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Der Kritiker

Band 258 Min. Lesezeit

Cyclonopedia

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Modul V · Die Wirkung


Eine Korrektur vorweg. Am Ende von Band 24 habe ich das Buch bei Urbanomic verortet. Das stimmt nicht. Cyclonopedia erschien 2008 bei re.press in Melbourne, einem kleinen Verlag, der seine Bände frei ins Netz stellte. Bei Urbanomic erschien elf Jahre später Negarestanis zweites Buch, und das ist für diesen Band die interessantere Tatsache.

Lernziel

Nach diesem Band kennst du das Werk, in dem die Theorie-Fiktion ihre reifste Form fand. Du weißt, wie sein Apparat aus erfundener Herausgeberin, verschwundenem Autor und aufgefundenem Manuskript arbeitet, was es bedeutet, Öl als Handelnden zu lesen, und wie der Loch-Komplex an Barkers Geotraumatik anschließt. Und du kennst die Antwort auf die Frage, ob diese Gattung ein Meisterwerk hervorbrachte oder eine Sackgasse, denn ihr bester Vertreter hat sie beantwortet, indem er sie verließ.

Darstellung

Reza Negarestani wurde in Iran geboren und schrieb Anfang der zweitausender Jahre auf einem Blog, der den Namen Hyperstition trug und den Nick Land und Robin Mackay betrieben, nachdem die CCRU auseinandergefallen war. Das Netz dieser Jahre kannte keine Klarnamen. Was dort auftrat, waren Kürzel, Personae, Stimmen ohne Körper. Über Negarestani wurde entsprechend spekuliert, ob es ihn gebe oder ob hier eine weitere Figur der Gruppe schreibe, wie Barker eine war. Die Lage passt zum Gegenstand so genau, dass man sie sich nicht hätte ausdenken müssen.

Das Buch beginnt außerhalb seines eigentlichen Texts. Eine Amerikanerin namens Kristen Alvanson reist nach Istanbul, um jemanden zu treffen, mit dem sie über Monate korrespondiert hat und dessen Identität sie nicht kennt. Der Kontakt erscheint nicht. In ihrem Hotelzimmer findet sie stattdessen ein Manuskript. Es stammt von Hamid Parsani, einem iranischen Archäologen, der seit Jahren verschwunden ist. Alvanson entschließt sich, es herauszugeben. Was danach folgt, gibt sich als dieses Manuskript.

Der Aufbau nutzt jedes Mittel aus Band 12 und schiebt eines nach. Alvanson ist keine Erfindung. Sie ist eine Künstlerin, die es gibt, die veröffentlicht hat, deren Arbeiten man ansehen kann. Parsani ist erfunden, ausgestattet mit Schriften, einer Laufbahn, einem Bruch in dieser Laufbahn und einer Wirkung auf Fachkollegen, die es nicht gibt. Eine wirkliche Person gibt die Arbeit einer erfundenen heraus, in einem Buch, dessen Verfasser damals als Gerücht galt. Der Leser steht vor drei Ebenen, von denen keine trägt.

Der Gegenstand ist Öl, und Negarestani behandelt es nicht als Rohstoff. Öl entstand aus der Biomasse vergangener Erdzeitalter, es ist verdichtete Sonnenenergie von Jahrmillionen, gepresst unter Gestein, verflüssigte Katastrophe. In seiner Lesart handelt dieses Material. Es liegt nicht im Boden und wartet auf Förderung, es drängt an die Oberfläche und benutzt dafür, was es finden kann. Der Mensch ist in dieser Erzählung das Werkzeug, mit dem das Öl sich befreit und verbrennt, und der Krieg im Nahen Osten ist kein Krieg um Öl, sondern einer, den es führt. Die Denkfigur kennst du aus Band 16, dort mit dem Kapital besetzt. Negarestani setzt einen Stoff ein, der sich anfassen lässt.

