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Deleuze und Guattari II
Modul I · Das Fundament
Lernziel
Nach diesem Band verstehst du die Begriffe der Territorialisierung und Deterritorialisierung und die zweischneidige Rolle, die der Kapitalismus im Denken von Deleuze und Guattari spielt. Du weißt, warum das Kapital feste Ordnungen auflöst und Ströme freisetzt, und du begreifst die berühmte Provokation am Ende des Anti-Ödipus, aus der die CCRU und später der Akzelerationismus ihren gefährlichsten Gedanken zogen. Hier vollzieht sich der Übergang von der Philosophie des Begehrens zur Theorie des Kapitals.
Darstellung
Im vorigen Band lief das Begehren als Strom durch ein Netz von Maschinen. Nun stellt sich die Frage, was mit diesen Strömen geschieht, wie sie gebändigt, gelenkt, wieder freigesetzt werden. Deleuze und Guattari beantworten sie mit einem Begriffspaar, das zum Kern ihres politischen Denkens gehört, der Territorialisierung und der Deterritorialisierung.
Beginne beim Bild, das im Wort steckt, dem Territorium. Ein Territorium ist ein geordnetes Gebiet, ein Feld mit Grenzen, Regeln und festen Zuordnungen. Territorialisierung heißt dann, Ströme an feste Orte zu binden, sie in Ordnungen einzuschreiben, ihnen eine Bedeutung und einen Platz zuzuweisen. Das Begehren, das im vorigen Band noch frei koppelte, wird gefangen, kanalisiert, an Institutionen gebunden. Die Familie, der Stamm, der Staat, die Religion, all das sind Territorien, die den Fluss des Begehrens einfassen und ihm sagen, wohin er zu laufen hat. Territorialisierung ist die Kraft der Bindung und der festen Form.
Deterritorialisierung ist die Gegenbewegung. Sie löst diese Bindungen, reißt Ströme aus ihren festen Ordnungen heraus, sprengt Grenzen auf. Wo Territorialisierung festschreibt, setzt Deterritorialisierung frei. Ein Strom, der deterritorialisiert wird, verliert seinen zugewiesenen Platz und läuft ins Offene. Deleuze und Guattari verbinden diese Bewegung mit einem verwandten Begriff, der Fluchtlinie. Eine Fluchtlinie ist der Weg, auf dem etwas einer Ordnung entkommt, der Riss, durch den ein Strom aus seinem Territorium ausbricht. Das Denken der beiden Autoren ist von diesen Ausbruchsbewegungen fasziniert. Ihr Interesse gilt weniger den festen Strukturen als den Linien, auf denen etwas ihnen entweicht.
Nun tritt der Kapitalismus in dieses Bild, und hier liegt die eigentliche Pointe. Für Deleuze und Guattari ist der Kapitalismus die große deterritorialisierende Kraft der Geschichte. Kein früheres System hat so gründlich aufgelöst, entbunden, in Bewegung gesetzt. Wo ältere Ordnungen das Begehren an heilige Bindungen fesselten, an Tradition, Rang und ewige Wahrheit, verwandelt der Kapitalismus alles in Ware und alles in Fluss. Er kennt keine Heiligkeit, die er nicht in einen Preis übersetzen würde. Er reißt den Bauern von der Scholle, den Handwerker aus der Zunft, den Gläubigen aus dem festen Kosmos und wirft alle auf den offenen Markt. Feste Stände lösen sich in bewegliche Verhältnisse auf. Der Kapitalismus ist in diesem Sinne die revolutionärste, entfesselndste Kraft, die je gewirkt hat. Er deterritorialisiert die Welt.
Doch hier setzen Deleuze und Guattari ihre entscheidende Verfeinerung, und du musst sie genau fassen, weil sie den ganzen späteren Streit trägt. Der Kapitalismus deterritorialisiert nicht einfach ins Freie. Mit der einen Hand löst er die alten Bindungen, mit der anderen bindet er die freigesetzten Ströme sogleich neu, an Geld, an Markt, an Profit, an den Staat. Sie nennen diese zweite Bewegung die Reterritorialisierung. Der Kapitalismus ist die Maschine, die unaufhörlich entfesselt und im selben Zug wieder einfängt. Er treibt die Auflösung voran und errichtet zugleich neue Grenzen, neue Zäune, neue Ordnungen, um das Freigesetzte für sich nutzbar zu machen. In dieser Doppelbewegung liegt sein Wesen. Er ist Auflösung und Wiedereinfassung in einem, eine Kraft, die ständig weiter deterritorialisiert, als ihr eigenes Getriebe verlangt, und die diese Bewegung doch fortwährend bremst, um sich selbst zu erhalten.
