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Der Kritiker

Band 025 Min. Lesezeit

Kybernetik I

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Modul I · Das Fundament


Lernziel

Nach diesem Band verstehst du die klassische Kybernetik in ihrem Kern: was Steuerung bedeutet, wie negative Rückkopplung funktioniert und warum das Gleichgewicht ihr Ziel ist. Dieses Wissen ist die Folie, gegen die die CCRU später ihre Umkehrung setzt. Du lernst hier zunächst die Ordnung, bevor du in Band 3 lernst, wie sie kippt.

Darstellung

Der Begriff Kybernetik stammt von Norbert Wiener, einem amerikanischen Mathematiker, der ihn 1948 in seinem gleichnamigen Buch prägte. Das Wort geht auf das griechische kybernetes zurück, den Steuermann eines Schiffes. Diese Herkunft trifft den Kern. Kybernetik ist die Wissenschaft von der Steuerung, und ihr Urbild ist die Hand am Ruder, die ständig nachkorrigiert, um den Kurs zu halten.

Wiener entwickelte seine Ideen während des Zweiten Weltkriegs aus einem konkreten Problem. Er arbeitete an der automatischen Zielsteuerung von Flugabwehrgeschützen. Ein Geschütz musste vorhersagen, wo sich ein Flugzeug im nächsten Moment befinden würde, und seine Ausrichtung fortlaufend anpassen. Aus dieser Aufgabe erwuchs eine allgemeine Frage. Wie hält ein System ein Ziel stabil, obwohl die Umwelt es ständig stört? Wieners Antwort war so mächtig, dass sie weit über die Technik hinausreichte. Dieselbe Logik, so seine These, steuert Maschinen, Lebewesen und Gesellschaften gleichermaßen. Damit wurde Kybernetik zu einer Brückenwissenschaft zwischen Ingenieurwesen, Biologie und Sozialtheorie.

Der zentrale Mechanismus heißt Rückkopplung, auf Englisch feedback. Das Prinzip ist einfach und tief zugleich. Ein System misst das Ergebnis seines eigenen Handelns und speist diese Information zurück in seine Steuerung. Das Ergebnis wird zur Ursache des nächsten Schritts. Der Kreis schließt sich. Entscheidend ist, dass Information über den Ausgang eines Prozesses auf dessen Eingang zurückwirkt. Genau diese Schleife unterscheidet ein gesteuertes System von einer bloßen Abfolge von Ursache und Wirkung.

In der klassischen Kybernetik steht eine bestimmte Art dieser Schleife im Mittelpunkt, die negative Rückkopplung. Das Wort negativ meint hier nichts Wertendes. Es bezeichnet die Richtung der Korrektur. Das System wirkt seiner eigenen Abweichung entgegen. Weicht es vom Ziel ab, erzeugt die Rückkopplung eine Gegenbewegung, die es zurückführt. Je größer die Abweichung, desto stärker die Korrektur. Das System stellt sich selbst wieder her.

Das klassische Bild dafür ist der Thermostat. Er hat einen Sollwert, etwa zwanzig Grad. Sinkt die Temperatur darunter, schaltet er die Heizung ein. Steigt sie darüber, schaltet er sie aus. Der Thermostat kennt keine Absicht und kein Verständnis, dennoch hält er einen Zustand stabil. Er tut dies allein dadurch, dass er die Abweichung vom Sollwert misst und ihr entgegensteuert. Dieselbe Struktur findest du im menschlichen Körper. Deine Körpertemperatur bleibt nahe siebenunddreißig Grad, weil Schwitzen und Zittern als Gegenmaßnahmen einsetzen, sobald sie abweicht. Für diese Fähigkeit eines Systems, innere Bedingungen trotz äußerer Störung konstant zu halten, gibt es einen Namen aus der Biologie, den die Kybernetik übernahm: Homöostase.

Hier liegt der Angelpunkt, den du für die folgenden Bände festhalten musst. Die klassische Kybernetik denkt Systeme vom Gleichgewicht her. Ihr Ideal ist Stabilität. Ein gutes System ist eines, das seinen Sollwert hält, das Störungen ausgleicht, das zu sich selbst zurückfindet. Die ganze Begrifflichkeit ist auf Erhaltung ausgerichtet. Rückkopplung dient der Ordnung. Sie ist das Mittel, mit dem ein System der Auflösung widersteht.

