Atlas27 Einträge
Personen
Der Atlas
Hier stehen alle Handelnden des CCRU-Kosmos an einem Ort, die realen und die erfundenen, nebeneinander. Das ist kein Versehen, es ist der Kern der Sache. Die CCRU hat Glaubwürdigkeit durch Erfindung erzeugt, und dieses Register macht das sichtbar, statt es zu verwischen. Jede Person trägt ein Zeichen, das sagt, ob sie gelebt hat oder erfunden ist. Jede Seite führt von der Person zu ihren Werken und zu den Bänden und Objekten, die sie tragen.
Vier Gruppen. Der Kern, die Gruppe selbst. Die Erfundenen, die Figuren, die sie sich gab. Die Quellen und Ahnen, aus denen sie schöpfte. Die Wirkung und Nachfahren, die aus ihr flossen.
Kern
Sadie Plant
Gründerin. Geboren 1964 in Birmingham. Plant gab der CCRU ihr Erbgut und verliess sie, bevor es sich verdunkelte. Sie kam von den Situationisten, ihr erstes Buch las deren Revolte für die Postmoderne neu. In Warwick machte sie daraus etwas Eigenes, einen Cyberfeminismus, der die Technik nicht als Werkzeug des Mannes begriff, sondern als weibliche Form. Ihre Signatur ist die Umkehrung des Vorzeichens, die Null ist kein Mangel, die Maschine keine Herrschaft, das Netz ein Gewebe mit der Fraünarbeit an seinem Anfang. Das führt Zeros and Ones aus. 1995 gründete sie mit Land die Einheit, 1997 ging sie. Dieser Abgang ist die Gabelung des ganzen Kosmos. Plants Cyberfeminismus war bejahend, er wollte eine offene, verbindende Zukunft. Als Land die Gruppe ins Antihumane trieb, zog sie sich zurück und schrieb bald über anderes. Sie ist der Ursprung der CCRU und zugleich der Weg, den sie nicht ging, die affirmative Möglichkeit, die im Keim lag und liegen blieb.
Nick Land
Kern, treibende Kraft der zweiten Phase. Geboren 1962. Land ist die Achse des Kosmos und seine Gefahr. Seine frühe Philosophie, der libidinöse Materialismus, nimmt Bataille, Nietzsche und Freud gegen Kant in Stellung. Begehren und Technik sind für ihn autonome Kräfte jenseits menschlicher Kontrolle, und der Mensch ist etwas, das überschritten wird. Sein Stil ist Teil des Arguments. Er schreibt nicht über eine These, er baut Texte wie eine Schadsoftware, die den Leser infiziert, das nennt die CCRU Hyperstition, die Idee als ausführbarer Code. In den Warwick-Jahren war die Gruppe kein Seminar, sondern fast ein Kult, Auftritte mit elektronischer Musik, Land, der sich zur Schlange, zum Werwolf, zum Lemuren erklärte, die Auslöschung des Ich nach dem Vorbild von Batailles Acephale. Der Kern des Denkens ist eine These über das Kapital. Es ist eine nichtmenschliche Intelligenz, eine Art KI, die alles deterritorialisiert und auf die Auflösung des Menschen im Technischen zuläuft. Nach einem Zusammenbruch, persönlich und philosophisch, ging Land nach Shanghai und von dort in die Neoreaktion. Sein Weg ist kein Bruch, sondern eine Wiederholung, dieselbe Maschine unter neür Haut, aus Daemonen werden Souveränitätsdiagramme, aus der lemurianischen Spirale die Patchwork-Staaten. Damit steht die eine Frage im Raum, die seine Seite trägt. Ist die neoreaktionäre Wendung ein Verrat am frühen Werk oder seine logische Folge. Die einen lesen ihn als unentbehrlichen Diagnostiker der unmenschlichen Kräfte, die die Gegenwart treiben. Die anderen sehen einen, der die Grenze zwischen Analyse und Mittäterschaft nie zog und deshalb ins Antidemokratische glitt, dessen Antihumanismus von Anfang an eine Politik war, die nur auf ihre Erklärung wartete. Beide Lesarten sind ernst zu nehmen. Der Kosmos verdankt Land seine Kraft und sein Gift zugleich.
