CCRU
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Der Kritiker

Band 138 Min. Lesezeit

Hyperstition I

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Modul III · Die Methode


Lernziel

Nach diesem Band beherrschst du den Kernbegriff der CCRU. Du kannst den Mechanismus der Hyperstition in seine Einzelteile zerlegen, sie gegen drei benachbarte Begriffe abgrenzen, mit denen sie regelmäßig verwechselt wird, und ihre Zeitfigur genau bestimmen. Du kennst zudem den stärksten Einwand gegen sie. Damit besitzt du das Werkzeug, mit dem der nächste Band den entscheidenden Fall aufschließt.

Darstellung

Das Wort ist ein Kofferwort aus hyper und superstition, Aberglaube. Der Aberglaube ist eine Vorstellung, die falsch ist und trotzdem geglaubt wird. Die Hyperstition ist eine Vorstellung, die falsch ist und durch das Geglaubtwerden wahr wird. Die Vorsilbe markiert diesen Sprung. Aberglaube bleibt an der Wirklichkeit hängen, Hyperstition greift durch sie hindurch.

Die CCRU umriss den Begriff über vier Merkmale, die zusammen erst sein Profil ergeben. Erstens ist eine Hyperstition ein Element wirksamer Kultur, das sich selbst real macht. Zweitens arbeitet sie als Fiktion, die wie ein Zeitreisevehikel funktioniert. Drittens ist sie ein Verdichter von Zufällen, ein Mechanismus, der Koinzidenzen zu Mustern gerinnen lässt. Viertens ist sie ein Anruf, ein Herbeirufen dessen, was noch nicht da ist. Das erste Merkmal ist die These, das zweite die Zeitstruktur, das dritte das Symptom, das vierte die Haltung. Die meisten Darstellungen bleiben beim ersten stehen und verlieren damit den Begriff.

Die Abgrenzung ist wichtiger als die Definition, denn der Begriff verliert seine Schärfe, sobald man ihn mit dem Vertrauten verwechselt.

Der nächste Nachbar ist die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Der Soziologe Robert K. Merton prägte den Ausdruck 1948 am Beispiel eines Bankensturms. Ein Gerücht behauptet, eine Bank sei zahlungsunfähig. Das Gerücht ist falsch. Die Kunden glauben es, holen ihr Geld, und die Bank wird zahlungsunfähig. Die Falschaussage hat sich selbst wahr gemacht. Der Mechanismus ist identisch mit dem der Hyperstition, die Wertung ist es nicht. Merton beschreibt eine Pathologie, einen soziologischen Fehlerfall, etwas, das man diagnostiziert, um es zu verhindern. Für die CCRU ist derselbe Vorgang die Grundverfassung von Kultur überhaupt und ein Verfahren, das man betreiben kann. Diese Verschiebung kennst du bereits. Sie ist exakt dieselbe Bewegung wie in Band 3, wo die positive Rückkopplung von der Betriebsstörung zum eigentlichen Gegenstand wurde. Merton verhält sich zur CCRU wie Wiener zu Land. Der Mechanismus bleibt, das Vorzeichen dreht sich.

Der zweite Nachbar ist die Performativität. Der Sprachphilosoph John L. Austin zeigte, dass manche Sätze nichts beschreiben, sondern etwas tun. Wer unter den richtigen Bedingungen sagt, hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau, stellt eine Tatsache her, statt eine zu berichten. Der Unterschied zur Hyperstition liegt in zwei Punkten. Die performative Äußerung wirkt sofort und sie braucht eine Institution, die den Sprecher autorisiert. Der Standesbeamte kann trauen, der Passant nicht. Die Hyperstition wirkt über Zeit, durch die Vermittlung von Glauben und Handeln, und sie braucht keine Autorisierung. Sie arbeitet von unten, anonym, über Ansteckung. Deshalb ist sie für die CCRU interessant und die Performativität nicht. Ein Verfahren, das Autorität voraussetzt, taugt nicht für eine Gruppe, die keine hat.

