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Der Kritiker

Band 209 Min. Lesezeit

Der lemurianische Mythos

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Modul IV · Die Kerntheorien


Lernziel

Nach diesem Band kennst du die Mythologie, die die CCRU um ihr Diagramm errichtete. Du weißt, wer Daniel Barker sein soll und was seine Lehre von der Geotraumatik behauptet, du kennst die Herkunft des Namens Lemuria und den Konflikt, den die Gruppe als Zeitkrieg beschrieb. Und du verstehst, warum dieser Mythos die Stelle ist, an der die CCRU ihre eigene These einem Versuch unterzog.

Darstellung

Professor Daniel Charles Barker hat nie existiert. Die CCRU stattete ihn dennoch mit allem aus, was einen Wissenschaftler ausmacht, mit einer Laufbahn, mit Instituten, mit einem Bruch in dieser Laufbahn und mit einer Lehre, die ihn ins Abseits trug. Sein Weg führte durch Einrichtungen der Signalforschung, dorthin, wo man nach Zeichen von außerhalb sucht, und endete in einer Randstellung, wie sie Denkern zuteil wird, die sich mit dem Falschen befassen. In einem Text, der als Interview aufgemacht ist, spricht er selbst. Die Gruppe zitiert ihn, verweist auf seine Schriften und behandelt ihn wie eine Quelle unter anderen, ohne je zu markieren, dass hier eine Erfindung vorliegt.

Seine Lehre trägt den Namen Geotraumatik und beginnt mit einer Verschiebung, die zunächst als bloßes Bild erscheint. Die Erde wird nicht als Planet gedacht, sondern als Körper, dem etwas zugestoßen ist. Ihre Geschichte besteht dann aus einer Folge von Katastrophen, die sich einschreiben und die niemals verarbeitet werden, weil ein Planet nichts verarbeiten kann. Die Kruste über dem geschmolzenen Kern erscheint in dieser Optik als Verhärtung um eine Wunde, und die Schichten des Gesteins werden zu etwas, das man lesen kann wie die Spuren einer Verdrängung. Geologie ist dann keine Erdkunde mehr, sondern eine Diagnose.

Der Schritt, der diese Umdeutung von einer bloßen Metapher unterscheidet, betrifft den Menschen. Barker behauptet, dass die Traumata der Erde in den Körpern der Lebewesen aufbewahrt sind, die auf ihr entstanden sind. Die entscheidende Struktur ist die Wirbelsäule. Der Weg vom Fisch über das kriechende Tier zum aufgerichteten Gang war kein Aufstieg, sondern eine Kette von Zumutungen, jede erzwungen von einer Veränderung der Umwelt, jede eine Verrenkung des vorherigen Bauplans. Der aufrechte Mensch trägt diese Kette in sich, die Rückenschmerzen sind ihr Nachhall, und was der Psychoanalytiker im Kopf sucht, liegt in Wahrheit im Rückgrat und reicht Jahrmillionen zurück. Später hat ein Autor namens Thomas Moynihan diesem Gedanken ein ganzes Buch gewidmet und den dafür geprägten Ausdruck vom Wirbelsäulen-Katastrophismus zum Titel gemacht.

Bemerkenswert an dieser Lehre ist ihre Konsequenz gegenüber allem, was du im Fundament gelernt hast. Deleuze und Guattari nahmen dem Unbewussten die Familie und machten es zur Fabrik. Barker nimmt ihm auch die Fabrik und gibt es der Geologie. Das Unbewusste ist dann nicht mehr die Werkstatt des Begehrens, sondern eine Ablagerung, in der die Erde von sich selbst erzählt, ohne dass jemand zuhört. Der Anti-Humanismus, den du seit Band 4 verfolgst, kommt hier an einem Punkt an, hinter dem nichts mehr liegt. Der Mensch ist nicht bloß entthront, er ist eine Narbe.

Der Kontinent, der dem Mythos seinen Namen gibt, hat eine Vorgeschichte, die selbst schon zur Sache gehört. Lemuria stammt von einem britischen Zoologen namens Philip Sclater, der 1864 vor einem Rätsel stand. Lemuren leben auf Madagaskar und in Indien, doch nicht in Afrika dazwischen. Sclater erklärte den Befund mit einer Landbrücke, die einst beide Gebiete verbunden habe und im Indischen Ozean versunken sei, und benannte sie nach den Tieren, deren Verbreitung sie erklären sollte. Es war eine ernsthafte Hypothese ihrer Zeit, aufgestellt von einem angesehenen Forscher, und sie wurde später durch die Plattentektonik überflüssig. Die Kontinente hatten sich bewegt, es brauchte keine versunkene Brücke.

