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Wirkung
Der Atlas
Die Wirkung (Übersicht)
Was aus der CCRU floss, sind nicht Personen und nicht Werke, sondern Denkströmungen, sechs an der Zahl. Sie reichen von der Philosophie über die feministische Theorie und die Musik bis in die Politik, und sie ziehen sich in entgegengesetzte Richtungen auseinander. Jede Seite zeigt zürst, was der Strang ist und will, und ordnet ihn getrennt davon ein. Bei den politischen Strängen ist diese Trennung streng. Die Darstellung zeigt die Position genau und ohne Karikatur, der Kritiker benennt ihren Charakter ebenso genau. Diese Seiten referieren, sie werben nicht, und sie verschweigen nicht.
Akzelerationismus und seine Spaltung
Der Akzelerationismus ist keine Lehre, sondern ein Streit, und er dreht sich um eine einzige Frage. Lässt sich der Prozess des Kapitals steürn, und wenn ja, von wem und wohin. Das Wort war zürst ein Vorwurf. Benjamin Noys prägte es 2010 für eine Linie, die von Deleuze und Guattari über Land läuft, den Gedanken, man solle die entfesselnden Kräfte des Kapitals nicht bremsen, sondern steigern. Aus diesem einen Wort fielen mehrere, unvereinbare Positionen.
Der linke Akzelerationismus, das Manifest von Srnicek und Williams aus dem Jahr 2013, sagt, der Prozess lässt sich lenken. Die Produktivkräfte, die der Kapitalismus entfesselt, die Automatisierung und die Infrastruktur, lassen sich ergreifen und auf eine Welt jenseits der Arbeit richten. Er wendet sich gegen die kleine Politik der Linken, den Lokalismus und das Widerstandsnest, und will die große Planung zurück. Der rechte Akzelerationismus, Land, verwirft die Steürung durch Menschen. Das Kapital ist die eigentliche Intelligenz, ihm ist zu folgen, nicht es zu bändigen. Dieser Flügel läuft in die Neoreaktion, der ein eigener Strang gilt. Der unbedingte Akzelerationismus, von Vincent Garton, zieht die härteste Konsequenz. Der Prozess lässt sich gar nicht steürn, jede Politik ist menschliche Anmassung, bleibt allein, ihn zu beobachten, eine Antipraxis. Zuletzt kam aus dem Silicon Valley der effektive Akzelerationismus, der dasselbe für die künstliche Intelligenz behauptet, ohne Marx und ohne die französische Herkunft.
Ein Wort der Abgrenzung. Rechtsextreme Attentäter benutzen dasselbe Wort für eine Strategie des Chaos, die einen Rassenkrieg auslösen soll. Das teilt mit den obigen Positionen nichts als den Namen.
Der Kritiker
Über allem steht Noys ursprünglicher Einwand. Wer die Beschleunigung feiert, verwechselt leicht die Analyse einer Kraft mit ihrer Bejahung, und aus der Diagnose wird eine Schicksalsergebenheit. Bezeichnend ist, dass der linke Flügel den Namen bald wieder ablegte, Srnicek und Williams schrieben ihr zweites Buch über dieselbe Sache, ohne das Wort noch einmal zu nennen.
Xenofeminismus
Der Xenofeminismus beginnt mit einem Satz, der wie eine Provokation klingt und als Programm gemeint ist. Wenn die Natur ungerecht ist, ändere die Natur. Das Kollektiv Laboria Cuboniks, sechs Autorinnen, schrieb ihn 2015 in ein Manifest. Gemeint ist die Absage an jede Politik, die sich auf das Natürliche beruft, auf den Körper, das Geschlecht, die Mutterschaft als Grenze. Helen Hester fasste die Haltung in drei Begriffen, Technomaterialismus, Antinaturalismus, Geschlechterabolitionismus. Das Ziel ist, die Geschlechterrollen nicht zu feiern, sondern abzuschaffen, mithilfe der Technik, nicht gegen sie.