Der dritte Nachbar ist das Simulakrum. Jean Baudrillard beschrieb eine Kultur, in der die Zeichen sich vom Bezeichneten gelöst haben und nur noch aufeinander verweisen, Kopien ohne Original. Die Oberfläche scheint verwandt, die Richtung ist entgegengesetzt. Bei Baudrillard verschwindet das Reale hinter den Zeichen, sein Ton ist der des Verlusts, die Diagnose lautet Entwirklichung. Bei der CCRU produzieren die Zeichen Reales, der Ton ist der der Ankunft, die Diagnose lautet Herstellung. Baudrillard trauert, die CCRU baut. Wer Hyperstition als postmoderne Beliebigkeit liest, hat den Begriff in die falsche Familie gestellt.

Der Mechanismus selbst hat vier Glieder und läuft als geschlossener Kreis. Eine Fiktion tritt in Umlauf. Sie erzeugt Glauben, wobei Glauben hier wenig mit Überzeugung zu tun hat und viel mit Erwartung, mit dem Rechnen auf etwas. Der Glaube ändert Handlungen, denn wer mit einer Zukunft rechnet, richtet sich auf sie ein, investiert, baut, wählt. Die geänderten Handlungen erzeugen Zustände, die der Fiktion ähneln. Diese Zustände bestätigen die Fiktion und speisen den Glauben. Du erkennst die Struktur aus Band 2 und 3 wieder, es ist eine Rückkopplungsschleife, und weil das Ergebnis den Ausgang verstärkt statt ihn zu dämpfen, ist es eine positive. Hyperstition ist positive Rückkopplung im Medium des Glaubens. An dieser Stelle schließt sich das Fundament des Lehrgangs an seinen Kern an.

Der belastbarste Fall ist der Cyberspace. William Gibson erfand das Wort um 1982 und füllte es 1984 in Neuromancer mit Bildern. Er hatte, wie er später erzählte, kaum Ahnung von Computern und schrieb auf einer mechanischen Schreibmaschine. Das Wort bezeichnete nichts. Es gab keinen Cyberspace, es gab eine Beschreibung eines Nichtvorhandenen. Dann lasen Ingenieure, Programmierer und Gründer diesen Roman, und ein Teil von ihnen baute daran, das Beschriebene herzustellen. Das Wort wanderte in Konferenzen, Förderanträge, Firmengründungen, Gesetzestexte. Heute existiert eine Sache, auf die das Wort passt. Die Beschreibung ging der Sache voraus und trug zu ihrer Entstehung bei. Gibson beschrieb nicht die Zukunft, er lieferte ihr eine Vorlage.

Damit steht die Zeitfigur, und sie verlangt Genauigkeit, weil hier die meisten Missverständnisse entstehen. Von außen sieht die Sache nach Rückwärtskausalität aus. Etwas, das erst später existiert, scheint auf das einzuwirken, was früher geschieht. Mechanisch betrachtet passiert nichts dergleichen. Es wirkt nicht die Zukunft, es wirkt eine gegenwärtige Erzählung über die Zukunft. Die Kausalität läuft brav vorwärts. Genau an diesem Punkt setzt die CCRU ihren Hebel an und stellt die unbequeme Frage. Wenn die Erwartung einer Zukunft diese Zukunft zuverlässig herstellt, worin besteht dann noch der Unterschied zwischen einer Zukunft, die wirkt, und einer Zukunft, deren Bild wirkt? Die Gruppe entscheidet diese Frage nicht, sie hält sie offen und nutzt die Unentschiedenheit als Antrieb. Das ist der Grund, warum ihre Texte sich nie festlegen lassen, ob sie eine Kausalanalyse oder eine Beschwörung vortragen. Beides zugleich zu sein gehört zum Verfahren.

Das dritte Merkmal, der Verdichter von Zufällen, wird meist übergangen und ist der aufschlussreichste Punkt. Wer eine Hyperstition trägt, sieht überall Belege. Zufälle ordnen sich zu Mustern, Fundstücke fügen sich, alles beginnt zu passen. Die nüchterne Erklärung heißt Bestätigungsfehler, eine bekannte Schwäche der Wahrnehmung. Die CCRU kennt diese Erklärung und weigert sich, bei ihr stehenzubleiben, weil die Musterbildung ihrerseits Handlungen erzeugt und damit reale Spuren hinterlässt. Der Bestätigungsfehler ist dann kein Irrtum über die Welt, sondern ein Produktionsmittel. Hier liegt die eigentliche Zumutung des Begriffs, und hier liegt zugleich seine Gefahr, denn dieselbe Struktur trägt Verschwörungsdenken. Die CCRU hat diese Nähe gesucht statt sie zu meiden.

