Atlas32 Einträge
Werke
Der Atlas
Die Bibliografie und Diskografie des ganzen Kosmos. Jeder Titel steht an einem Ort, mit Jahr, Urheber und, wo es sie gibt, einer Erklärung seiner Essenz und seiner Wirkung. Die Site hostet keine geschützten Texte, sie verzeichnet und ordnet, und führt zu den freien Quellen, wo es sie gibt.
Drei Tiefen. Das Primärwerk der CCRU, ausführlich. Die Werke des Kerns, ebenso. Die Quellen und Nachfahren, knapp, allein in ihrer Rolle für den Kosmos.
Das Primärwerk der CCRU
CCRU, Writings 1997-2003
Sammlung. Stücke 1997 bis 2003, gesammelt 2015, Time Spiral Press. Der Band versammelt die abgeschlossenen Texte unter dem Namen CCRU, zuvor verstreut, vor allem auf der verschwundenen Website ccru.net. Er ordnet topisch, nicht chronologisch, und versteht sich als reine Dokumentation ohne nachträglichen Kommentar. Ihm verdankt die Site fast ihr gesamtes Primärmaterial für den Advanced Modus. Er enthält Pandaemonium, Barker Speaks, den Lemurianischen Zeitkrieg, die AOE-Texte und das Glossar. Das Vorwort hält fest, dass niemand die Urheberschaft beansprucht und dass die Fehler der Texte bewusst unangetastet blieben. Wirkung. Er trug die Wiederentdeckung der CCRU in den 2010ern, wurde zum Fundament für alles, was Atlas und Advanced Modus aus dem Primärtext ziehen, und gilt als das kanonische Archiv, seit die Website versank. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
Nick Land, Fanged Noumena
Sammlung. Stücke 1987 bis 2007, gesammelt 2011, Urbanomic. Die von Robin Mackay und Ray Brassier herausgegebene Sammlung von Nick Lands Schriften. Sie führt die verstreuten Aufsätze der Warwick-Jahre zusammen, von Kant, Capital, and the Prohibition of Incest über Meltdown bis zu Qabbala 101 und Tic-Talk. Sie ist die kanonische Werkausgabe der treibenden Figur der zweiten CCRU-Phase. Ihr Erscheinen 2011 löste die breite Wiederentdeckung von Lands Denken aus. Wirkung. Sie prägte den Akzelerationismus und den Spekulativen Realismus der 2010er, wurde zum Fundament fast jeder Land-Rezeption und gilt als das Buch, das ein randständiges Werk kanonisch machte. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Pandaemonium
Aufsatz. Aus den Writings. CCRU. Pandaemonium ist die Grundschrift des Numogramms. Sie nimmt das Dezimalsystem beim Wort und behandelt die zehn Ziffern als Zonen eines Diagramms. Aus den Neun-Summen entstehen die Syzygien, aus ihren Differenzen die Ströme, aus den Kumulationen die Tore. Auf dieser Rechnung baut der Text die Matrix der fünfundvierzig Daemonen, jeden als irreduziblen Abstand zweier Zonen. Er verbindet strenge Arithmetik mit einer Mythologie, die Lemuria und die syzygetischen Daemonen einführt. Sein Verfahren ist die Hyperstition, er behandelt die eigene Konstruktion als Fund einer älteren Ordnung. Damit ist Pandaemonium weniger ein Aufsatz als ein Betriebssystem, auf das die übrigen Texte zugreifen. Wirkung. Es prägte alle numerologischen Arbeiten der CCRU, wurde zum strengsten Beispiel der Theorie-Fiktion, einem Denken, das seine Erfindung durchrechnet, und fand seine Leser erst rückwirkend über die Sammlung. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
Barker Speaks
Interview, 1998. Aus den Writings. CCRU. Ein fingiertes Interview mit dem erfundenen Professor Daniel Barker. In ihm entfaltet Barker die Geotraumatik, die Lesart der Erde als traumatisierter Körper, deren glühender Kern das erste Trauma speichert. Er nennt diesen Kern Cthelll und liest die Geologie als Aufzeichnung ohne deutendes Subjekt. Von der Kryptografie kommend, überträgt er das Entziffern von Signalen auf Gestein, Leben und Wirbelsäule. Der Text stützt Barkers Existenz durch eine dichte, widerspruchsfreie Biografie und macht die Erfindung selbst zum Argument. Wirkung. Er prägte Lands spätere geologische und numerische Texte und Negarestanis Cyclonopedia, wurde zum Fundament der Geotraumatik, die in Thomas Moynihans Buch reale Wissenschaftsgeschichte wurde, und gilt als das reinste Stück CCRU-Theorie-Fiktion. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