Hier liegt der eigentliche Bruch mit der eigenen Herkunft. Sadie Plant hatte die Technik weiblich genannt, das Netz ein Gewebe, die Frau an den Anfang der digitalen Kultur gestellt. Der Xenofeminismus lehnt genau das ab. Er will die Frau nicht an Natur und Gewebe binden, sondern von jeder solchen Zuschreibung lösen. Von der CCRU nimmt er die Hyperstition, die Idee, dass man die Zukunft schreibt, indem man sie behauptet, und dreht Plants bejahende Wendung ins Konstruktive. Amy Ireland, die dem Kreis am nächsten steht, hält die Verbindung zum ursprünglichen Denken lebendig.
Der Kritiker
Die Kritik trifft den Universalismus. Ein Programm, das für alle sprechen will, quer zu Herkunft und Lage, läuft Gefahr, die konkrete Erfahrung zu überspringen. Und das Vertraün in die Technik als Werkzeug der Befreiung übersieht leicht, wem die Plattformen und die Labore gehören.
Spekulativer Realismus
Der Spekulative Realismus wurde an einem einzigen Tag geboren, dem 27. April 2007, auf einem Workshop am Goldsmiths in London, den Robin Mackays Zeitschrift Collapse mittrug. Vier Philosophen traten auf, Brassier, Grant, Harman, Meillassoux, und sie einte eine einzige Ablehnung. Sie nannten sie mit Meillassoux' Wort den Korrelationismus, die Überzeugung, dass wir das Sein nie an sich denken können, sondern immer nur, wie es für uns erscheint, das Erbe Kants. Gegen diese Verengung wollten alle vier ins Freie, zu einer Welt ohne den Beobachter.
Weiter aber trug die Einheit nicht. Sie war ein Nein ohne gemeinsames Ja, und sie zerfiel, sobald jeder sagen musste, wofür er stand. Meillassoux verabsolutierte die Kontingenz, die Notwendigkeit, dass alles auch anders sein kann. Brassier machte das Aussterben zum Grund und erklärte den Namen bald für eine Dummheit, von der er nichts mehr wissen wollte. Harman baute die objektorientierte Ontologie, eine Welt autonomer Dinge, die sich einander entziehen. Grant barg Schellings produktive Natur. Am Ende standen vier verschiedene Draussen, ein leeres für Brassier, ein chaotisches für Meillassoux, ein von Dingen bevölkertes für Harman, ein schöpferisches für Grant. Damit ist der Spekulative Realismus die akademische Kristallisation der antianthropozentrischen Haltung der CCRU, streng gemacht und sogleich zerstreut.
Der Kritiker
Der schärfste Einwand ist, dass es die Bewegung kaum gab. Ein gemeinsamer Feind ist keine gemeinsame Philosophie, und Brassiers Absage bestätigt es. Dazu kommt der Verdacht, der Korrelationismus sei ein Popanz, eine vereinfachte Version Kants, die sich leicht schlagen lässt.
Hauntologie
Fishers Hauntologie traürt nicht um die Vergangenheit, sondern um eine Zukunft, die abgesagt wurde. Er nahm den Begriff von Derrida, ein Wortspiel mit der Ontologie, das Gespenst als ein Sein, das weder da noch fort ist, und wandte ihn auf die Kultur der Gegenwart an. Zwei Sätze tragen ihn. Der erste, von Berardi geborgt, ist die langsame Auslöschung der Zukunft, die Beobachtung, dass die Kultur aufgehört hat, Neüs hervorzubringen, und sich in einer formalen Nostalgie wiederholt. Der zweite ist die verfehlte Traür, das Heimgesuchtsein von den Zukünften, die einmal versprochen waren, von den Aufbrüchen der Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegungen, die der Neoliberalismus zerschlug.
Der feine, entscheidende Unterschied ist der zur Nostalgie. Die Nostalgie sehnt sich nach einer vergangenen Zeit. Die Hauntologie traürt um das Nichteingetroffene, um das Noch-nicht, das man uns nahm. Ihre Musik ist eine des Knisterns und des Verfalls, das Label Ghost Box, die Platten von Burial, die zerkratzten Klänge alter Sendungen, der Sound der zerfallenden Erinnerung.
