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Lyotard
Modul I · Das Fundament
Lernziel
Nach diesem Band verstehst du den beunruhigendsten Beitrag des französischen Fundaments, die libidinöse Ökonomie Jean-François Lyotards. Du weißt, warum er das Begehren mit der ökonomischen Intensität kurzschloss und welche verstörende Frage er stellte: ob das Subjekt seine eigene Auflösung durch das Kapital insgeheim genießt. Damit schließt du das philosophische Fundament ab und besitzt alle drei französischen Quellen, aus denen die CCRU ihre Sprache und ihre Haltung zog.
Darstellung
Jean-François Lyotard ist den meisten als Theoretiker der Postmoderne bekannt, als der Denker vom Ende der großen Erzählungen. Doch das Werk, das für die CCRU zählt, stammt aus einer früheren, wilderen Phase. 1974 veröffentlichte er Économie libidinale, die libidinöse Ökonomie. Das Buch gilt als sein extremstes und wurde von ihm später selbst mit Unbehagen betrachtet. Er nannte es an einer Stelle sein böses Buch. Genau diese Schamlosigkeit machte es für die Gruppe wertvoll. Wo andere Texte vorsichtig abwägen, treibt dieser einen einzigen Gedanken bis an seine unangenehmste Grenze.
Der Titel selbst verschränkt zwei Wörter, die getrennt zu halten das übliche Denken sich bemüht. Libidinös meint das Begehren, die Triebkraft, die Lust. Ökonomie meint den Haushalt der Kräfte, das System von Produktion, Zirkulation und Tausch. Lyotard behauptet, dass es sich um eine einzige Ökonomie handelt. Die Ströme des Begehrens und die Ströme des Kapitals sind nicht zwei Reiche, die man vergleichen könnte, sondern dasselbe Geschehen, von zwei Seiten betrachtet. Was in der Wirtschaft als Fluss von Geld und Waren erscheint, ist zugleich ein Fluss von Intensitäten, von Lust und Antrieb. Diese Verschmelzung setzt fort, was du bei Deleuze und Guattari als Nachbarschaft von Begehren und Produktion kennengelernt hast, doch Lyotard treibt sie weiter und entzieht ihr jeden Trost.
Der Trost, den er entzieht, ist die Kritik selbst. Die marxistische Tradition betrachtet den Kapitalismus als ein System der Entfremdung. Der Arbeiter wird von seiner Arbeit, von ihrem Produkt, von sich selbst getrennt. Er leidet unter dieser Trennung, und die Aufgabe der Kritik besteht darin, dieses Leiden zu benennen und das entfremdete Subjekt zu befreien. Das ganze Gebäude ruht auf einer Voraussetzung, dass der Mensch im Grunde nicht will, was mit ihm geschieht, dass er ein Opfer ist, das man erlösen kann. Genau diese Voraussetzung greift Lyotard an. Er stellt eine Frage, die den Boden der Kritik unter ihr wegzieht.
Die Frage lautet, ob das Subjekt seine eigene Zersetzung nicht genießt. Ob im Leiden an der Entfremdung, in der Auflösung fester Identität, in der Erschöpfung durch die Arbeit nicht zugleich eine dunkle Lust liegt, die die Kritik nicht sehen will. Lyotard bringt ein berüchtigtes Beispiel, das die ganze Härte seiner These trägt. Er spricht von den Arbeitern der frühen Industrialisierung, die vom Land in die Fabriken und Elendsviertel strömten, deren Körper in den Manufakturen verschlissen wurden. Die humanistische Kritik sieht darin nur Opfer eines grausamen Systems, und in einem offensichtlichen Sinn ist das wahr. Doch Lyotard weigert sich, dabei stehenzubleiben. Er behauptet, dass in dieser Zerstörung auch ein Genuss lag, eine Lust an der Auflösung der alten dörflichen Ordnung, an der eigenen Verwandlung, am Sturz ins Neue und Namenlose. Das Subjekt, sagt er, klammert sich nicht nur an seine Identität, es genießt auch deren Zerstörung.
Halte kurz inne, denn dieser Gedanke ist gefährlich und Lyotard weiß es. Er kann als Verhöhnung realen Leidens missverstanden werden, als Zynismus, der die Ausbeutung schönredet. Lyotard will das nicht behaupten. Sein Ziel ist nicht, das Leiden zu leugnen, sondern die Selbstgewissheit der Kritik zu erschüttern, die immer schon zu wissen glaubt, was das Opfer will. Er legt eine Ambivalenz frei, die das humanistische Denken verdrängt, dass das Begehren sich nicht auf die Seite des Guten und der Selbsterhaltung schlagen lässt, dass es auch das eigene Vergehen begehren kann. Dies ist dieselbe Weigerung, die Ambivalenz aufzulösen, die dir in Band 3 bei der positiven Rückkopplung schon begegnet ist. Lyotard hält die Faszination und das Grauen zusammen, statt sich für eine Seite zu entscheiden.
