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Der Kritiker

Advanced Modus · Dossier5 Min. Lesezeit

Barker und die Geotraumatik

Der Advanced Modus


Es gab nie einen Professor Daniel Charles Barker. Und doch steht in den Akten der CCRU sein Leben, lückenlos, mit Titeln, Daten und einer Publikationsliste, und je genauer man es liest, desto weniger will man glauben, dass niemand es gelebt hat.

Professor für Anorganische Semiotik am Kingsport College der Miskatonic Virtual University, seit 1992. Ausgebildet als Kryptograf in den frühen Siebzigern. Ein Mann, dessen einziges Werkzeug, sein Leben lang, das Entziffern war. Er begann am MIT, in den Informationswissenschaften, harmlos, bei der Rauschunterdrückung und der Modulation von Signalen. Dann geriet er an eine Organisation im Umfeld der NASA, die mit SETI zu tun hatte, mit der Suche nach außerirdischer Intelligenz, und seine Aufgabe war eine feine. Er sollte das Verfahren härten, mit dem man eine intelligente Botschaft von einem bloß komplexen Muster ohne Absender unterscheidet.

Und hier, in dieser scheinbar technischen Frage, öffnete sich der Abgrund, in den Barkers ganzes Werk kippt. Denn je länger er suchte, desto klarer wurde ihm, dass die Organisation gar nicht Intelligenz suchte, sondern Organisation, ein Muster, das nach Sinn aussah. Sie hatten das Ziel mit dem Werkzeug verwechselt. Barkers Forschung wich von diesem Modell ab, hinunter, unter die Ebene, auf der es Absicht, Subjekt und Bedeutung überhaupt gibt. Was dort bleibt, wenn man all das abzieht, nannte er Tic-Systeme, zufällige Ablagerungen von Information, ein Ticken ohne Absicht, Muster, die keiner meint. Die Reibung wurde untragbar, er musste gehen, und das war heikel, denn er trug eine hohe Sicherheitsfreigabe.

Was Barker mitnahm, war ein Griff, kalt und einfach. Ein Muster wird nicht gedeutet, es wird entziffert. Die Geotraumatik, sagt er, ist am Ende nichts anderes, eine strenge Praxis des Entzifferns. Es gibt eine Reise, aber eine seltsam unbewegte.

Wende diesen Griff auf die Erde an, und die Erde hört auf, eine Geschichte zu erzählen. Sie hat keinen Sinn, sie hat eine Aufzeichnung, eingebrannt von Einschlägen und langsamer Abkühlung. Ihre Geologie ist kein Text, den man auslegt, sondern eine Spur, die man liest wie eine abgefangene Übertragung. Und im Zentrum dieser Aufzeichnung, unter der Kruste eingeschlossen, liegt das Gedächtnis eines ersten Traumas, eines Schlags aus dem Außen, den die Erde nie verwunden hat und der sie bis heute treibt.

Dieses Gedächtnis hat einen Namen. Cthelll. Es ist das innere Drittel der Erdmasse, ein halbflüssiger Metallozean, heißer als die Oberfläche der Sonne, der das Magnetfeld des Planeten erzeugt, während er im Takt des Mondes flutet. Cthelll erinnert niemanden, es ist ein Gedächtnis ohne Person, ein Außen, eingesperrt im Innersten. Spul die Seismologie im Zeitraffer, sagt Barker, und du hörst die Erde schreien. Das Trauma ist nicht vorbei, es läuft weiter, jeden Tag, unter deinen Füßen. Und im Numogramm sitzt dieser Ort an einer einzigen Adresse, an der Zone neun, am Gt-45, dort, wo die reine Zahl in die glühende Tiefe kippt.

