Band 248 Min. Lesezeit
Urbanomic und der Spekulative Realismus
Modul V · Die Wirkung
Lernziel
Nach diesem Band kennst du die unscheinbarste Form der Nachwirkung und die wirksamste. Du weißt, was Robin Mackay mit Urbanomic aufbaute und warum die Texte der CCRU ohne diese Arbeit verschwunden wären. Du kennst den Spekulativen Realismus, seinen Einwand gegen die Philosophie seit Kant und den Umstand, dass es diese Schule nie gab. Und du siehst, warum ein Verlag dieselbe Sache tut, die Band 13 als Mechanismus beschrieben hat.
Darstellung
Die CCRU hinterließ kein Werk. Sie hinterließ Zeitschriftenbeiträge, Vorträge, Fanzines, eine Website aus den frühen Jahren des Netzes, Beiträge in Sammelbänden, die vergriffen waren, bevor jemand sie suchte. Land hatte in den neunziger Jahren viel geschrieben und wenig davon an Orten, die man später wiederfindet. Um 2005 herum war das meiste davon praktisch unzugänglich. Wer die Texte lesen wollte, brauchte Bekannte, Kopien, Glück.
Robin Mackay hatte in Warwick studiert und zum Kreis gehört. Nach dem Ende der Gruppe arbeitete er einige Jahre außerhalb der Universität, unter anderem in der Wirtschaft, und gründete 2006 in Falmouth einen Verlag, den er Urbanomic nannte. Falmouth liegt in Cornwall, am äußersten Südwestzipfel Englands, mehrere Zugstunden von London entfernt. Die Wahl war keine Verlegenheit. Ein Ort ohne Fakultät, ohne Szene, ohne Konferenzbetrieb, an dem man arbeiten kann, statt gesehen zu werden.
Im selben Jahr erschien die erste Ausgabe eines Journals mit dem Titel Collapse. Es sah aus wie eine wissenschaftliche Zeitschrift und verhielt sich wie keine. Neben philosophischen Aufsätzen standen Beiträge aus der Mathematik, der Chemie, der Kunst, gelegentlich etwas, das man nur als Theorie-Fiktion einordnen kann. Die Bände sind dick, sorgfältig gesetzt und erschienen in kleiner Auflage. Der zweite Band von 2007 enthielt die Beiträge einer Veranstaltung, die im April desselben Jahres am Goldsmiths College in London stattgefunden hatte und die dem zweiten Teil dieses Bandes seinen Namen gibt.
Ray Brassier hatte diese Veranstaltung organisiert. Vier Leute trugen vor, Brassier selbst, Iain Hamilton Grant, den du aus Band 11 kennst, Graham Harman und Quentin Meillassoux. Brassier gab dem Ganzen einen Namen, Speculative Realism, und der Name blieb hängen.
Ihr gemeinsamer Gegner trug einen Begriff, den Meillassoux ein Jahr zuvor geprägt hatte, Korrelationismus. Gemeint ist damit eine Grundannahme, die die Philosophie seit Kant beherrscht. Wir haben keinen Zugang zum Sein, wie es an sich ist, und keinen zum Denken, wie es für sich wäre. Zugänglich ist allein die Beziehung zwischen beiden. Jede Aussage über die Welt ist eine Aussage über eine Welt, wie sie einem Bewusstsein erscheint, und wer das Ding an sich zu fassen glaubt, hat nur eine weitere Erscheinung in der Hand. Diese Annahme ist so tief verankert, dass sie kaum noch als Annahme auffällt. Sie gilt als der Punkt, hinter den zurückzugehen naiv wäre.