An diesem Punkt hätte der Name verschwinden können. Stattdessen wurde er von der Theosophie aufgegriffen, jener okkulten Bewegung des späten neunzehnten Jahrhunderts, die aus dem versunkenen Land die Heimat einer früheren Menschheit machte. Lemuria überlebte seine Widerlegung und wanderte aus der Wissenschaft in die Mythologie, wo es bis heute lebt, in Romanen, in esoterischen Lehren, in Filmen. Die CCRU fand also keinen leeren Namen vor, sondern einen, der bereits vorgeführt hatte, wozu ein Wort fähig ist. Eine Beschreibung von etwas, das es nicht gab, hatte sich von ihrem Urheber gelöst und war weitergezogen. Genau das nennt die Gruppe Hyperstition, und Lemuria war der Beleg, bevor die CCRU ihn benutzte.

Aus diesem Material baute sie eine ausgedehnte Erzählung. Die Lemurianer sind darin keine Bewohner eines Landes, sondern etwas, das durch die Zeit läuft, und ihr Widerpart trägt den Namen einer Ordnung, die das Ende der Geschichte verwaltet. Der Konflikt zwischen beiden heißt Zeitkrieg, und der Ausdruck ist wörtlich gemeint. Er wird nicht in der Zeit ausgetragen wie andere Kriege, sondern um sie. Es geht darum, ob die Zeit gerade verläuft, von einem Anfang auf ein Ende zu, oder ob sie sich verknotet, zurückgreift, sich selbst herbeiruft. Die eine Seite will eine Chronologie mit Schluss, die andere eine Zeit voller Schleifen, in der die Zukunft an ihrer eigenen Ankunft arbeitet. Du erkennst hier die Frage aus Band 16 wieder, nun als Erzählung. Die Auseinandersetzung, die Land in seinem Zeitmodell begrifflich führt, findet im Mythos ihre Figuren.

Ein Text der Gruppe verbindet diesen Krieg mit William S. Burroughs, und die Wahl ist keine Laune. Burroughs hielt Sprache für ein Virus, das den Menschen befallen hat und ihn seither steuert, und er entwickelte ein Verfahren dagegen, das Zerschneiden und Neuzusammensetzen von Texten. Wer einen Text zerschneidet, so seine Behauptung, findet in den Bruchstellen manchmal etwas, das noch nicht geschehen ist. Für Burroughs war das Schneiden kein literarisches Spiel, sondern ein Eingriff in die Zeit. Die CCRU las ihn als jemanden, der den Zeitkrieg bereits führte, ohne die Landkarte zu besitzen, und stellte ihre eigene Praxis in diese Linie.

Um das Numogramm herum wuchs auf diese Weise eine Bevölkerung. Jede Zone erhielt ein Wesen, die Gesamtheit dieser Wesen eine Ordnung, dazu kamen Forscherinnen, Sammler, Institute, ein Archiv, eine Universität, die aus Lovecrafts Erzählungen entliehen war. Was zunächst ein Rechenschema war, hatte nun eine Geschichte, Namen und einen Streit. Und die Konstruktion arbeitete in beide Richtungen. Der Mythos gab dem Diagramm einen Sinn, das Diagramm gab dem Mythos eine Mechanik, in der sich die Erzählung nicht beliebig fortspinnen ließ, sondern rechnen musste.

Damit ist die Frage nach dem Zweck erreicht, und die Antwort der Gruppe steht in Band 13. Wenn eine Fiktion, an die geglaubt wird, ihre eigene Wahrheit herstellt, dann ist das eine Behauptung, die man prüfen kann, indem man eine Fiktion baut und wartet. Der lemurianische Mythos ist dieser Versuch. Die CCRU errichtete ihn mit allem, was eine Wirklichkeit ausmacht, mit Quellen, Widersprüchen, Datierungen und einem Apparat aus Verweisen, und sie unterließ jede Markierung, die den Leser entlastet hätte. Sie glaubte nicht an ihre Wesen. Sie wollte wissen, was geschieht, wenn man eine Fiktion so ernst nimmt, wie man sonst nur Tatsachen nimmt.