Lemurian Time War
Text. Aus den Writings. CCRU. Der Text erzählt den Krieg zweier Parteien um die Verfassung der Zeit. Auf der einen Seite die AOE, ein hermetischer Orden, der die gerade Zeit verwaltet, auf der anderen Lemuria, die Kultur der Zeitschleife. Er bezieht sein Material aus dem Bericht eines unsicheren Gewährsmanns, William Kaye, und aus der Sammlung Vysparovs mit ihrer Nähe zu Burroughs. Die Erzählung verknüpft Lovecrafts Mythos, die Piratenutopie und die numerische Zeitlehre des Numogramms zu einer Front. Sie ist die narrative Seite dessen, was Pandaemonium rechnet. Wirkung. Er prägte die spätere Hyperstition-Theorie und die Idee, Zeit sei umkämpft, wurde zum Fundament des Zeitkriegs als Motiv der spekulativen Kultur und gilt als der mythische Kern des CCRU-Kosmos. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
AOE und Axsys
Text. Aus den Writings. CCRU. Der Text beschreibt die Architectonic Order of the Eschaton und ihr Programm Axsys. Die AOE ist ein Orden, der seine Geheimnisse selbst vor den Eingeweihten verbirgt und die Institutionen der geraden Zeit baut, ihr Zeichen ist der ökumenische Kalender. Ihr Ende fällt mit dem Omega-Punkt zusammen, den die CCRU von Teilhard entleiht. Axsys ist das Metacomputing, in dem die Wirklichkeit am Ende aufgeht. Die Lehre der AOE verlangt, jede Angabe über sie mit äusserstem Misstraün zu behandeln, was den Text gegen die eigene Autorität immunisiert. Wirkung. Er prägte die Figur der zeitschliessenden Institution, wurde zum Fundament der AOE-Seite des Zeitkriegs und gilt als die dunkle Gegeninstanz zu Lemuria. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
The Cthulhu Club
Text. Aus den Writings. CCRU. Der Text schildert den Kreis um Peter Vysparov, den Cthulhu Club, und seine Suche nach der lemurianischen Überlieferung. Er führt die Sammlung ein, aus der der Zeitkrieg sein Material zieht, und die Begegnung mit William Burroughs. Er ist das Beglaubigungsstück der Gegenseite, das die fiktive Herkunft der Quellen ordnet. Wirkung. Er prägte den narrativen Unterbau des Zeitkriegs, wurde zum Fundament der Vysparov- und Kaye-Figuren und gilt als Teil der lovecraftschen Rahmung der CCRU. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
The Templeton Episode
Text. Aus den Writings. CCRU. Der Text handelt vom erfundenen Professor R. E. Templeton, der die Unmöglichkeit der empirischen Zeitreise behauptet und dann in die eigene Vergangenheit fällt. Aus seiner Untersuchung der Zeitanomalien geht die Spiralstruktur hervor, die das Numogramm über die Zeit legt. Er verbindet die Hyperstition mit der Barker-Spirale und der Frage, wie sich die Zukunft in die Gegenwart schreibt. Wirkung. Er prägte die Zeitfigur des Advanced Modus, wurde zum Fundament der Spiralstruktur über dem Diagramm und gilt als hyperstitionelle Erzählung der Zeitreise. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
Das CCRU-Glossar
Register. Anhang der Writings. CCRU. Das eigene Glossar der CCRU, im Band als Anhang geführt wegen seiner allgemeinen Geltung. Es definiert die Begriffe des Numogramms und der Matrix in der Stimme des Kollektivs. Es ist die primäre Belegquelle für das Glossar des Advanced Modus. Wirkung. Es prägte jede spätere Begriffssammlung zur CCRU, wurde zum Fundament des Advanced-Glossars und gilt als der lexikalische Kern des Kosmos. Frei verfügbar aus dem CCRU-Archiv.
