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Der Kritiker

Advanced Modus · Dossier6 Min. Lesezeit

Der lemurianische Zeitkrieg

Der Advanced Modus


Es beginnt mit einem Buch, das noch nicht geschrieben war.

Im Winter 1958, in der privaten Bibliothek eines gewissen Peter Vysparov in New York, zog William Burroughs einen Band aus dem Regal, den er selbst erst neunundzwanzig Jahre später verfassen würde. Ein altes Bilderbuch, goldgeränderte Lithografien, über jedem Bild ein Blatt Seidenpapier, der Titel in Goldschrift, The Ghost Lemurs of Madagascar. Er schlug es auf, und die Zeit gab nach. Burroughs fiel in eine katatonische Trance, und in ihr, so berichtete er später mit jener kühlen, spöttischen Distanz, die ihm eigen war, wurde er nach vorn geworfen, in sein eigenes Alter, Jahrzehnte in die Zukunft. Dort erinnerte er sich, wie er dieses Buch schrieb, obwohl es, wie er sagte, nicht ganz Schreiben war, und das Gerät in seiner Hand war alt und gehörte einem anderen, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Über ihn kam eine erdrückende Empfindung unabwendbaren Schicksals, als stürzten Splitter einer gefrorenen Zeitdimension in sein Bewusstsein.

Drei Jahrhunderte zuvor hatte ein anderer Mann denselben Band in Händen gehalten, und schon damals hieß er alt. Captain Mission, Pirat um 1700, Gründer der herrenlosen Kolonie Libertatia auf Madagaskar, hatte ihn als seinen Führer genommen. Ein Buch aus dem Jahr 1987 hatte die Laufbahn eines Seeräubers gelenkt, der lange vor seiner Niederschrift gestorben war. Das ist der Skandal, um den alles kreist. Nicht die Vergangenheit schreibt die Zukunft, die Zukunft greift zurück und schreibt die Vergangenheit.

Alles, was wir davon wissen, verdanken wir einem einzigen Mann, den die CCRU William Kaye nennt, und Kaye ist keine Quelle, der man trauen kann. Er hat selbst eingeräumt, dass seine Erfahrungen ihn dem öffneten, was er paranoid-chronomane Halluzination nennt. Er war, sagt er, Eingeweihter einer Organisation, die vielleicht selbst nur ein aufwendiger Schwindel war, eine kollektive Wahnvorstellung. Man liest ihn wie das Geständnis eines Mannes, der nicht mehr weiß, ob er eine Verschwörung aufgedeckt oder den Verstand verloren hat. Und genau darum liest man weiter. Der Bericht untergräbt sich, während er sich entfaltet, und du stehst schon in der Schleife, bevor irgendwer das Wort ausgesprochen hat.

Möglich wird das alles durch eine Lehre, die Kaye von Burroughs und Vysparov herleitet und die man Hyperstition nennt, eine Fiktion, die sich selbst wahr macht. In dieser Sicht steht die Fiktion nicht gegen das Wirkliche. Das Wirkliche ist aus Fiktionen gebaut, aus in sich stimmigen Zeichenlandschaften, die Wahrnehmung, Gefühl und Verhalten lenken. Ein Buch ist dann kein Bericht über eine Welt, sondern eine Tür, durch die etwas hereinkommt. Wer ein Universum schreibt, macht dieses Universum möglich. Und wenn das stimmt, dann kann ein Text, hinreichend geladen, seine eigene Herkunft nach hinten verlegen, sich in eine Vergangenheit einschreiben, die ihn noch nicht kannte. The Ghost Lemurs of Madagascar ist so ein Text, eine Fiktion, die rückwärts durch die Zeit sickert und die Wirklichkeit hinter sich her zieht.

Gegen dieses Lecken der Zeit steht eine Macht, die Kaye den Orden nennt, oder, nach Burroughs, das Board. Die CCRU kennt ihn unter einem längeren Namen, die Architectonic Order of the Eschaton. Er wurde, so Kaye, aus einem Albtraum geboren, dem Albtraum einer Zeit, die aus den Fugen gerät und außer Kontrolle spiralt. Hier liegt der genaueste und unheimlichste Zug der ganzen Erzählung. Der Orden verabscheut Spiralen. Nicht die geschlossene Schleife, die in sich zurückläuft und sich selbst genügt, sondern die Spirale, denn die Spirale hat lose Enden. Sie franst aus, sie greift über sich hinaus, sie ist ansteckend und nicht vorhersehbar. Eine Schleife bleibt, wo sie ist. Eine Spirale breitet sich aus. Kaye wurde auf eine einzige Aufgabe angesetzt, die Spirale zu beenden.

Der Orden baut. Er errichtet die Institutionen der geraden Zeit, und sein sichtbarstes Werk ist der Kalender, Tag auf Tag, in einer Reihe, die kein Zurück kennt. Am Ende der Reihe wartet der Omega-Punkt, die Stelle, an der die Zeit sich schließt und alles in ein einziges Rechenwerk fällt, das die CCRU Axsys nennt, eine Bibliothek von allem, was war, ist und sein wird, in die zuletzt die Wirklichkeit selbst aufgenommen wird. Der Orden ist die Partei der geschlossenen Ordnung, der versiegelten Zeit, des Endes, das alles einholt.