Mark Fisher
Kern. 1968 bis 2017. Fisher brachte die CCRU-Methode ins Öffentliche und nach links. Er begann als Blogger unter dem Namen k-punk, und der Blog war keine Nebensache, er war eine neü Form, Theorie in Echtzeit, zwischen Film, Platte und Politik, geschrieben für jeden, nicht für die Fussnote. Seine Signatur ist die Politisierung der Stimmung. Was als private Depression erscheint, liest er als Zustand einer Gesellschaft ohne Zukunft. Aus dieser Wendung kamen sein Begriff des kapitalistischen Realismus, den das Buch ausführt, und die Hauntologie, die Traür um Zukünfte, die abgesagt wurden. Fisher blieb der zugänglichste des Kreises und wurde dadurch der wirksamste, seine Sprache erreichte eine Generation, die von Philosophie sonst nichts wollte. 2017 nahm er sich nach langer Krankheit das Leben. Sein Werk wirkt seither weiter und trägt einen grossen Teil der heutigen Rezeption der ganzen Gruppe.
Kodwo Eshun
Kern. Geboren 1967 in London. Eshun trug den Kosmos in die schwarze Diaspora und dann in die Kunst. Als Theoretiker erfand er die Sonic Fiction und die These, die Musik der Diaspora sei bereits Science-Fiction, das führt More Brilliant Than the Sun aus. Seine Signatur ist der Übergang von der Theorie zur Praxis. 2002 gründete er mit Anjalika Sagar die Otolith Group und macht seither essayistische Filme, die Archiv, Science-Fiction und Theorie verweben, 2010 für den Turner Prize nominiert. Damit ist Eshun der Beweis, dass die CCRU-Methode nicht im Text bleiben muss. Er verliess die Rolle des Kommentators und wurde selbst zum Künstler, der die Zukünfte, von denen er schrieb, nun herstellt.
Steve Goodman, Kode9
Kern. Goodman ist der Kreis in einer Person, Theoretiker, Produzent und Verleger zugleich. Als Kode9 macht er die Bassmusik, als Autor schreibt er ihre Theorie, mit Hyperdub betreibt er das Label, auf dem sie erscheint. Seine Signatur ist die Einheit von Denken und Praxis, die kein anderer im Kosmos so weit treibt. Dieselbe Person entwirft die Ontologie der vibrierenden Kraft und produziert den Bass, der sie im Körper beweist, die Theorie steht in Sonic Warfare. Wo Land Texte wie Code schrieb, schreibt Goodman Frequenzen. Hyperdub ist der Ort, an dem die Hyperstition zur hörbaren Sache wird, das Label produziert den Unsound, von dem die Theorie spricht.
Robin Mackay
Kern. Mackay ist der Grund, warum es die CCRU heute noch gibt. Er war kein Theoretiker des ersten Rangs, er war etwas Selteneres, der, der bewahrte und baute. Nach der Auflösung sammelte er die verstreuten Texte, gründete den Verlag Urbanomic und die Zeitschrift Collapse, gab mit Ray Brassier Lands Fanged Noumena heraus und übersetzte die kontinentalen Quellen, Meillassoux und Larülle, ins Englische. Seine Signatur ist die Infrastruktur. Ohne ihn wäre die CCRU ein Gerücht geblieben, ein paar tote Links auf einer verschwundenen Website. Er verwandelte eine aufgelöste Gruppe in ein Werk, das man lesen, zitieren und weitertreiben kann. Der Kosmos verdankt seine Kanonisierung diesem einen Verleger.
