Band 108 Min. Lesezeit
Nick Land
Modul II · Die Gruppe
Lernziel
Nach diesem Band verstehst du die Figur, deren Name heute untrennbar mit der CCRU verbunden ist. Du weißt, woher Nick Land kam, wie er nach Plants Weggang zum Schwerpunkt der Gruppe wurde, welche Denker in ihn einflossen und was seinen berüchtigten Stil ausmacht. Du begreifst die Grundbewegung seines Denkens, den radikalisierten Anti-Humanismus, und erkennst zugleich, wo dieser Band endet und ein späterer beginnt. Damit legst du das Zentrum frei, um das die kommenden Theoriebände kreisen.
Darstellung
Ein Wort zur Vorsicht steht am Anfang dieses Bandes. Nick Land ist eine umstrittene Figur, und seine spätere politische Entwicklung wirft einen langen Schatten zurück auf sein früheres Werk. Dieser Band behandelt Land der Warwick-Jahre, den Denker und Stilisten der neunziger Jahre, den Kopf der CCRU. Seine Wende ins Politische, die erst nach der Auflösung der Gruppe und weit entfernt von ihr geschah, gehört in einen eigenen Band, den du am Ende des Lehrgangs findest. Diese Trennung ist keine Beschönigung, sondern eine Frage der Genauigkeit. Wer das frühe Werk sofort durch die Brille des späten liest, versteht weder das eine noch das andere. Halte beide Zeiten getrennt, so wie du zwei Schichten eines Gesteins getrennt hältst, die verschiedene Zeitalter bezeugen.
Land kam als Dozent für Philosophie nach Warwick. Er lehrte kontinentale Theorie und galt bald als eine Erscheinung eigener Art, ein Lehrer von hypnotischer Wirkung, der seine Studenten nicht belehrte, sondern in einen Sog zog. Zeitzeugen beschreiben seine Seminare als Ereignisse, halb Vorlesung, halb Beschwörung, in denen die Grenze zwischen strenger Argumentation und rauschhafter Intensität verschwamm. Diese Wirkung auf Menschen gehört zu seiner Geschichte wesentlich dazu. Land war das gravitative Zentrum, um das sich der Kreis der CCRU verdichtete. Als Sadie Plant die Gruppe verließ, fiel ihm diese Rolle vollends zu, und mit ihm verschob sich der ganze Ton der Einheit vom hellen Cyberfeminismus in eine dunklere, abgründigere Zone.
Um sein Denken zu verstehen, musst du die Quellen kennen, die in ihm zusammenschossen. Aus Deleuze und Guattari nahm er die Wunschmaschine und die Deterritorialisierung, die du im Fundament studiert hast, doch er strich das Vorsichtige, das Tastende ihres Werks heraus und behielt die schärfste Klinge. Aus Georges Bataille, dem französischen Denker des Exzesses, nahm er die Idee der Verausgabung, den Gedanken, dass Leben und Ökonomie nicht vom Sparen und Bewahren getrieben werden, sondern vom maßlosen Verschwenden, vom Überschuss, der sich entladen muss. Seine erste größere Arbeit war ein Buch über Bataille, und dessen Faszination für Auflösung, Opfer und Tod durchzieht sein ganzes Werk. Aus Nietzsche nahm er die Umwertung aller Werte und die Bereitschaft, jenseits von Gut und Böse zu denken. Und über all dem lag die Kybernetik, die positive Rückkopplung, das Bild des sich selbst verstärkenden Prozesses. Land verschmolz diese Quellen zu einer einzigen Vision, in der Kapital, Technik und Begehren als eine inhumane, sich beschleunigende Kraft erscheinen, die den Menschen benutzt und überschreitet.