Ein zweiter Grundbegriff gehört dazu, weil er dasselbe von der anderen Seite beleuchtet: die Entropie. Der Begriff stammt aus der Thermodynamik und bezeichnet das Maß der Unordnung in einem System. Das physikalische Grundgesetz besagt, dass Entropie in einem geschlossenen System mit der Zeit zunimmt. Alles strebt von selbst dem Zerfall und der Gleichverteilung zu. Wiener las Information und Steuerung als das Gegenprinzip zu dieser Tendenz. Ein kybernetisches System hält mittels Rückkopplung eine Insel der Ordnung gegen den allgemeinen Drift zur Unordnung aufrecht. Leben, Organisation, Bedeutung erscheinen so als vorübergehender Widerstand gegen die Entropie. Diese Rahmung wird wichtig, denn die CCRU wird die Vorzeichen umkehren und die Frage stellen, was geschieht, wenn ein System seinen Zerfall nicht bekämpft, sondern beschleunigt.

Fasse den Charakter dieser ersten Kybernetik zusammen. Sie ist eine Wissenschaft der Kontrolle, der Balance und der Selbsterhaltung. Ihr Held ist der Steuermann, der den Kurs hält. Ihr Feind ist die Störung, die vom Ziel wegtreibt. Ihr Erfolg ist die Rückkehr zum Gleichgewicht. Diese Ordnung ist in sich schlüssig und wirkungsmächtig. Sie prägte die Nachkriegswissenschaft tief. Und genau ihre Geschlossenheit macht die spätere Umkehrung so wirkungsvoll, denn die CCRU wird nicht ein Detail bestreiten, sondern das Vorzeichen des ganzen Systems drehen.

Kernaussage

Die klassische Kybernetik nach Wiener denkt Systeme vom Gleichgewicht her. Ihr Kernmechanismus, die negative Rückkopplung, gleicht Abweichungen aus und führt ein System zu seinem Sollwert zurück. Ihr Ideal ist Stabilität, ihr Zweck der Widerstand gegen die Entropie.

Der Kritiker

Diese Darstellung macht die Kybernetik glatter, als sie war, und sie tut es aus einem bestimmten Grund. Sie ist auf ihre Umkehrung hin gebaut. Je geschlossener die Ordnung der Stabilität erscheint, desto wuchtiger wirkt der Umschlag in Band 3. Damit erbst du hier ein Gegenbild, das die CCRU selbst entworfen hat, um sich davon abzustoßen.

Die wirkliche Kybernetik war vielstimmiger. In den Macy-Konferenzen der vierziger und fünfziger Jahre saßen Mathematiker, Neurologen, Anthropologen und Psychiater zusammen, und aus diesem Kreis gingen Denkwege hervor, die mit Kontrolle wenig zu tun haben. Gregory Bateson entwickelte daraus eine Theorie der Kommunikation und des Lernens, Heinz von Foerster begründete eine Kybernetik zweiter Ordnung, die den Beobachter in das beobachtete System hineinnahm. Die Disziplin kannte ihre eigenen Zweifel früher und gründlicher, als das Bild vom Thermostat zulässt.

Wiener selbst ist der stärkste Zeuge gegen die Vereinfachung. Er hat sich nach dem Krieg von militärischer Forschung losgesagt und ein Buch geschrieben, das vor der Verwendung seiner eigenen Wissenschaft zur Beherrschung von Menschen warnt. Der Mann, den die CCRU als Denker der Kontrolle einsetzt, hat die Kontrolle als politisches Problem gesehen, bevor seine Kritiker geboren waren.

Brücke zum nächsten Band

Die CCRU interessierte sich für die entgegengesetzte Bewegung. Was geschieht, wenn eine Rückkopplung die Abweichung nicht dämpft, sondern verstärkt? Wenn ein System nicht zum Gleichgewicht zurückkehrt, sondern sich immer weiter von ihm entfernt? Band 3 führt in die positive Rückkopplung und in die Theorien fern vom Gleichgewicht, aus denen die Gruppe ihr Bild einer sich selbst beschleunigenden Kultur gewann. Dort kippt die Ordnung, die du gerade kennengelernt hast, in ihr Gegenteil.