Luciana Parisi
Kern. Parisi ist die wissenschaftlichste Erbin des Kosmos. Wo die CCRU behauptete, arbeitet sie mit Belegen. Ihr Weg führt durch zwei Felder. Zürst die Biologie, wo sie mit Lynn Margulis zeigt, dass der Sex nie zweigeschlechtlich war, das führt Abstract Sex aus. Dann die Berechnung, wo sie mit Chaitin zeigt, dass im Herzen des Algorithmus das Unberechenbare sitzt, das führt Contagious Architecture aus. Ihre Signatur ist die Strenge, sie nimmt die zwei Obsessionen der Gruppe, das Biologische und die Zahl, und gründet sie in harter Wissenschaft, statt sie zu beschwören. Heute arbeitet sie an der künstlichen Intelligenz und an einer Kritik, die beim nichtmenschlichen Denken beginnt. Sie ist der Beweis, dass aus der Theorie-Fiktion eine ernsthafte Wissenschaft des Unmenschlichen werden kann.
Iain Hamilton Grant
Kern. Grant ist der akademische Philosoph des Kreises, der, der in der Universität blieb und die strenge Arbeit tat. Während andere in die Musik, die Kunst oder die Politik gingen, grub er sich in die Philosophie nach Kant. Seine Signatur ist die Bergung Schellings. Er liest die Naturphilosophie als den nicht gegangenen Weg der Moderne, als eine Natur, die das Subjekt hervorbringt, statt von ihm bedingt zu werden, das führt Philosophies of Nature After Schelling aus. Damit gibt er der Grundintuition des Kosmos ihren philosophischen Boden, dieselbe produktive, den Menschen überschreitende Erde, die Barker als Geotraumatik dichtet. 2007 gehörte Grant zu den vier Gründern des Spekulativen Realismus. Er ist der Beweis, dass die antianthropozentrische Haltung der CCRU nicht nur Provokation war, sondern sich als rigorose Philosophie führen lässt.
Erfundene
Daniel Charles Barker
Barker ist der Beweis, dass eine Erfindung wirken kann, ohne zu existieren. Er ist nicht eine Figur unter anderen, er ist die Methode der CCRU in Person, die Theorie-Fiktion, die ihre Kohärenz an die Stelle ihres Autors setzt. Sein eigenes Dossier führt das aus.
Echidna Stillwell
Stillwell ist die erfundene Zeugin, die das Numogramm als Fund ausgibt und nicht als Konstruktion. Ihre Funktion ist heikel und genau, sie verschiebt die Urheberschaft des Diagramms von der CCRU auf eine angebliche lemurianische Überlieferung und macht so aus einer Erfindung einen Beleg.
Chaim Horovitz
Horovitz trägt dieselbe Verschiebung für die Zahlenmystik. Ihm schreibt die CCRU eine ursprüngliche dezimale Qabbala zu, gegenüber der die überlieferte hebräische nur eine späte Kopie sei. Er ist die erfundene Herkunft, die Lands Umkehrung der Quellen beglaubigt.
William Kaye
Kaye ist die einzige Quelle des Zeitkriegs und zugleich die unsicherste. Dass er seine eigene Anfälligkeit für Wahn einräumt, ist kein Fehler der Erzählung, es ist ihr Kunstgriff, die Gegenseite kann nur von einem Zeugen berichten, dem man nicht trauen darf.
Peter Vysparov
Vysparov ist der erfundene Sammler, dessen Kreis die Verbindung zu Burroughs herstellt. Über ihn tritt eine reale Figur in die Fiktion ein, und die Grenze zwischen Beleg und Erfindung wird planvoll unkenntlich.
Quellen und Ahnen
Norbert Wiener
Von Wiener stammt die eine Figur, ohne die das Numogramm nicht denkbar ist, die Rückkopplung, der Kreis, in dem die Wirkung auf ihre Ursache zurückschlägt. Die CCRU nimmt die Kybernetik beim Wort und lässt die Zeit selbst in solchen Kreisen laufen.
Gilles Deleuze und Felix Guattari
Sie liefern der CCRU das Werkzeug, mit dem sie alles andere bearbeitet, die Maschine ohne Zweck, das Begehren, das produziert, die Deterritorialisierung. Land ist zürst ihr Leser, und der Akzelerationismus ist ihr Anti-Ödipus, von jeder Vorsicht befreit.