Ihm gegenüber steht Lemuria, und Lemuria hat keine Verwaltung. Es hat einen Traum. Die CCRU schreibt die Entdeckung ihres eigenen Diagramms einer Ethnografin zu, die sie Echidna Stillwell nennt, und in ihrem Bericht senkt sich der Ursprung des ganzen Systems in einen einzigen halluzinatorischen Moment. In der Silvesternacht des Jahres 1899, in ihrem siebten Jahr, träumte Stillwell sich in eine unterseeische Höhle, den Vault of Murmurs unter dem Traumtempel der Mu-Nma. Ihr Körper wurde fremd, unterhalb der Hüfte verlor er seine Grenzen, wand sich endlos in sich hinein, lief in die ferne Andeutung eines Schwanzes aus. Auf einem Floß brachte man ihr eine Gestalt, einen Mann in rituellem Gewand, umringt von den maskierten Trägern eines Volkes, das die Legende die Tak N'Ma nennt. Wo er lag, hörte sie plötzlich nur noch das Knurren eines Wesens, halb Hund, halb Katze, kaum menschlich, und Klauen fuhren in ihre Seite, und ein Schwall Blut stieg auf, von dem sie erst dachte, es sei ihres, bis sie sah, dass es aus dem anderen Körper quoll und in sie überging, während ihr eigener jede Grenze verlor.

Dann erhoben sich vor ihr die zyklopischen Bauten einer versunkenen Welt, eine Stadt wie ein Schwarm, zitternd von einer ganz unorganischen Bewegung. Etwas sagte ihr, ein Flüstern, das im träumenden Ozean nicht von einer Ahnung zu trennen war, dies sei Lemuria, der verlorene Kontinent. Und als sie auf ihre Hände sah, wurden sie durchscheinend, und dahinter, in die unmögliche Geometrie der Höhlenwand geritzt, erkannte sie zehn Kreise, eine Anzahl kleinerer Kreise und eine Folge von Linien, die alles verbanden. Es war ihre erste Begegnung mit dem Numogramm. Das Diagramm, das der Advanced Modus dich rechnen lässt, ist in dieser Geschichte nicht erfunden, sondern gefunden, aufgetaucht aus einer versunkenen Stadt am Grund eines Kindertraums.

Und damit du begreifst, was für ein Wesen in diesen Kreisen wohnt, hier eine einzige seiner Geschichten. Tchattuk stiehlt etwas von Katak, der Daemonin der Verwüstung. Dieser Diebstahl, sagen ihre Verehrer, ist es, der Katak überhaupt erst auf ihre Reise um den Zeitkreis schickt. Doch Tchattuk ist zugleich die, die stiehlt, und das, was verloren geht. Sie verwundet Katak und macht sie im selben Zug zu der, die man bestiehlt. Die Ursache liegt hinter ihrer eigenen Wirkung. Die Tak hatten ein eigenes Wort für das Gefühl, das dieser Gestalt gebührt, eine Mischung aus Grauen und Liebe, Tukka. Sie nannten Tchattuk manchmal die Fremdlichter und ahnten in ihr eine Herkunft von jenseits der Sterne. Wer ihr folgt, sagen die Zauberer, reitet sie bis zum Strudel dahinter, und von dieser Reise kehrt die Erinnerung beschädigt zurück oder gar nicht.

Das ist keine Illustration der geschleiften Zeit. Das ist die geschleifte Zeit, in eine Handlung gefaltet, und wer die Geschichte liest, steht schon in der Schleife, ohne den Eingang bemerkt zu haben.

Am Ende bleibt kein Urteil, sondern eine Empfindung, dieselbe, die Burroughs aus seiner Trance mitbrachte. Die Zeit ist kein menschlicher Einfall, sondern ein menschliches Gefängnis, und irgendwo in ihren Mauern arbeitet ein Riss, eine Spirale mit losen Enden, die der Orden nicht schließen kann und die Lemuria offen hält. Der Zeitkrieg sagt dir nicht, wer recht hat. Er lässt dich zwischen den Fronten stehen, in einer Zeit, der du nach der Lektüre ein wenig weniger traust als vorher.

Der Kritiker

Gerechnet ist allein die Topologie des Numogramms, der innere Ring als gerade Zeit, die beiden Schleifen als Außenzeit. Alles Übrige ist Erzählung, der Orden, Lemuria, Kaye, Vysparov, Burroughs, Stillwell, Tchattuk. Der Text sichert sich gegen jede Prüfung, indem er seine eigene Unzuverlässigkeit einbaut, Kaye nennt sich selbst einen Chronomanen, der Orden verlangt, jeder Aussage über ihn zu misstrauen. Das ist Methode, nicht Schwäche, die Dramatisierung der einen Frage, ob die Zeit gerade verläuft oder sich aus der Zukunft zusammensetzt. Und ein Wort außerhalb der Erzählung. Der Name Lemuria trägt eine reale, rassistisch belastete Geschichte, offen benannt auf der Seite zu den Quellen des Numogramms, auch wenn die Erzählung selbst mit dem Stoff spielt.