabhängig sind, und nicht, dass sie wirkungslos wären. Zwischen Autonomie und Ohnmacht liegt ein weites Feld, das die These überspringt.
Die linke Fassung hat das entgegengesetzte Problem. Sie will die Vermögen des Kapitals übernehmen und behandelt Technik dabei als neutrales Werkzeug, das den Besitzer wechseln kann. Genau das bestreitet Lands techonomischer Einwand aus Band 17, und der Einwand hat Gewicht. Eine Technik, die in einem Verwertungskreislauf entstanden ist, trägt dessen Zuschnitt in sich. Ob sie sich davon lösen lässt, ist die offene Frage der ganzen Richtung, und das Manifest setzt voraus, was zu zeigen wäre.
Zur Pointe selbst gehört eine Einschränkung. Dass ein Begriff eine Bewegung hervorbringt, ist bemerkenswert und beweist die Hyperstition-These nicht. Wörter haben schon immer Gruppen gestiftet, das ist gewöhnliche Begriffsgeschichte und kein kosmischer Mechanismus. Die CCRU beansprucht mit demselben Befund mehr, als er hergibt. Was der Fall zeigt, ist bescheidener und trotzdem nicht klein. Namen sind Werkzeuge, die Wirklichkeit ordnen, und wer den Namen setzt, ordnet mit.
Brücke zum nächsten Band
Damit ist der begriffliche Teil des vierten Moduls abgeschlossen, und der Lehrgang betritt die Zone, die die meisten Darstellungen auslassen. Band 19 wendet sich dem Numogramm zu, einem Diagramm, das die Ziffern null bis neun in Zonen, Ströme und Tore ordnet. Was wie Zahlenmystik aussieht, ist der Ort, an dem die CCRU ihre eigene These praktisch erprobte. Du lernst dort den Aufbau des Systems kennen, bevor Band 20 die Mythologie behandelt, die sie darum errichtete.