Für die CCRU, besonders für Nick Land, war dieser Gedanke Zündstoff. Er erlaubte einen Bruch mit der linken Tradition der Kapitalismuskritik, ohne den Kapitalismus zu verharmlosen. Die Gruppe konnte das Kapital als zerstörerische Kraft anerkennen und sich zugleich von der Faszination dieser Zerstörung ergreifen lassen. Lyotard lieferte die Erlaubnis, die Entfesselung nicht nur zu analysieren, sondern sie zu begehren, den Sturz ins Namenlose nicht zu betrauern, sondern ihn als Intensität zu bejahen. Aus dieser Erlaubnis wird Lands spätere Haltung erwachsen, die das Davonlaufen des Kapitals nicht bremsen, sondern mitvollziehen will.
Ordne nun die drei französischen Quellen zueinander, denn mit diesem Band ist das Fundament vollständig und du solltest den Bauplan überblicken. Deleuze und Guattari lieferten die produktive Maschine des Begehrens und die deterritorialisierende Bewegung des Kapitals, also das Was und das Wie des Prozesses. Lyotard fügte die Affektlage hinzu, die Lust an diesem Prozess, das Ja zur eigenen Auflösung, also das Warum der Faszination. Zusammen ergeben sie eine Haltung, die den Kapitalismus weder verteidigt noch von außen verurteilt, sondern sich in seine Bewegung hineinbegibt und fragt, wohin sie führt. Diese Haltung, verbunden mit dem kybernetischen Modell der Eskalation aus den Bänden 2 und 3, bildet den vollständigen Boden, auf dem die CCRU steht.
Kernaussage
Lyotard verschmilzt in der libidinösen Ökonomie das Begehren mit dem ökonomischen Fluss und stellt die verstörende Frage, ob das Subjekt seine eigene Auflösung durch das Kapital genießt. Damit lieferte er der CCRU die Erlaubnis, die Entfesselung des Kapitals nicht zu bremsen, sondern als Intensität zu bejahen, und vollendete das affektive Fundament der Gruppe.
Der Kritiker
Lyotard hat dieses Buch später verworfen, und das ist mehr als eine Koketterie. Er wandte sich von seiner ganzen Denkrichtung ab und ging einen Weg, der ihn zu Fragen des Rechts, des Streits und der Gerechtigkeit führte, also genau zu dem, was die libidinöse Ökonomie beiseitegeschoben hatte. Wer das Buch als Fundament nutzt, nutzt ein Werk, dessen Autor es für einen Irrweg hielt. Das entkräftet es nicht, doch es verbietet die Berufung auf seine Autorität.
Die zentrale Behauptung ist überdies nicht prüfbar. Ob Arbeiter in den Fabriken des neunzehnten Jahrhunderts ihre eigene Zerstörung genossen haben, lässt sich nicht feststellen. Die Menschen sind tot, sie haben kaum geschrieben, und was sie empfanden, ist unzugänglich. Lyotard schreibt ihnen einen Affekt zu, den er nicht belegen kann, und sichert sich dabei doppelt ab, denn ein Widerspruch der Betroffenen ließe sich als Verdrängung deuten. Eine These, die durch ihre Bestreitung bestätigt wird, ist keine These mehr.
Was bleibt, ist der Zweifel an einer Kritik, die immer schon weiß, was das Opfer will, und dieser Zweifel trifft. Er trifft allerdings in beide Richtungen. Wer der humanistischen Kritik vorwirft, sie spreche für andere, spricht in diesem Beispiel selbst für andere, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Vorwurf der Anmaßung fällt auf den zurück, der ihn erhebt.
Brücke zum nächsten Band
Das philosophische Fundament steht. Doch die CCRU nährte sich nicht allein aus Theorie. Ihr Denkstoff kam ebenso aus der Science-Fiction, dem Cyberpunk und den kosmischen Schrecken H. P. Lovecrafts. Band 7 zeigt, warum die Gruppe diese populären und phantastischen Quellen ernster nahm als manche philosophische Schrift und wie Fiktion für sie zum Erkenntnismittel wurde. Damit schließt das Fundamentmodul, und der Weg führt zurück zur Gruppe selbst.