Meillassoux griff sie mit einem Argument an, das von einem Befund der Naturwissenschaft ausgeht. Er nannte es das Ur-Fossil. Die Radiometrie datiert die Entstehung der Erde auf etwa viereinhalb Milliarden Jahre und das Auftreten der ersten Lebewesen erheblich später. Diese Aussagen sind gut gestützt, und sie handeln von einer Welt, in der kein Bewusstsein existierte, dem etwas hätte erscheinen können. Der Korrelationist kann diesen Satz nur mit einem Zusatz gelten lassen, der ihn verbiegt. Er muss sagen, die Erde sei vor viereinhalb Milliarden Jahren entstanden, für uns, gemessen von hier aus, im Rahmen unserer Erkenntnisbedingungen. Meillassoux hält dagegen, dass der Wissenschaftler genau das nicht meint. Er meint, dass es so war, als niemand da war. Und eine Philosophie, die diesen einfachen Sinn nicht mehr zulassen kann, hat ein Problem, das sie nicht mit einer Nuance löst.
Ob das Argument trägt, ist seit fast zwanzig Jahren umstritten. Für diesen Lehrgang zählt zunächst, warum es hierhergehört. Der Korrelationismus ist die philosophische Form dessen, was der Anti-Humanismus seit Band 4 bekämpft, die Stellung des Menschen im Zentrum. Was die CCRU über Kapital und Maschine behauptete, formuliert Meillassoux als erkenntnistheoretische Frage. Gibt es einen Zugang zu einer Welt, die uns nicht braucht.
Der Verbund hielt nicht lange. Ein zweiter Workshop fand 2009 in Bristol statt, danach zerfiel die Sache. Die vier waren sich in wenig einig gewesen außer im Gegner, und ihre Wege gingen weit auseinander. Harman baute aus seiner Position eine eigene Richtung, die von Objekten handelt und in Architektur und Kunst Anhänger fand. Brassier distanzierte sich scharf, und seine Begründung ist bemerkenswert genug, um sie festzuhalten. Er hielt das Ganze für ein Produkt der Blogs, für eine Marke, die von Leuten am Leben gehalten wurde, die im Netz darüber schrieben, statt zu arbeiten. Der Mann, der den Namen erfunden hatte, verwarf ihn, weil er zu gut funktionierte.
Mackays eigentliche Arbeit lag anderswo, und sie ist der Grund für diesen Band. 2011 erschien bei Urbanomic ein Band mit dem Titel Fanged Noumena, herausgegeben von Mackay und Brassier, der Lands Texte aus zwanzig Jahren zusammenfasste. Was zuvor verstreut und unauffindbar war, lag nun als Buch vor, gesetzt, datiert, mit einer Einleitung, die den Werdegang nachzeichnet. 2014 folgte der Reader zum Akzelerationismus, den Band 18 behandelt hat, herausgegeben mit Armen Avanessian. 2017 erschienen die gesammelten Texte der CCRU aus den Jahren 1997 bis 2003. Dazwischen liegen Übersetzungen aus dem Französischen, Meillassoux darunter, und die Bände von Collapse, die weiterliefen.
Betrachte, was diese Arbeit bewirkt hat. Vor 2011 war Land ein Gerücht, ein Name, den Leute nannten, die dabei gewesen waren. Nach 2011 war er ein Buch, das man kaufen, lesen, zitieren und angreifen konnte. Das eine ist eine Legende, das andere ein Gegenstand. Dasselbe gilt für den Reader. Er versammelte eine Ahnenreihe von Marx bis in die Gegenwart, und wer ihn aufschlägt, sieht eine Linie, die vor dem Buch nicht existierte. Der Band machte die Tradition sichtbar, indem er sie herstellte.
Damit ist die Pointe erreicht, und sie schließt an Band 13 an. Ein Verlag, der eine Auswahl trifft, sie ordnet, datiert und in Umlauf bringt, tut genau das, was die Gruppe unter Hyperstition verstand. Er behauptet nicht, dass eine Tradition besteht. Er baut ein Buch, das nur Sinn ergibt, wenn sie besteht, und die Leser tun den Rest. Der Unterschied zum Numogramm ist, dass hier niemand rechnet oder etwas beschwört. Es gibt Verträge, Satzarbeit, Lektorat, Rechteklärung, Versand. Die wirksamste Hyperstition dieses Lehrgangs ist ein Kleinverlag in Cornwall.