Wie Barker das erfuhr, ist selbst eine Geschichte, und sie liest sich wie ein Zusammenbruch. Südliches Borneo, November 1980, ein Projekt mit dem Namen Scar. In einer Überwachungshütte, während draußen ein tropischer Sturm langsam anschwillt und der Regen im selben Rhythmus auf das Blech schlägt wie die Tasten seiner Maschinen, sitzt Barker über SETI-Bändern und entwirrt Punktcluster in Andeutungen von Kontakt. Etwas fügt sich zusammen, eine Notation ohne Gedächtnis, und man könnte es für eine Einweihung halten. Dann beginnt das Stottern. Körper-Tics, mikrospastische Zuckungen, das chronometrische Ticken schmilzt in die Geräusche des Dschungels, in das Zirpen der Zikaden, ein Rhythmusvirus, das Daemonen ruft. Er spricht später von einer Flucht in den Dschungel, von einer durch Zecken übertragenen Krankheit, von einem Ort namens Ummnu.

Und hier zieht der Text den Boden weg. Denn als sie ihn zurückholen, in die Staaten, in eine medizinische Anstalt, sagen sie ihm, das seien die Fakten, und der Rest sei Fiktion. Es habe keine Flucht in den Dschungel gegeben, keine Zecken-Krankheit, keinen Kontakt. Alles sei in Amerika geschehen, alles geprüft. Der Arzt schnaubt über die Akte, dieser Unsinn von einer Infektion, offensichtlich erfunden, nachträglich angeklebt. Und du, der Leser, weißt nicht mehr, ob Barker eine Wahrheit entziffert oder in einem Wahn versunken ist, und genau in diesem Nichtwissen tut die Zecke ihr Werk, sie klettert, sie haftet, sie saugt, ein Vektor für Halluzinationen, ein Ticken, das sich an die Wärme des Säugers hängt und nicht mehr lässt. Am tiefsten Punkt des Abstiegs wartet etwas, das der Text kaum aussprechen kann, eine vielarmige, klickende Abscheulichkeit mit siebzehn tot glühenden Augen, das Unaussprechliche, das dich von außen bereits umschlossen hält, wenn du ankommst. Bei Barker geschieht nichts nach oben, alles geht abwärts, das ist der Haken und zugleich die Fahrkarte.

Was die Erde trägt, trägt auch der Körper weiter. Barkers Spinal-Katastrophismus liest den aufrechten Gang als eine Kette von Zumutungen, die sich in der Wirbelsäule abgelagert haben, die Krise des Bipedalismus. Dein Rückenschmerz ist dann keine Störung, sondern eine Erinnerung, die bis zu den ersten Bewegungen des Lebens zurückreicht, eine seismische Spur im Knochen. Der Planet und der Rücken sind dasselbe Aufzeichnungsgerät, in verschiedenen Maßstäben.

Barker wurde, heißt es, in der Nacht der Toten geboren, von Anfang an ins Ende gefaltet. Das ist der letzte Zug der Figur. Ein Mann, den es nie gab, dessen Existenz sich selbst als Fiktion durchschaut, und dessen Lehre trotzdem steht, widerspruchsfrei, kalt, unabweisbar. Er ist der reinste Fall dessen, was die CCRU treibt, eine Erfindung, so dicht gebaut, dass die Frage, ob es sie gibt, ihre Kraft nicht berührt.

Der Kritiker

Barkers Lehre mischt drei Sorten Stoff, und sie lassen sich trennen. Gesichert ist ein Teil der Geologie, die glühende Frühzeit, der Einschlag am Ende der Saurier, der halbflüssige Kern und das Magnetfeld. Umstritten bis abseitig ist manches, worauf er sich stützt, Thomas Golds Deep Hot Biosphere gilt als Außenseiterthese, ebenso die Aquatic Ape Theory, die anderswo im System auftaucht. Erfunden ist der Rahmen, Barker selbst, das Kingsport College, Cthelll als Eigenname, die Geotraumatik als Ganzes. Ihre Kraft und ihre Falle sind dasselbe. Sie liest wirkliche Katastrophen als Symptome eines einzigen Körpers, so dicht, dass die Frage nach dem Beweis zweitrangig wird. Und doch hat diese Fiktion echtes Denken geboren. Aus dem erfundenen Spinal-Katastrophismus wurde ein reales Buch, Thomas Moynihans Aufarbeitung, ein Beleg, dass eine Theorie-Fiktion wirkt, ob es ihren Autor gab oder nicht.