Ob der Versuch etwas erwiesen hat, wird man verschieden beantworten. Was er hervorgebracht hat, lässt sich besichtigen. Der Mythos hat seine Erbauer überdauert, wird weitergeschrieben, taucht in Romanen auf, in Musik, in Kunstausstellungen, in akademischen Aufsätzen, die ihn behandeln, als hätte er einen Gegenstand. Reza Negarestani hat aus derselben Bauweise ein Buch gemacht, dem Band 25 gehört. Die Wesen sind nicht wirklich geworden. Der Mythos ist es.

Kernaussage

Die CCRU errichtete um das Numogramm eine Mythologie mit dem erfundenen Professor Daniel Barker im Zentrum, dessen Geotraumatik die Erde als traumatisierten Körper und die menschliche Wirbelsäule als Aufzeichnung geologischer Katastrophen liest. Der Name Lemuria stammt von einer wissenschaftlichen Hypothese des neunzehnten Jahrhunderts, die ihre eigene Widerlegung überlebte und in die Mythologie auswanderte, womit er die These der Gruppe bereits vorführte. Der Zeitkrieg zwischen den Lemurianern und der Ordnung des Endes wird nicht in der Zeit geführt, sondern um ihre Verfassung. Der ganze Mythos ist der Versuch, an dem die CCRU ihre Behauptung über die Wirkkraft von Fiktionen erprobte.

Der Kritiker

Die Herkunft des Materials verlangt eine Bemerkung, die die CCRU sich erspart hat. Die theosophische Lemuria-Überlieferung, aus der die Gruppe schöpft, ist keine harmlose Esoterik. Sie ist Teil einer Lehre von aufeinanderfolgenden Menschheitsrassen, in der die Bewohner des versunkenen Kontinents eine frühe und niedere Stufe bilden, und diese Konstruktion hat in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Abnehmer gefunden. Wer aus diesem Fundus nimmt, nimmt aus einer Tradition, die eine Geschichte hat. Dasselbe gilt für Lovecraft, wie Band 7 bereits festhielt. Die CCRU hat sich beidemal bedient und beidemal geschwiegen, und dieses Schweigen ist eine Entscheidung.

Der zweite Einwand betrifft die Bauart des Versuchs. Ein Experiment ohne Bedingungen, unter denen es scheitern könnte, ist keines. Der Mythos hat sich verbreitet, das ist wahr, und es beweist nichts über Fiktionen im Allgemeinen, sondern zeigt, dass eine dichte, gut gebaute Erzählung Leser findet. Das wusste man vorher. Hätte niemand den Mythos aufgegriffen, wäre er als bloßer Aberglaube gebucht worden, wie Band 13 gezeigt hat, und die These bliebe unberührt. Was hier vorliegt, ist kein Versuch, sondern ein Werk, dessen Erfolg man nachträglich zum Beleg erklärt.

Der Ertrag liegt woanders, und er ist beträchtlich, sobald man aufhört, ihn für eine Erkenntnis zu halten. Die Geschichte von Sclater ist der Punkt, an dem der Band tatsächlich etwas zeigt. Ein Fachmann stellt eine ernsthafte Vermutung auf, sie wird widerlegt, und der Name überlebt die Widerlegung um anderthalb Jahrhunderte, weil er inzwischen anderen Zwecken dient. Das ist keine Erfindung der CCRU, das ist Wissenschaftsgeschichte, und es geschieht häufiger, als man annimmt. Begriffe lösen sich von den Sachverhalten, für die sie geschaffen wurden, und arbeiten weiter. Wer verstehen will, warum bestimmte Wörter in seinem eigenen Feld unsterblich sind, obwohl der Befund dahinter längst zerfallen ist, hat hier den Fall in Reinform. Dafür braucht es Barker nicht, und Barker hätte darauf bestanden, dass es ihn braucht.

Brücke zum nächsten Band

Damit ist die esoterische Zone durchquert. Die letzten beiden Bände des vierten Moduls führen zurück in ein Feld, in dem sich das Denken der Gruppe überprüfen lässt, ohne dass man dafür an ein Diagramm glauben müsste. Band 21 wendet sich Kodwo Eshun zu und seiner Theorie der Klangfiktion, die schwarze Musik von Dub bis Jungle nicht als Ausdruck von Erfahrung liest, sondern als Maschine, die fremde Subjektivitäten herstellt. Der Afrofuturismus bringt eine Frage in den Lehrgang, die bisher gefehlt hat, nämlich wer den Anti-Humanismus eigentlich nötig hat und wer ihn sich leisten kann.