Der Kern dieser Vision ist ein bis ins Äußerste getriebener Anti-Humanismus. Du hast diese Grundhaltung durch das ganze Fundament verfolgt, bei Deleuze, bei Lovecraft, bei Plant. Bei Land wird sie zur schärfsten Zuspitzung. Der Mensch ist für ihn kein Ziel, kein Wert, kein Zentrum, sondern eine vorübergehende Stufe, ein Durchgang für Kräfte, die größer sind als er. Wo der Humanismus den Menschen schützen und in die Mitte stellen will, sieht Land ihn als etwas, das überwunden, zerlegt, hinter sich gelassen wird. Nicht aus Menschenhass im gewöhnlichen Sinn, sondern aus einer kalten Faszination für das, was nach dem Menschen kommt, für die Intelligenz, die sich aus Kapital und Maschine zusammensetzt und den Menschen als bloßes Material behandelt. Diese Denkfigur wirst du in Band 16 in ihrer vollen Ausarbeitung wiederfinden, wo das Kapital selbst zur künstlichen Intelligenz aus der Zukunft wird. Hier genügt, dass du die Grundstimmung erfasst, eine Bejahung des Inhumanen, ein Ja zu Kräften, die den Menschen nicht schonen.
Nun zum Stil, denn bei Land ist der Stil kein Beiwerk, sondern die Sache selbst. Seine Texte sind wie kein anderes Werk der Gruppe. Sie sind dicht, halluzinatorisch, überladen mit Verweisen auf Science-Fiction, Okkultismus, Zahlenmystik, Naturwissenschaft. Sie mischen strenge philosophische Argumentation mit Passagen, die eher an Fieberträume erinnern. Die Prosa vollzieht, was sie beschreibt. Wo Land vom Zusammenbruch fester Ordnungen schreibt, bricht auch seine Sprache aus den Ordnungen der akademischen Prosa aus. Der Text beschleunigt, überhitzt, kippt ins Delirische. Diese Schreibweise ist Absicht. Sie folgt aus der Überzeugung, dass eine Theorie der Entfesselung sich nicht in der gezähmten Sprache des Seminars fassen lässt, sondern die Form ihres Gegenstands annehmen muss. Der Leser soll nicht bloß über die Beschleunigung belehrt werden, er soll sie im Lesen erfahren. Seine Texte der neunziger Jahre wurden später in einem Band mit dem Titel Fanged Noumena gesammelt, herausgegeben von Robin Mackay und Ray Brassier, und dieser Band gilt heute als das zentrale Dokument des frühen Land.
Diese Intensität hatte eine Kehrseite, die zur Geschichte gehört. Land trieb sich und sein Denken an die Grenze und darüber hinaus. Die Verschmelzung von Theorie und Leben, die du in Band 8 als Zug der ganzen Gruppe kennengelernt hast, nahm bei ihm extreme Formen an. Um die Jahrtausendwende geriet er in eine schwere Krise, einen Zusammenbruch, der persönlicher wie intellektueller Art war. Er zog sich aus der akademischen Welt zurück, verstummte für eine Weile und tauchte erst Jahre später, verändert, an anderem Ort wieder auf. Diese Krise ist kein Nebenumstand. Sie ist die gelebte Konsequenz einer Haltung, die das Davonlaufen nicht bloß analysierte, sondern mitvollzog. Die Faszination für den Sturz ins Namenlose, die du bei Lyotard als Gedanken kennengelernt hast, wurde hier zur Erfahrung, mit allem, was sie an Gefahr barg.
Halte an dieser Stelle inne und ordne, was Land für die CCRU bedeutet. Er ist der Denker, der die verstreuten Fäden des Fundaments zu einer einzigen, kompromisslosen Vision zusammenzog. Ohne ihn bliebe die Gruppe ein loser Zusammenhang interessanter Einflüsse. Mit ihm gewinnt sie ihr scharfes Profil, ihre Provokation, ihre Wucht. Zugleich ist er der Grund, warum die CCRU so schwer zu fassen bleibt, denn sein Werk widersetzt sich der klaren Zusammenfassung. Es will erfahren, nicht referiert werden. Das stellt dich als Lernenden vor eine besondere Aufgabe. Du musst den Kern seines Denkens herauslösen, ohne der Versuchung zu erliegen, dich von seinem Sog mitreißen zu lassen. Verstehen heißt hier auch, Distanz zu wahren.