Der stärkste Einwand ergibt sich daraus unmittelbar und lässt sich nicht entkräften. Hyperstition ist nicht widerlegbar. Verwirklicht sich eine Fiktion, gilt der Begriff als bestätigt. Verwirklicht sie sich nicht, war sie eben keine wirksame Kultur, sondern bloßer Aberglaube. Das Kriterium wird nachträglich vergeben, nach dem Ausgang. Dazu kommt ein Auswahlfehler. Sichtbar sind die Fiktionen, die real wurden, während die zahllosen, die verpufften, keine Spur hinterlassen. Aus Gibson lässt sich nicht ableiten, dass Fiktionen sich verwirklichen, sondern nur, dass manche es tun, und über die Bedingungen, unter denen es geschieht, schweigt der Begriff. Wer eine erklärende Theorie sucht, wird hier enttäuscht. Die CCRU bietet ein Verfahren an, keine Erklärung, und sie misst es an der Wirkung statt an der Richtigkeit. Ob dieser Tausch sich lohnt, ist die offene Rechnung des ganzen Projekts.

Die Konsequenz für die Lektüre der Gruppe ist hart. Wenn Hyperstition stimmt, dann ist der lemurianische Mythos aus Band 20 kein Schmuck an der Theorie, sondern ihr Experiment. Die CCRU baute eine Fiktion und schaute, ob sie sich verwirklicht. Und da du diesen Text liest, weil eine kleine, aufgelöste Gruppe aus Warwick es geschafft hat, dass man dreißig Jahre später über sie spricht, hat das Experiment einen Teil seiner Antwort bereits geliefert.

Kernaussage

Hyperstition bezeichnet eine Fiktion, die durch den Glauben an sie und die daraus folgenden Handlungen ihre eigene Wahrheit herstellt. Sie ist positive Rückkopplung im Medium des Glaubens und unterscheidet sich von Mertons Prophezeiung durch das umgekehrte Vorzeichen, von Austins Performativität durch den Verzicht auf Autorität, von Baudrillards Simulakrum durch die Richtung der Bewegung. Ihr Preis ist die Unwiderlegbarkeit, denn sie wird an der Wirkung gemessen statt an der Richtigkeit.

Der Kritiker

Dieser Band trägt seine Einwände bereits im Text, und der Kritiker hat hier eine andere Aufgabe. Er soll die Reichweite bestimmen, die nach den Einwänden übrig bleibt, denn sie ist beträchtlich.

Der Begriff benennt eine reale Klasse von Vorgängen, für die andere Sprachen kein Wort haben. Merton hat den Fehlerfall, Austin die autorisierte Äußerung, Baudrillard den Verlust. Für den Vorgang, dass eine Beschreibung von etwas Nichtvorhandenem Menschen dazu bringt, es zu bauen, gibt es außerhalb der CCRU keinen brauchbaren Ausdruck. Das ist keine Kleinigkeit. Begriffe schneiden die Welt in Stücke, und dieser schneidet an einer Stelle, an der zuvor niemand geschnitten hat.

Seine Grenze liegt dort, wo aus dem Werkzeug eine Weltanschauung wird. Als Linse ist Hyperstition brauchbar und leistet in bestimmten Feldern mehr als die nüchterne Beschreibung, bei Marken, bei Technologieerwartungen, bei politischen Bewegungen, bei allem, was von Zuschreibung lebt. Als Behauptung über die Verfassung der Wirklichkeit ist er ungedeckt, und die CCRU beansprucht ihn in dieser starken Fassung. Der brauchbare Gebrauch besteht darin, ihn zu benutzen und die starke Fassung stehenzulassen.

Brücke zum nächsten Band

Der Mechanismus steht, der Beleg fehlt. Die CCRU behauptet nicht, Hyperstition sei ein Randphänomen der Kultur, sondern deren stärkste Kraft, und sie setzt alles auf einen einzigen Fall. Band 14 prüft ihn. Geld, Kredit und Kapital sind Fiktionen, die reale Zukunft produzieren, und wenn dieser Nachweis gelingt, verwandelt sich der Begriff von einer literarischen Spielerei in eine Aussage über die Verfassung der Gegenwart. Dort verbindet sich das dritte Modul mit dem, was Land aus Deleuze und Guattari gezogen hat.