Advanced Modus · Dossier4 Min. Lesezeit
Das Pandaemonium
Der Advanced Modus
Fünfundvierzig Abstände, fünfundvierzig Daemonen. Eine Zelle wählen.
Das Numogramm hat gerechnet, und aus der Rechnung sind fünfundvierzig Abstände gefallen. Hier hört das Rechnen auf, und etwas anderes beginnt. Die CCRU behauptet, diese Abstände seien nicht leer. In jedem wohnt ein Daemon, und ihr Gesamt nennt sie das Pandaemonium, das vollständige System der lemurischen Daemonologie und der Zeitsorcery. Es sitzt, sagt sie, im toten Zentrum ihres ganzen Werks.
Ein Daemon hat keine Klauen. Er ist ein Ort, der lebt, der Abstand zwischen zwei Zonen, aufgeladen mit einem Charakter, einer Stimmung, einer Tat. Jeder trägt zwei Adressen, das absteigende Zonenpaar, genannt Net-Span, und eine laufende Nummer der Matrix von null bis vierundvierzig, die Mesh-Zahl. Und jeder trägt einen Namen, oft mehrere, und einen Titel, der klingt wie aus einem Bestiarium. Auf Mesh-05 sitzt King Sid, der Zombiemacher. Auf Mesh-07 der alte Skug, der saugende Ghul. Auf Mesh-09 Narbenkopf, der Buzz-Cutter. Auf Mesh-13 der Kitzler, die klickenden Bedrohungen. Fünfundvierzig solcher Gestalten, gefallen aus einer einzigen Division.
Fünf unter ihnen tragen die Grundpaare, die Neun-Summen-Syzygien, und auf ihnen ruht alles Übrige. Drei von ihnen halten den inneren Ring, die gerade Zeit, und heißen darum Chronodaemonen. Murrumur, Net-Span acht zu eins, Mesh-29, die Traumschlange, ein Meerwesen und Nebelkriecherin, führt die Flut, den Surge, und in ihren Tiefen ist etwas halb verborgen, das keiner ganz sieht. Oddubb, sieben zu zwei, Mesh-23, der zerbrochene Spiegel, der Lauerer der dampfenden Sümpfe, führt das Zögern, den Hold, und ist der Daemon der Verdopplung, der Trance, aus der man aus einer Zeit heimkehrt, die noch nicht war. Und Katak, fünf zu vier, Mesh-14, die Verwüsterin, führt den Sog nach unten, den Sink, und zieht die innerste Kurve der Barker-Spirale.
Die beiden anderen halten die äußeren Schleifen. Djynxx, sechs zu drei, Mesh-18, der Kinderdieb, auch Ching genannt, der Dschinn, wohnt im Warp und ist ein Xenodaemon, er öffnet den achten Gate auf den ulterioren Wirbel der Außenzeit. Und Uttunul, neun zu null, Mesh-36, das siedende Nichts, wohnt im Plex, der untersten Schleife, glaubt nichts und liegt doch allem zugrunde. Er zieht die äußerste Kurve der Spirale, und seine Spur, das Utterminus, führt geradewegs zu Cthelll, dem glühenden Kern am Gt-45.
Damit man begreift, wie eng bei diesen Wesen die Zeit sich verknotet, hier die Geschichte der Katak. Ein Wesen namens Tchattuk stiehlt etwas von ihr, und dieser Diebstahl, sagen ihre Verehrer, ist es, der Katak überhaupt erst auf ihre Reise um den Zeitkreis schickt. Doch Tchattuk ist zugleich die, die stiehlt, und das, was verloren geht. Sie verwundet Katak und macht sie im selben Zug zu der, die man bestiehlt. Die Ursache liegt hinter ihrer eigenen Wirkung. Die Tak hatten ein Wort für das Gefühl, das ihr gebührt, eine Mischung aus Grauen und Liebe, Tukka. Katak ist die dunkelste der fünf, ihr Zeitalter ist jenes, in dem die Welt in Blut versinkt, sie bringt den leiblichen Tod und danach den Tod der Seele, sie erscheint in Hunden und in Vulkanen. Ein kopfjagender Stamm, die Tak-Nma, war ihr geweiht und wurde im Gefolge des Ausbruchs von Krakatau 1883 ausgelöscht. Auf einer schwarzen Stele in den Ruinen steht ihr Name als Khatzeik. Das ist kein Bild für die geschleifte Zeit. Das ist die geschleifte Zeit, in eine Handlung gefaltet, und wer die Geschichte liest, steht schon in der Schleife, ohne den Eingang bemerkt zu haben.
Und dann das Unheimlichste. Die fünfundvierzig ordnen sich von selbst, nach nichts als der Lage ihrer Enden, und was herauskommt, ist eine Schlachtordnung. Fünfzehn liegen mit beiden Enden im inneren Ring, in der geraden Zeit, die Chronodaemonen. Sechs liegen mit beiden Enden draußen, in den Schleifen, die Xenodaemonen, Djynxx und Uttunul gehören zu ihnen. Und vierundzwanzig kreuzen, ein Ende drinnen, eines draußen, die Amphidaemonen, die Schmuggler zwischen den Welten. Fünfzehn und vierundzwanzig und sechs, wieder fünfundvierzig, die Rechnung geht bis zum letzten Wesen auf. Die größte Schar sind die Kreuzenden. Der Krieg um die Zeit ist überwiegend Grenze und nicht Land.
So wird der Daemon lesbar. Er ist kein Soldat, er ist Gelände. Ihn zu befragen heißt, eine Stelle des Schlachtfelds der Zeit zu betasten, das gehaltene Innen, das offene Außen, eine umkämpfte Kreuzung. Deshalb ist das Pandaemonium ein Orakel der Zeit und keines der Liebe. Und die Barker-Spirale, von Katak in der innersten Windung des Rings bis Uttunul in der äußersten Schleife, ist die Achse, entlang derer der ganze Krieg verläuft, vom Einsturz im Zentrum bis zur Leere am Saum der Welt.
Der Kritiker
Gerechnet ist alles Zahlenhafte und lässt sich nachprüfen. Die fünfundvierzig folgen aus zehn Zonen, die Aufteilung in fünfzehn, vierundzwanzig, sechs folgt zwingend aus der Lage der Enden, die Net-Spans, die Mesh-Zahlen und die Ströme liegen fest. Gesetzt sind die Namen, die Titel, die Gesichter, die kleinen Mythen. Der Übergang von der Rechnung zur Erfindung liegt genau hier, an der Stelle, wo aus einem Abstand ein Daemon wird. Dass die Klassen die Fronten des Zeitkriegs sind, ist eine Lesart, aber keine willkürliche, denn Klasse und Krieg ruhen beide auf derselben Scheidung von Innen und Außen.