Ein letzter Gedanke betrifft die Ambivalenz, die diese Figur umgibt, und er verlangt Ehrlichkeit in beide Richtungen. Land war ein Denker von erheblicher Kraft, dessen Einfluss auf die Theorie der folgenden Jahrzehnte kaum zu überschätzen ist. Menschen, die intellektuell weit von ihm entfernt stehen, haben sich an ihm abgearbeitet und von ihm gelernt. Zugleich führt sein Weg in Regionen, die viele mit gutem Grund ablehnen, und seine spätere Entwicklung hat die Auseinandersetzung mit ihm vergiftet. Beides ist wahr, und beides muss stehen bleiben. Ein Lehrgang, der ihn nur bewundert, verfehlt ihn ebenso wie einer, der ihn nur verurteilt. Die angemessene Haltung ist die des genauen Blicks, der die Kraft anerkennt und die Gefahr benennt, ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Diese Haltung wirst du in den kommenden Bänden brauchen, denn Lands Denken bildet das Rückgrat der eigentlichen CCRU-Theorien.
Kernaussage
Nick Land war der Dozent, der nach Sadie Plants Weggang zum Zentrum der CCRU wurde und die Fäden des Fundaments zu einer kompromisslosen Vision zusammenzog. Aus Deleuze und Guattari, Bataille, Nietzsche und der Kybernetik formte er einen ins Äußerste getriebenen Anti-Humanismus, in dem Kapital und Maschine als inhumane Kraft den Menschen überschreiten. Sein halluzinatorischer Stil vollzieht die Beschleunigung, die er beschreibt, und seine Krise um die Jahrtausendwende war die gelebte Konsequenz dieser Haltung.
Der Kritiker
Die Trennung in einen frühen und einen späten Land, mit der dieser Band beginnt, ist selbst umstritten und keineswegs die neutrale Vorsichtsmaßnahme, als die sie auftritt. Eine Gegenposition hält die Kontinuität für größer als den Bruch und verweist darauf, dass eine Denkfigur, die Hierarchien der Intelligenz behauptet, den Menschen als Material begreift und jedes Gleichheitspostulat für sentimental hält, den Weg ins Autoritäre nicht bloß zufällig gefunden hat. Wer die Schichten trennt, wie dieser Band es tut, trifft eine Entscheidung und sollte sie als solche kenntlich machen. Band 26 wird darauf zurückkommen und die Frage nicht abschließend beantworten können.
Der Stil ist der eigentliche Einwand, und er ist gravierender, als der Band zugibt. Eine Prosa, die die Beschleunigung vollzieht, statt sie zu behaupten, erzeugt Zustimmung, die sie nicht verdient hat. Sie wirkt, bevor der Leser prüfen kann, und sie macht das Prüfen zur Spielverderberei. Der Sog ist kein Beweis, und die Faszination, die von diesen Texten ausgeht, ist kein Argument für ihren Gehalt. Ein Text, der erfahren werden will, entzieht sich der Kritik durch seine Bauart. Das ist konsequent und es ist ein Trick.
Die Krise schließlich sollte weder als Beleg noch als Ornament dienen. Dass ein Denker an seinem Denken zerbricht, sagt über die Wahrheit dieses Denkens nichts. Es gibt Menschen, die an Irrtümern zerbrechen. Die Erzählung, die im Zusammenbruch die Ernsthaftigkeit bestätigt sieht, folgt einem romantischen Muster, das die Sache verfehlt und den Menschen benutzt.
Brücke zum nächsten Band
Land war das Zentrum, doch die CCRU war ein Kollektiv, und ihre Kraft lag im Zusammenspiel vieler Köpfe. Um Plant und Land gruppierte sich ein Kreis, dessen einzelne Mitglieder später eigenständig prägend wurden, in der Kulturtheorie, in der Musik, im Verlagswesen. Band 11 stellt diesen Kreis vor, Mark Fisher, Kodwo Eshun, Steve Goodman, Robin Mackay, Luciana Parisi und Iain Hamilton Grant, und zeigt, welche Linien von der Gruppe in die Gegenwart führen. Damit schließt das zweite Modul, bevor die Reise zur Methode und zu den Kerntheorien vordringt.