Der zweite Begriff heißt Loch-Komplex und schließt unmittelbar an Barker an. Die Erde erscheint darin nicht als fester Körper mit einer Oberfläche, sondern als etwas, das von innen durchlöchert wird. Poren, Höhlen, Erosion, Termitenbauten, Bohrlöcher, das alles gehört in dieselbe Reihe. Ein Loch ist weder Innen noch Außen. Es ist die Stelle, an der die Unterscheidung ausfällt. Wo Barker die Erde als traumatisierten Körper las, liest Negarestani sie als einen, der von innen ausgehöhlt wird und dabei nicht zusammenbricht, sondern porös weiterlebt. Der Nahe Osten ist in dieser Geografie kein Gebiet, sondern der Ort, an dem Festes zu Staub zerfällt, und die Wüste ist der Zustand, auf den alles zuläuft.

Das mythologische Material stammt aus der Region, über die das Buch spricht. Zoroastrische Überlieferung, mesopotamische Archäologie, islamische Apokalyptik, die Yeziden und ihr Engel, dazu ein Apparat aus Fußnoten, der auf Texte verweist, die es teils gibt und teils nicht. Negarestani verfährt mit dieser Überlieferung, wie die CCRU mit Lovecraft verfuhr, mit dem Unterschied, dass es seine eigene ist.

Der Untertitel nennt die Haltung, die das Buch verlangt, und übersetzt lautet er Komplizenschaft mit anonymen Materialien. Es gibt keine Position außerhalb. Wer über Öl schreibt, schreibt mit Strom, der aus Verbrennung stammt, auf einem Gerät aus Kunststoff, in einer Ökonomie, die auf demselben Stoff läuft. Der Satz aus Band 17, wonach das Organ, das lenken soll, nicht außerhalb dessen steht, was es lenken will, kehrt hier als Bauprinzip wieder. Das Buch ist so geschrieben, dass der Leser keinen sicheren Standpunkt findet, von dem aus er urteilen könnte.

Die Wirkung war beträchtlich und nahm eine Form an, die zur Sache gehört. 2011 fand in New York eine Tagung statt, die sich mit Cyclonopedia befasste, und aus ihr entstand ein weiterer Band. Beteiligte behandelten Parsani, als läge eine Quelle vor. Es wurde nach ihm gesucht, geprüft, ergänzt. Was das Numogramm im Kleinen vorgeführt hatte, wiederholte sich hier vor Publikum. Eine Fiktion, dicht genug gebaut, zieht Menschen an, die an ihr weiterarbeiten, und die Arbeit ist echt, auch wenn der Gegenstand es nicht ist.

Elf Jahre später erschien bei Urbanomic Negarestanis zweites Buch. Es heißt Intelligence and Spirit, es ist dick, es hat keine erfundene Herausgeberin, keinen verschwundenen Archäologen und keinen Horror. Es argumentiert, und es argumentiert im Anschluss an Hegel, an Wilfrid Sellars, an eine Tradition, die Geist als etwas begreift, das aus Regeln, Begründungen und Praktiken gebaut wird. Der Mensch ist darin keine Narbe und kein Durchgang, sondern etwas, das sich selbst konstruiert, indem es sich Rechenschaft schuldet. Negarestani hat die Gattung, die er zur Vollendung brachte, ohne Erklärung verlassen und ist zu einem Rationalisten geworden.

Kernaussage

Cyclonopedia von Reza Negarestani führt die Theorie-Fiktion zu ihrer dichtesten Form, indem eine wirkliche Person das Manuskript eines erfundenen Archäologen herausgibt, dessen Lehre Öl als Handelndes und die Erde als von innen durchlöcherten Körper liest. Der Loch-Komplex führt Barkers Geotraumatik weiter, die Komplizenschaft aus dem Untertitel verweigert dem Leser jeden Standpunkt außerhalb. Das Buch erzeugte eine Tagung, auf der Beteiligte den erfundenen Archäologen behandelten, als läge eine Quelle vor. Sein Verfasser hat die Gattung danach verlassen und schreibt seither rationalistische Philosophie.