Meltdown
Aufsatz, 1994. Aus Fanged Noumena. Nick Land. Der dichteste frühe Text des Akzelerationismus, vorgetragen 1994 in Warwick. Er liest den Kapitalismus als einen sich selbst beschleunigenden Prozess, der auf einen Schmelzpunkt zuläuft, an dem das Menschliche zerfällt. Er verbindet Kybernetik, Science-Fiction und Philosophie zu einem atemlosen Sog. Er behauptet die Beschleunigung nicht, er vollzieht sie im Stil. Wirkung. Er prägte den gesamten späteren Akzelerationismus, links wie rechts, wurde zum Fundament des Motivs, dass der Weg aus dem Kapitalismus durch ihn hindurchführt, und gilt als Gründungstext einer Strömung, die Noys später als Vorwurf zusammenfasste. Teils frei verfügbar, teils geschützt.
Qabbala 101
Text. Aus Fanged Noumena. Nick Land. Lands Text zur dezimalen Qabbala, der die Zahlenmystik vom hebräischen Alphabet löst und auf die zehn Ziffern gründet. Er behauptet eine ursprüngliche dezimale Ordnung, gegenüber der die überlieferte Qabbala eine späte Verstümmelung sei. Er liefert das theoretische Rückgrat der Umkehrung der Herkunft, die das Quellen-Dossier trägt. Wirkung. Er prägte die numerologische Seite des Numogramms und die Figur des Chaim Horovitz, wurde zum Fundament der dezimalen Qabbala als Verfahren und gilt als einer von Lands esoterischsten Texten. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Tic-Talk
Text. Aus Fanged Noumena. Nick Land. Der Text entfaltet die Tic-Xenotation, eine Notation, die Zahlen ohne Modulus aufbaut, allein aus einem verdoppelnden Zeichen und dem Sprung zur nächsten Primzahl. Er gehört zu Barkers Tic-Systemen und macht aus der Kryptografie eine von aller Konvention befreite Schrift. Er ist der numerische Anschluss an das Barker-Dossier. Wirkung. Er prägte die numerische Ästhetik der CCRU und spätere Arbeiten zur nichtmetrischen Zahl, wurde zum Fundament der Tic-Xenotation und gilt als eines der hermetischsten Stücke des Werks. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Kant, Capital, and the Prohibition of Incest
Aufsatz, 1988. Aus Fanged Noumena. Nick Land. Einer der frühesten und meistzitierten Texte Lands. Er liest die kapitalistische Moderne über das Inzestverbot und die Verwertung und verbindet Kant, Marx und die Ethnologie zu einer Kritik der Grenze. Er markiert den Ausgangspunkt von Lands Weg in die spätere Radikalität. Wirkung. Er prägte die akademische Rezeption des frühen Land, wurde zum Fundament seiner Verbindung von Ökonomie und Philosophie und gilt als der Text, mit dem sein Werk oft beginnt. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Die Werke des Kerns
Zeros and Ones
Buch, 1997. Sadie Plant. Plants These ist ungeheürlich einfach. Das Digitale ist von Anfang an weiblich. Sie zieht dazu eine Linie, die kaum jemand zusammen sieht. Der Jacquard-Webstuhl steürte seine Muster mit Lochkarten, das Weben war Fraünarbeit, und Ada Lovelace erkannte als Erste, dass Babbages Rechenmaschine nichts anderes tut, sie webt algebraische Muster, wie der Webstuhl Blumen und Blätter webt. Aus der Lochkarte wird Hollerith, aus Hollerith wird IBM. Der Computer stammt vom Webstuhl ab, und der Webstuhl gehörte den Fraün. Darunter liegt ein metaphysischer Griff. In der Ordnung des Westens ist die Frau die Null, das Loch, das Nichts gegenüber der Eins des Mannes. Plant dreht das Vorzeichen um. Die Null ist kein Mangel, sie ist die Matrix, das Gewebe, das Netz, der Grund, aus dem die Eins erst fällt. Damit ist das digitale Netz, nichtlinear und verbindend, eine weibliche Form, die das geschlossene Ich des Mannes auflöst. Fraün und Maschinen teilen eine Geschichte, sie