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Der Kritiker

Advanced Modus · Dossier2 Min. Lesezeit

Die Quellen des Numogramms

Der Advanced Modus


Jedes große System beruft sich auf ein Alter. Das Numogramm beruft sich auf den Anfang. Es behauptet nicht, aus den alten Lehren zu stammen, es behauptet, ihr Ursprung zu sein.

Man sieht die Verwandtschaft leicht. Der kabbalistische Lebensbaum trägt zehn Sephiroth wie das Numogramm zehn Zonen. Die Gematrie hält, wie das ganze System, die Zahl für Substanz und nicht für ein bloßes Zeichen. Die naheliegende Geschichte wäre, das Diagramm sei ein später Ableger dieser Traditionen. Die CCRU dreht sie um. In ihren Papieren fördert eine erfundene Gestalt namens Chaim Horovitz aus einem Mu-Archiv in Tibet eine ursprüngliche dezimale Qabbala zutage, gegenüber der die späte, buchstabengebundene Qabbala der judäo-christlichen Überlieferung nur ein verstümmeltes Überbleibsel sei. Nicht das Numogramm stammt aus der Kabbala, sagt die CCRU, die Kabbala ist eine verwürfelte Erinnerung an das Numogramm. Beweisen lässt sich das nicht, und darum geht es nicht. Der Zug hebt das System aus der Geschichte heraus und stellt es vor seine eigenen Quellen. Das ist die Theorie-Fiktion, angewandt auf die eigene Geburt.

Ein Boden aber trägt wirklich, und es ist kein geliehener, sondern der eigene. Die sechs Zonen des inneren Rings bilden, wenn man fortgesetzt verdoppelt, einen geschlossenen Zyklus, eins, zwei, vier, acht, sieben, fünf und zurück zur eins. Das ist keine Behauptung über fremde Systeme, das ist die reine Arithmetik des Time-Circuit, prüfbar mit einem Bleistift. Die CCRU nennt genau diesen inneren Ring den Zahlenbereich des I Ging, und darin liegt der einzige Anschluss an eine alte Lehre, der nicht bloß behauptet, sondern gerechnet ist. Alles Mythische am Numogramm ruht auf dieser kleinen, harten Rechnung.

Der Rest ist dunkler Stoff, mit Absicht gewählt. Die CCRU greift nach dem Aufgeladenen, nach Lovecrafts erfundenen Kulten, nach der Hermetik in der Linie Aleister Crowleys, und vor allem nach dem Namen Lemuria, dem versunkenen Kontinent, der ihre ganze Mythologie trägt. Sie nimmt dieses Material, weil es finster und beladen ist, nicht weil es stimmt. Und beladen ist es wirklich.

Der Kritiker

Hier gehört die Wertung ausgesprochen, offen. Die Umkehrung der Herkunft ist eine rhetorische Setzung, kein Beweis, sie stellt das Numogramm an den Anfang, ohne es zu können. Das Einzige, was über die Behauptung hinausreicht, ist die interne Arithmetik, der Verdopplungszyklus des inneren Rings, den die CCRU den Zahlenbereich des I Ging nennt, und der trägt, weil er gerechnet ist, nicht weil er alt ist. Weitergehende Anschlüsse an das I Ging oder die Kabbala, wie sie in Sekundärtexten oft behauptet werden, sind Korrespondenzen, keine bewiesenen Identitäten, und sollten so gelesen werden. Der Stoff selbst ist gemischt und teils vergiftet. Der Name Lemuria trägt eine reale, rassistische Geschichte, die niemand verschweigen darf. Er stammt vom Zoologen Philip Sclater, der 1864 einen versunkenen Kontinent annahm, um die Verbreitung der Lemuren zu erklären. Ernst Haeckel machte daraus die Wiege der Menschheit, und Helena Blavatskys Theosophie machte daraus die Heimat einer dritten Wurzelrasse, einer pseudowissenschaftlichen Lehre, deren Stufung der Menschheit in höhere und niedere Rassen zutiefst rassistisch ist. Über Lovecraft und die Theosophie fand dieses Material zur CCRU. Sie weiß um seine Herkunft und spielt bewusst mit dem geladenen Stoff. Diese Seite nennt die Herkunft offen, sie übernimmt sie nicht. Genau darauf steht hier alles.