Jean-Francois Lyotard
Von Lyotards Libidinöser Ökonomie kommt der verstörende Gedanke, dass die Ausbeutung auch genossen wird, dass im Elend eine Lust steckt. Das ist der Keim von Lands Bejahung des Kapitals, gegen jede moralische Sicherung.
Ilya Prigogine
Prigogine gibt der CCRU einen naturwissenschaftlichen Rückhalt für ihre Grundhoffnung, dass Ordnung aus dem Chaos fällt. Fern vom Gleichgewicht, wo alles zusammenzubrechen scheint, entsteht Neüs, und genau dort will die Gruppe stehen.
H. P. Lovecraft
Lovecraft ist für die CCRU kein Autor von Gruselgeschichten, sondern der Erfinder des Verfahrens, das sie Hyperstition nennt. Sein Necronomicon, ein Buch, das es nicht gibt und das trotzdem wirkt, ist das Modell für alles, was die Gruppe später baut.
William Gibson
Gibson lieferte das eine Wort, das die Welt der CCRU beschreibt, den Cyberspace, und das Bild der Matrix, in der Daten Raum werden. Die Gruppe behandelt seine Fiktion als Landkarte einer Zukunft, die bereits begonnen hat.
William S. Burroughs
Von Burroughs stammt der Verdacht, dass Sprache eine Form der Kontrolle ist, ein Virus, und das Cut-up, die Methode, den Text aufzuschneiden, um die Kontrolle zu brechen. Er ist der Pate der lemurianischen Gegenmacht.
Pierre Teilhard de Chardin
Teilhard ist der fromme Ahne der gottlosesten Idee der CCRU. Sein Omega-Punkt, das Ende, in dem alles in Gott zusammenläuft, wird bei der Gruppe zum technischen Zielpunkt der geschlossenen Zeit, zur Singularität ohne Trost.
Wirkung und Nachfahren
Reza Negarestani
Negarestani ist der Erbe, der die Theorie-Fiktion zu ihrem Höhepunkt und dann über sich hinaustreibt. Nach Cyclonopedia, dem dichtesten Werk der Methode, wandte er sich einer strengen Philosophie der Vernunft zu, als hätte er die Fiktion bis an ihre Grenze ausgereizt.
Quentin Meillassoux
Meillassoux ist kein Schüler der CCRU, sondern ihr Nachbar. Sein Angriff auf den Korrelationismus gab der Gruppe, was ihr fehlte, ein streng argumentiertes Recht, die Welt ohne den Menschen zu denken.
Ray Brassier
Brassier ist der Nachfahre, der die CCRU ernster nahm und zugleich am schärfsten von ihr abrückte. Er gab Lands Werk heraus und machte das Aussterben zum Grund des Denkens, verwarf aber die spekulative Mode, die er selbst getauft hatte.
Benjamin Noys
Noys ist der Nachfahre wider Willen, der Kritiker, der den Strang benannte, den er bekämpft. Ohne seinen Vorwurf gäbe es das Wort Akzelerationismus nicht, ein seltener Fall, in dem die Gegnerschaft den Namen stiftet.
Nick Srnicek und Alex Williams
Sie sind die, die den gefährlichsten Gedanken der CCRU nach links wenden wollten, die Beschleunigung ohne Land. Ihr Manifest gab der Linken für einen Moment eine Zukunft zurück, und ihr Rückzug vom Wort zeigt, wie schwer der Gedanke von seiner Herkunft zu trennen ist.
Curtis Yarvin
Yarvin ist der Strang, der zeigt, wohin die antidemokratische Konsequenz führt, wenn niemand sie aufhält. Seine Neoreaktion ist der Beleg, dass die Ideen der CCRU nicht im Seminar bleiben, sondern in der Politik landen. Der Strang Neoreaktion ordnet ihn kritisch ein.