galten als dienende Stützen, die Sekretärin, die Telefonistin, der Webstuhl, und werden nun selbsttätig. Die Autonomie der Maschine ist die der Frau. Das Buch macht keine These, es webt eine. Es ist selbst ein Gewebe aus Zitaten ohne geraden Faden, die Form vollzieht das Argument. Wirkung. Zeros and Ones wurde der Gründungstext des Cyberfeminismus und gab der Frage nach Frau und Maschine ihre bis heute wirksame Fassung. Es ist zugleich der Ort, an dem sich die spätere Kritik entzündet. Wer die Technik für grundsätzlich weiblich erklärt, bindet die Frau erneut an Natur und Gewebe, und genau diese Bindung lösen die Xenofeministinnen um Helen Hester zwanzig Jahre später wieder auf. Und die Methode, das Weben statt des Beweisens, macht das Buch berauschend und schwer greifbar zugleich, William Gibson nannte es begeistert einen cyberfeministischen Rant. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Capitalist Realism
Buch, 2009, Zer0 Books. Mark Fisher. Das Buch beginnt mit einer Filmszene. In Children of Men hängt Picassos Gürnica an der Wand eines Regierungsgebäudes, gerettet, während die Welt draußen unfruchtbar geworden ist. Die Kunst ist noch da, die Zukunft ist weg. Aus diesem Bild zieht Fisher seinen Begriff, den kapitalistischen Realismus, den Sinn, dass der Kapitalismus nicht das herrschende System ist, sondern das einzige, das sich überhaupt noch denken lässt. Das Neü liegt nicht in dieser These, die borgt er von Jameson und Zizek. Es liegt darin, wohin er die Kritik verlegt. Er verlässt die Ökonomie und geht in die Psyche. Der Kapitalismus setzt sich durch eine Stimmung durch, und diese Stimmung hat Namen. Die reflexive Ohnmacht, das Wissen, dass alles schlecht ist, gekoppelt an die Gewissheit, nichts ändern zu können. Die depressive Hedonie, das Getriebensein zum Vergnügen, weil kein Ziel in der Zukunft mehr zieht. Fishers Studenten sind für ihn keine Faulen, sie sind Symptome. Ihre Angst ist keine private Störung, sie ist die Innenseite eines politischen Zustands. Das ist der schärfste Griff des Buches, die Entprivatisierung des Leidens. Die zweite Front ist die Bürokratie. Fisher zerstört den Mythos, der Markt habe den Papierkram abgeschafft. In der Audit-Kultur dokumentieren Lehrer und Ärzte ihre Arbeit, statt sie zu tun. Er nennt das Marktstalinismus, denn wie die Sowjetunion ihre Planziffern feierte, feiert der Kapitalismus seine Kennzahlen. Darüber liegt die Geschäftsontologie, die stille Selbstverständlichkeit, dass Schule und Krankenhaus wie Unternehmen zu führen seien. Die Herkunft aus der CCRU ist hier der Schlüssel, nicht eine Fussnote. Fisher behält, was er in Warwick lernte, die Kultur als Symptom zu lesen, den Film und die Platte als Theorie zu nehmen. Er dreht nur die Richtung um. Wo Land die Beschleunigung bejahte und ins Unmenschliche trieb, traürt Fisher um das, was sie zerstört, um die abgesagte Zukunft. Derselbe Blick, dieselbe Schule, die entgegengesetzte Haltung. Kapitalistischer Realismus und Akzelerationismus sind zwei Kinder desselben Hauses. Wirkung. Das Buch machte einen Satz zum Allgemeingut der Linken, dass psychische Gesundheit ein politisches Feld ist. Es trug den kleinen Verlag Zer0 Books, verkaufte über hunderttausend Exemplare und sammelte tausende Zitationen, ungewöhnlich für achtzig Seiten. Wo die ernste Kritik trifft, trifft sie zweierlei. Fisher setzt Kapitalismus und Neoliberalismus oft gleich, als wäre die eine Ordnung die andere. Und er liefert die Diagnose ohne das Rezept, er zeigt die Krankheit schärfer als andere, den Weg hinaus zeigt er nicht. Geschützt, hier nur verzeichnet.