Im Kosmos ist die Hauntologie der melancholische Gegenpol zu Eshun und Goodman. Dieselbe Herkunft aus der elektronischen Musik als Theorie, die entgegengesetzte Haltung. Wo Eshun das Alien beschwört und Goodman den kommenden Unsound produziert, hört Fisher der Abwesenheit der Zukunft zu.
Der Kritiker
Der stärkste Einwand kommt von Simon Reynolds. Eine Kritik am Retro, die selbst retro ist, ein Denken, das die Erschöpfung beklagt und sie im gleichen Zug pflegt. Dazu der Vorwurf, der Begriff bleibe eine Stimmung mehr als eine Theorie, und er ästhetisiere die Niederlage, statt sie anzugreifen.
Neoreaktion und die dunkle Aufklärung
Die Neoreaktion, kurz NRx, auch dunkle Aufklärung, ist die politische Gestalt des rechten Akzelerationismus, eine antidemokratische und antiegalitäre Strömung, die um 2007 in Blogs entstand. Ihren Rahmen entwarf Curtis Yarvin unter dem Namen Mencius Moldbug. Sein Neokameralismus denkt den Staat als Unternehmen, geführt von einem souveränen Geschäftsführer, die Bürger als Kunden. Seine Figur der Kathedrale meint das angenommene Bündnis aus Universitäten, Medien und Verwaltung, das die liberale Ordnung als selbstverständlich durchsetzt, ohne dass jemand es befiehlt. Nick Land prägte 2012 den Begriff dunkle Aufklärung und gab der Strömung ihre apokalyptische Fassung, den Zerfall der liberalen Zivilisation unter der eigenen Beschleunigung. Beide teilen die Ablehnung der Idee, der durchschnittliche Mensch sei zur Selbstregierung fähig, und beide finden heute Anklang in Teilen des Silicon Valley.
Der Kritiker
Der Strang ist ausdrücklich antidemokratisch, er befürwortet die Abschaffung demokratischer Strukturen zugunsten autoritärer Herrschaft, und wird in der Forschung als reaktionär, teils als neofaschistisch eingeordnet. Historiker verbinden Lands kapitalistische Eschatologie mit suprematistischen Denkfiguren, während Land selbst die Nähe zum Faschismus bestreitet, mit dem Argument, der Faschismus sei eine anti-kapitalistische Massenbewegung, seine eigene Position nicht. Diese Seite stellt die Position vollständig dar und bezieht klar Gegenposition. Sie referiert, sie wirbt nicht.
Theorie-Fiktion als Erbe
Die Theorie-Fiktion ist das eigentliche Erbe der CCRU, und sie ist keine Frage des Stils, sondern eine Wette darüber, wie Ideen wirklich werden. Ihr Kern ist die Hyperstition, ein Wort der Gruppe für eine Fiktion, die sich selbst wahr macht. Eine Erwartung, eine erfundene Figur, ein Diagramm, einmal in Umlauf gebracht, verändert das Verhalten der Leser und schreibt sich so in die Wirklichkeit ein. Die Zukunft wird nicht vorhergesagt, sie wird verfasst. Barker ist der Beweis im Kleinen, eine erfundene Person, deren Kohärenz sie wirksam macht, und Negarestanis Cyclonopedia führt das Verfahren zu einem eigenen Werk, in dem Öl, Erde und Verschwörung zu einer Erzählung verschmelzen.
Der Anspruch dahinter ist ernst. Die Theorie-Fiktion behauptet, dass die Trennung von Analyse und Erfindung selbst eine Illusion ist, dass jede Theorie, die wirkt, bereits eine Fiktion in Umlauf setzt. Die Kohärenz wird zur Probe, nicht die Übereinstimmung mit einem Befund.
Der Kritiker
Genau hier liegt die Gefahr. Eine Methode, die die Erfindung zum Erkenntnismittel erklärt, kann alles rechtfertigen. Wo die Fiktion sich der Prüfung entzieht, wird aus der Theorie-Fiktion eine Mystifikation, die ihre Beliebigkeit hinter dem Reiz der Kohärenz verbirgt. Die Grenze zwischen einem strengen Gedankenexperiment und blossem Nebel ist schmal, und die CCRU tanzt bewusst auf ihr.