Kernaussage
Robin Mackay gründete 2006 in Falmouth den Verlag Urbanomic und das Journal Collapse und verwandelte damit ein flüchtiges Milieu in Infrastruktur. Aus Collapse ging der Spekulative Realismus hervor, dessen Einwand gegen den Korrelationismus die philosophische Form des Anti-Humanismus stellt und dessen Verbund nach zwei Jahren zerfiel, wobei der Erfinder des Namens ihn selbst verwarf. Die eigentliche Wirkung liegt in den Editionen, denn Fanged Noumena machte aus einem Gerücht ein Buch und der Akzelerationismus-Reader machte eine Tradition sichtbar, indem er sie herstellte.
Der Kritiker
Wer sammelt, entscheidet, und die Entscheidung verschwindet im Ergebnis. Fanged Noumena ist eine Auswahl aus einem größeren Bestand, getroffen von zwei Menschen mit einer Auffassung davon, was an diesem Werk zählt. Was aufgenommen wurde, ist seither Land. Was fehlt, existiert praktisch nicht. Ein Buch sieht aus wie ein Fund und ist eine Konstruktion, und die editorische Sorgfalt, die es auszeichnet, verstärkt diesen Anschein, statt ihn zu mindern. Dieselbe Frage stellt sich beim Reader in schärferer Form, denn dort wurde eine Ahnenreihe gebaut, deren Mitglieder einander nie zugestimmt hätten.
Die Erzählung, der Spekulative Realismus sei aus der CCRU hervorgegangen, hält der Prüfung nicht stand. Grant kam von dort, Brassier stand dem Umfeld nahe. Meillassoux und Harman haben mit Warwick nichts zu tun, und ihre Wege wären ohne diesen Workshop dieselben gewesen. Was hier vorliegt, ist eine Gelegenheit und keine Abstammung. Dass Brassier den eigenen Namen später als Marke abtat, die von Blogs am Leben gehalten wurde, gehört zum Bild. Der Fall ist damit ein Lehrstück, allerdings ein doppeltes. Er zeigt, dass ein Name eine Sache erzeugt, und er zeigt, dass die so erzeugte Sache zerfällt, sobald die Beteiligten aufhören mitzuspielen. Band 18 hat den ersten Teil gefeiert und den zweiten übergangen.
Der Ertrag ist trotzdem der praktischste des ganzen Moduls, und er ist unabhängig von jeder These. Ideen überleben nicht, weil sie gut sind. Sie überleben, weil jemand sie sammelt, setzt, druckt, lagert und ausliefert. Ein Denken ohne Verlag ist ein Gerücht, und ein Gerücht ist nach zehn Jahren verschwunden. Die CCRU hatte ihre Wirkung, weil ein Mann in Cornwall zwanzig Jahre lang Bücher gemacht hat, und das ist die unglamouröseste Erklärung, die sich für diese Nachwirkung geben lässt. Sie hat zudem eine Ironie, die niemand beabsichtigt hat. Ein Denken, das den Menschen für eine vorübergehende Stufe hielt, verdankt seinen Fortbestand der geduldigen Handarbeit einiger weniger Personen, die Verträge geschlossen, Fahnen gelesen und Pakete gepackt haben.
Brücke zum nächsten Band
Bei Urbanomic erschien 2008 ein Buch, das die Theorie-Fiktion aus Band 12 in ihre reifste Form brachte. Reza Negarestani legte mit Cyclonopedia eine philosophische Abhandlung vor, die als Horrorerzählung gebaut ist, mit erfundenem Archiv, erfundener Herausgeberin und einem Gegenstand, der sich nicht fassen lässt, dem Öl. Band 25 wendet sich diesem Werk zu und der Frage, ob die Gattung, die die CCRU begründete, ein Meisterwerk hervorgebracht hat oder eine Sackgasse.