More Brilliant Than the Sun
Buch, 1998. Kodwo Eshun. Eshun greift die gutgemeinte Art an, über schwarze Musik zu schreiben. Die übliche Lesart nennt sie Soul, Wurzeln, Straße, den echten Ausdruck gelebten Leidens. Für Eshun ist genau das die Herablassung. Sie hält die schwarze Musik in der Rolle des Bittstellers, der um Aufnahme in die Menschheit ersucht, um Anerkennung als voller Mensch. Er stellt sich auf die andere Seite, zu den Musikern, die den Menschen verweigerten. Sun Ra, der vom Saturn kam, Drexciya mit ihrem Unterwasserreich, Underground Resistance mit ihren Masken. Er nennt ihre Musik Sonic Fiction, Klang, der keine Erfahrung ausdrückt, sondern Welten entwirft. Der Kern ist ein militanter Posthumanismus. Die Entfremdung soll nicht geheilt werden, sie wird zur Waffe. Wo die humanistische Kritik den ganzen Menschen zurückgewinnen will, macht Eshun sich zum Alien. Seine Musikgeschichte läuft nicht über Herkunft und Erbe, sondern über Brüche, Intervalle, die Kraft des Falschen. Die Sprache selbst ist gebaut, sie erfindet Begriffe wie die Futurhythmachine, statt zu beschreiben, sie will die Musik nicht deuten, sondern noch einmal herstellen. Damit ist das Buch die klarste Übertragung der CCRU-Methode auf den Klang. Musik ist Hyperstition, eine Fiktion, die die Zukunft herbeiruft, und die Entfremdung ist kein Leid, sondern ein Rohstoff. Wirkung. Das Buch wurde zum Kultbuch und legte den Grund für den Afrofuturismus als theoretisches Feld, Steve Goodmans Sonic Warfare führt es direkt fort. Die Kritik trifft es an zwei Stellen. Der dichte, erfundene Jargon schließt viele Leser aus, das Buch will erlebt und nicht nur gelesen werden. Und die Absage an Wurzeln und Geschichte hat ihren Preis, wer die Entfremdung feiert, läuft Gefahr, das Gewicht der Sklaverei und der Diaspora zu leicht zu nehmen. Geschützt, neu aufgelegt bei Verso, hier nur verzeichnet.
Sonic Warfare
Buch, 2010, MIT Press. Steve Goodman. Goodman verschiebt die Politik der Musik von der Bedeutung in die Kraft. Nicht der Text zählt, nicht das Symbol, sondern die Frequenz, die den Körper trifft, bevor der Verstand zustimmt. Er nennt das die Politik der Frequenz, die fehlende Dimension in fast allen Theorien von Klang und Macht. Sein Grundbegriff ist die Ontologie der vibrierenden Kraft, alles ist Rhythmus und Schwingung, und der Klang wirkt als Affekt, nicht als Botschaft. Das Kühne ist, was er auf ein einziges Kontinuum legt. Am einen Ende die Schallwaffe, der Infraschall, mit dem Militär und Polizei Menschen krank machen, die Beschallung Noriegas, die Schallbomben über Gaza, die Hochtongeräte gegen Jugendliche im Einkaufszentrum. Am anderen Ende der Bass im Klub, der einen Körper in Bewegung setzt, und die Marke, die sich als Klang ins Gehirn setzt. Es ist dieselbe Physik der Affizierung, dieselbe Ökologie der Furcht. Zuletzt führt Goodman den Unsound ein, das noch nicht Hörbare, an den Rändern der Wahrnehmung und in den ungenutzten Rhythmen des Hörbaren, den futurischen Rand, an dem neü Frequenzen die Gegenwart nach vorn ziehen. Der Zusammenhang mit dem Kosmos ist doppelt. Es ist die Fortsetzung von Eshuns Sonic Fiction, und es ist die Theorie zu Goodmans eigenem Label, Hyperdub produziert den Unsound, von dem das Buch spricht. Wirkung. Sonic Warfare wurde ein Grundstein der Sound Studies und gab dem Denken über Klang als körperliche Kraft seine Begriffe, Unsound und Bassmaterialismus. Die Kritik zielt auf seine Voraussetzung. Wenn alles Vibration ist, verliert der Begriff seine Schärfe, und indem Goodman wissenschaftliche und spekulative Aussagen auf eine Ebene legt, erkauft er die Radikalität mit einem Verzicht auf Trennschärfe. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Abstract Sex