Aus dieser Diagnose erwächst die Provokation, die am Ende des ersten Kapitels des Anti-Ödipus steht und die zur Keimzelle des gesamten akzelerationistischen Denkens wurde. Deleuze und Guattari werfen eine Frage auf, die gegen den revolutionären Instinkt ihrer Zeit gerichtet ist. Wenn der Kapitalismus die auflösende Kraft ist, die zugleich fortwährend bremst und wieder einfängt, ist dann der Weg des Widerstands, die Bremse zu ziehen, oder liegt er umgekehrt darin, die Deterritorialisierung noch weiter zu treiben, den Prozess zu beschleunigen, bis er über die Grenzen hinausschießt, die der Markt ihm setzt? Sie deuten an, dass der Ausweg nicht im Rückzug liegt, nicht in der Sehnsucht nach den alten Territorien, sondern in der Steigerung der Bewegung, im Weitergehen in dieselbe Richtung. Nicht zurück, sondern hindurch.
Halte den Charakter dieser Frage genau fest, denn sie ist ambivalent und wurde später scharf umkämpft. Deleuze und Guattari formulieren sie als offene Provokation, nicht als geschlossenes Programm. Sie spielen mit dem Gedanken, ohne ihn zur Doktrin zu machen. Ihr eigenes Werk ist reicher und vorsichtiger als die eine Zeile, die berühmt wurde. Doch genau diese Zeile, der Gedanke, dem Prozess nicht in die Bremse zu fallen, sondern ihn weiterzutreiben, wird die CCRU aufnehmen und Nick Land wird sie ins Äußerste ziehen. Was bei den Franzosen ein tastender Vorschlag war, wird bei Land zur radikalen These über das Kapital als Kraft, die man nicht bremsen, sondern entfesseln soll.
Verbinde nun diesen Band mit dem physikalischen Fundament der Bände 2 und 3, denn hier fügt sich das Denken zusammen. Die Deterritorialisierung ist die philosophische Gestalt dessen, was du zuvor als positive Rückkopplung kennengelernt hast. Beide beschreiben eine Bewegung, die sich vom festen Zustand entfernt und nicht zu ihm zurückkehrt. Der Kapitalismus, gelesen als deterritorialisierende Maschine, ist ein System fern vom Gleichgewicht, das seine eigenen Grenzen fortwährend überschreitet und dabei doch immer wieder neue setzt. Die CCRU wird diese beiden Sprachen verschmelzen. Aus der Kybernetik nimmt sie die Eskalation, aus Deleuze und Guattari die Deterritorialisierung, und aus beiden formt sie ihr Bild eines Kapitals, das sich selbst antreibt und aus der Zukunft heranrollt.
Kernaussage
Deleuze und Guattari beschreiben den Kapitalismus als die große deterritorialisierende Kraft, die feste Ordnungen auflöst und Ströme freisetzt, diese aber im selben Zug wieder einfängt. Ihre Provokation, den Prozess eher zu beschleunigen als zu bremsen, wurde zur Keimzelle des akzelerationistischen Denkens, das die CCRU und Nick Land radikalisierten.
Der Kritiker
Die Provokation, um die dieser Band kreist, umfasst im Original wenige Zeilen. Sie stehen in einem Buch von mehreren hundert Seiten, an einer Stelle, an der die Autoren über Schizophrenie sprechen, und sie sind in der Forschung seit Jahrzehnten umstritten. Ob dort überhaupt eine Empfehlung ausgesprochen wird oder ob die Passage eine Denkmöglichkeit durchspielt, die das Buch anschließend verwirft, lässt sich aus dem Text nicht entscheiden. Was der ganze spätere Akzelerationismus als Gründungsstelle behandelt, ist eine Randbemerkung, deren Sinn offen ist.
Die Aneignung geschieht dabei gegen die Autoren. Deleuze hat den Kapitalismus zeitlebens als das beschrieben, was Fluchtlinien einfängt, und in seinem Spätwerk die Kontrollgesellschaft als deren Fortsetzung diagnostiziert. Guattari arbeitete an ökologischen und politischen Alternativen. Beide hätten die Lesart, das Kapital sei zu entfesseln, zurückgewiesen. Die CCRU nimmt sich das Recht, ein Werk gegen seinen Urheber zu lesen, und begründet dieses Recht nirgends.
Der Begriff selbst trägt weniger, als seine Karriere vermuten lässt. Deterritorialisierung beschreibt eine Bewegung so allgemein, dass beinahe jeder Vorgang sich darunter fassen lässt, von der Landflucht bis zur Digitalisierung. Was alles erklärt, erklärt wenig. Seine Stärke liegt darin, Zusammenhänge zwischen weit entfernten Feldern sichtbar zu machen. Seine Schwäche liegt darin, dass er keinen einzigen Fall vom anderen unterscheidet.
Brücke zum nächsten Band
Deleuze und Guattari lieferten die Ströme und ihre Entfesselung. Eine dritte französische Stimme fügte etwas hinzu, das noch beunruhigender ist, die Lust an der eigenen Auflösung. Jean-François Lyotard fragte in seiner libidinösen Ökonomie, ob das Subjekt seine eigene Zersetzung durch das Kapital nicht insgeheim genießt. Band 6 führt in diesen Gedanken ein und schließt damit das französische Fundament ab, bevor die Reise zur CCRU selbst zurückkehrt.