Der Kritiker

Das Buch erschien 2008, im fünften Jahr des Irakkriegs. Es handelt von einer Region, in der zu diesem Zeitpunkt Hunderttausende gestorben waren, und es liest den Krieg als Handlung eines Stoffes. Wer so schreibt, entlastet niemanden im wörtlichen Sinn, denn Entscheidungen bleiben Entscheidungen. Was verschwindet, ist die Frage nach ihnen. Wenn Öl den Krieg führt, gibt es keine Regierung, die ihn beschlossen hat, keine Firma, die daran verdient, keine Zahl von Toten, für die jemand einzustehen hätte. Die Metaphysik übernimmt die Buchhaltung. Die westliche Theorieszene hat das Buch als Kunstwerk aufgenommen und über seine Bauart gestritten, während der Gegenstand weiterlief.

Die Rezeption hat zudem etwas getan, was der Autor kaum verhindern konnte. Ein iranischer Denker arbeitet mit der Überlieferung seiner eigenen Herkunft, und ein amerikanisch-englisches Publikum liest das Ergebnis als Botschaft aus einer dunklen Region, in der Öl, Wüste und Apokalypse dasselbe sind. Das Buch bedient dieses Bild, ob es will oder nicht, und die Begeisterung, mit der es empfangen wurde, hatte einen Anteil, den man ungern benennt.

Die Frage aus Band 24 hat damit ihre Antwort, und sie fällt eindeutiger aus, als mir lieb ist. Die Gattung hat ein Meisterwerk hervorgebracht, und sie ist eine Sackgasse. Beides trifft zu und beides hängt zusammen. Cyclonopedia lässt sich nicht fortsetzen, weil es keine Methode vorführt, sondern einen einzelnen Bau. Nach ihm bleibt Nachahmung oder Abkehr. Der Verfasser hat sich für die Abkehr entschieden, und sein zweites Buch ist die härteste Kritik an seinem ersten, die je geschrieben wurde. Der Mann, der die Theorie-Fiktion konnte wie niemand sonst, verbringt seither seine Zeit damit, Begriffe zu klären und Argumente zu prüfen, also mit exakt dem Geschäft, das die CCRU für einen Selbstbetrug hielt. Diese Wendung ist kein Zufall und keine Erschöpfung. Sie ist ein Urteil.

Was der Loch-Komplex trotzdem leistet, sollte man daneben stellen. Er richtet den Blick auf einen Umstand, den die Politik ungern behandelt, nämlich dass Materialien Beharrungsvermögen haben. Eine Infrastruktur, die auf einen Stoff gebaut ist, gibt ihn nicht frei, weil jemand einen Beschluss fasst. Raffinerien, Pipelines, Motoren, Verträge, Bilanzen und Renten hängen daran, und dieses Geflecht handelt gegen jede Absicht, ohne dass es dafür ein Bewusstsein bräuchte. Negarestani hat das in eine Sprache gebracht, die man nicht vergisst. Die Sache selbst kann man auch nüchtern sagen, und dann klingt sie langweilig und bleibt wahr.

Brücke zum nächsten Band

Der Lehrgang hat Lands frühes Werk bislang von seinem späten getrennt, mit der Begründung, dass zwei Schichten getrennt zu halten sind, die verschiedene Zeitalter bezeugen. Band 26 nimmt diese Trennung zurück und prüft sie. Er behandelt die Spaltung des Akzelerationismus in ein linkes und ein rechtes Lager und Lands Weg nach dem Zusammenbruch, nach Shanghai, in eine politische Position, die viele mit gutem Grund ablehnen. Die Frage lautet, ob dieser Weg aus dem frühen Denken folgt oder ob er ihm zustieß.