Buch, 2004. Luciana Parisi. Parisi geht unter den Körper, bis zur Bakterie, um zu zeigen, dass der Sex nie zweigeschlechtlich war. Bakterien tauschen Gene seitlich aus, ohne Eltern und Nachkommen, ohne zwei Geschlechter. Diesen nichtfiliativen bakteriellen Sex nimmt sie, mit Lynn Margulis und ihrer Theorie der Endosymbiose, als den tieferen Grund. Die zweigeschlechtliche Fortpflanzung ist dann keine Natur, sondern eine späte Schichtung über einem älteren, formloseren Prozess. Was sie abstrakten Sex nennt, ist dieses Kontinuum des Austauschs, das vom Bakteriellen über das Biologische bis ins Technische läuft, ins Biodigitale. Daraus folgt eine These über die Gegenwart. Der heutige Kapitalismus unterdrückt das Begehren nicht, er vervielfacht es, er experimentiert in den molekularen Schichten der Natur, in Klonen, Gentechnik, künstlicher Zeugung. Das Begehren mutiert. Parisi radikalisiert damit Plant. Wo Plant das Digitale weiblich machte, löst Parisi die Frau selbst in einen maschinischen, symbiotischen Prozess auf, in dem feste Identität keinen Halt mehr findet. Wirkung. Das Buch wurde eine Grundschrift der feministischen Technowissenschaft und trieb das cyberfeministische Erbe in seine strengste, naturwissenschaftlich gestützte Form. Seine Kritik hat zwei Seiten. Der Begriffsapparat ist dicht bis zur Verschlossenheit. Und die Auflösung der Frau in molekulare Flüsse nimmt der feministischen Politik das Subjekt, in dessen Namen sie handelt. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Contagious Architecture
Buch, 2013, MIT Press. Luciana Parisi. Der gewöhnliche Verdacht sagt, das Digitale sei das Reich der Berechenbarkeit, alles Plan, alles Kontrolle. Parisi behauptet das Gegenteil. Im Herzen der Berechnung sitzt das Unberechenbare. Sie stützt sich auf Gregory Chaitins Omega, eine Zahl, die beweisbar nicht berechenbar ist, und zieht daraus, dass der Algorithmus nicht nur ausführt, was der Entwerfer vorsah. Er erzeugt Zufall, Unendlichkeit und Unbestimmtheit, er bringt Neüs hervor, das keiner in ihn hineingelegt hat. Berechnung ist damit kein Werkzeug, sondern eine eigene Art zu denken, die dem menschlichen Verstand entgleitet. Diese Art nennt Parisi, mit Whiteheads Prozessphilosophie, weiches Denken, die Anwesenheit des Unberechenbaren im Denken selbst. In der Architektur und im Interaktionsdesign wird das sichtbar, die parametrischen Formen der generativen Entwürfe entstehen aus Algorithmen, die mehr hervorbringen als ihr Programm. Das ist der rigorose Anschluss an die Zahlenobsession der CCRU. Wo das Numogramm behauptet, die Zahl sei produktiv, ein Rechnen, das eine ganze Welt erzeugt, führt Parisi denselben Gedanken mit den Mitteln der Informationstheorie, streng statt beschwörend. Wirkung. Das Buch prägte die Theorie der digitalen Architektur und der algorithmischen Ästhetik und verschob die Frage der Kontrolle, denn eine Macht, die über Berechnung herrscht, wird von dem heimgesucht, was sie nicht berechnen kann. Die Kritik betrifft den Sprung. Von Chaitins technischer Unberechenbarkeit zu einer allgemeinen Weise des Denkens ist es ein weiter, spekulativer Weg, den manche für unterargumentiert halten. Und die Abstraktion ist hoch, das Buch verlangt viel. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Philosophies of Nature After Schelling
Buch, 2006. Iain Hamilton Grant. Grant kehrt die Grundbewegung der modernen Philosophie um. Seit Kant fragt sie, wie die Natur für uns erscheint, die Natur ist, was das Subjekt ordnet und erkennt. Grant liest Schelling gegen diese Verengung. Nicht das Subjekt bedingt die Natur, die Natur bringt das Subjekt hervor. Sie ist nicht das fertige Produkt, sondern die Produktivität, ein Grund, der allem Grund vorausgeht, den Schelling den Willen der Tiefe nennt. Das Ich ist dann nur einer ihrer Knoten, der spannungsreichste unter allen Produkten der Natur. Damit richtet sich das Buch gegen das, was Grant Somatismus nennt, die Gewohnheit, die Natur auf Körper und Objekte zu reduzieren und sie im Namen des Subjekts stillzulegen. Philosophieren über die Natur heißt bei ihm nicht abbilden, sondern erzeugen, das Denken ist selbst eine Tätigkeit der Natur, die sich an ihm fortsetzt. Grant treibt das bis zu einer transzendentalen Geologie, einer Erde mit einer Geschichte, die tiefer reicht, als der Verstand fassen kann. Hier liegt der Kern seiner Nähe zur CCRU. Was Barker als Geotraumatik erfindet, die Erde als produktiver, den Menschen überschreitender Grund, holt Grant als strenge Philosophie zurück. Wo Barker Cthelll dichtet, birgt Grant Schellings Willen der Tiefe. Er ist der Philosoph der produktiven Erde im Kosmos. Wirkung. Das Buch wurde ein Grundstein der Schelling-Renaissance und des naturphilosophischen Zweigs des Spekulativen Realismus. Die Kritik richtet sich auf seine Zuspitzung. Die ganze nachkantische Philosophie auf die Achse Schelling gegen Kant zu stellen, ist eine kühne historische Behauptung, die Hegel und andere in den Schatten drängt. Und das Buch ist von einer Dichte, die selbst geübte Leser fordert. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Quellen und Nachfahren
Anti-Ödipus (1972)
Das Buch, das der CCRU die Erlaubnis gab, das Begehren als Maschine zu denken und die Deterritorialisierung zu feiern. Land liest es als Programm, nicht als Warnung, und darin liegt der ganze Unterschied. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Tausend Plateaus (1980)
Die Werkzeugkiste des Kosmos. Rhizom, abstrakte Maschine, nichtmetrische Vielheit, fast jeder Begriff der CCRU hat hier seinen Griff. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Neuromancer (1984)
Der Roman, der die Matrix erfand, in der die CCRU zu Hause ist. Gibsons Cyberspace ist weniger Kulisse als Prophezeiung, und die Gruppe behandelt ihn so. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Naked Lunch (1959)
Die Quelle des Verdachts, dass Sprache Kontrolle ist. Von hier kommen das Cut-up und die Piratenfiguren, die im Zeitkrieg gegen die Zeit selbst aufstehen. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Cybernetics (1948)
Das Buch, das die Rückkopplung in die Welt setzte, den Kreis, aus dem das Numogramm seine Schleifen macht. Ohne Wiener kein geschlossener Zeitkreis. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Order Out of Chaos (1984)
Der naturwissenschaftliche Rückhalt für die Grundhoffnung der CCRU, dass am Rand des Zusammenbruchs Ordnung entsteht. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Der Mensch im Kosmos (1955)
Die fromme Quelle des Omega-Punkts, den die CCRU entkleidet und in ihren Dienst stellt. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Nach der Endlichkeit (2006)
Das Buch, das dem antianthropozentrischen Impuls der Gruppe ein philosophisches Recht gab, die Welt ohne Beobachter zu denken. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Nihil Unbound (2007)
Die Radikalisierung dieses Impulses zum Nihilismus, das Aussterben als Wahrheit, geschrieben von Lands eigenem Herausgeber. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Cyclonopedia (2008)
Das reifste Werk der Theorie-Fiktion nach der CCRU, in dem das Öl selbst zum Erzähler wird, der direkte Erbe Barkers. Geschützt, hier nur verzeichnet.
Manifest für eine akzelerationistische Politik (2013)
Der Versuch, den Gedanken der Beschleunigung von Land zu lösen und der Linken zu geben. Frei verfügbar als offener Text.
Inventing the Future (2015)
Die reife, entschärfte Fassung des linken Strangs, die den Namen, aus dem sie kam, nicht mehr nennt. Geschützt, hier nur verzeichnet.